08.11.2025, 09:41 · #12'871
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Wie FCZ-Sportchef Milos Malenovic vom Wunderkind zur Hassfigur wurde
Die Fans des FC Zürich haben die Schnauze voll von ihrem Sportchef und lancieren eine Petition. Sie fordern die Absetzung von Malenovic. Wer ist der Mann, dem einst eine grosse Musikerkarriere prophezeit wurde?
«Milos raus! Milos raus!», halt es durch den Letzigrund, während Präsident Ancillo Canepa gegenüber dem Fernsehen verzweifelt versucht, seinen Sportchef zumindest verbal aus der Schusslinie zu ziehen. Gelungen ist ihm das nicht. Im Gegenteil. Wenig später lancieren FCZ-Fans eine Petition. In dieser fordern sie nichts weniger als die sofortige Absetzung von Milos Malenovic.
Schaut man allein auf die Resultate, ist das nicht verwunderlich. Das 1:2 gegen Lausanne am vergangenen Samstag ist die fünfte Niederlage in Folge. Kommt dazu, dass Malenovic mit seiner Personalpolitik gehörig Angriffsfläche bietet. Und er soll, so heisst es, mit herrischem Gebaren auf der Geschäftsstelle für Missstimmung sorgen. Die Fans haben nach etwas mehr als zwei Jahren die Schnauze voll von Malenovic. Wer ist dieser Mann, den sie zur Hassfigur erklärt haben?
Slobodan Malenovic zog 1979, lange vor Ausbruch des Bürgerkriegs, von Cuprija, nahe Belgrad, als Saisonnier nach Zürich. Seine Eltern waren schon da und erzählten ihm, dass es im Gastgewerbe genug Arbeit gebe. Als Sohn Milos 1985 zur Welt kam, war für den Vater klar: «Hier fühle ich mich zu Hause. Hier bleiben wir.» 2002 erhalten alle Familienmitglieder den Schweizer Pass. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der Vater auf einem Konsulat.
Milos Malenovic wächst in Zürich-Wollishofen auf. In einem Umfeld, das er später so umschreibt: Die Mutter gab Wärme, der Vater erzog streng. Der Vater hätte ihm selten das Gefühl vermittelt, am Ziel zu sein, sagte er. «Rückblickend bin ich aber dankbar, dass die Eltern etwas strenger waren. Viele meiner Schulkollegen landeten auf der Strasse.»
Disziplin, überdurchschnittliche Schulnoten, gutes Ballgefühl. Milos erfüllt alles und noch mehr. Mit drei beginnt er Akkordeon zu spielen. Mit sechs tritt er dem FC Zürich bei. Mit sieben gewinnt er ein Schachturnier gegen Erwachsene. Mit 15 steht er vor der Entscheidung: Sport oder Musik. GC offeriert ihm eine Ausbildung zum Fussballer. Das Konservatorium in Winterthur buhlt ebenfalls um das «Jahrhunderttalent», wie ihn der Akkordeonvirtuose Jovica Petkovic betitelte. Das Wunderkind entscheidet sich für Fussball.
«Als Secondo muss ich mich vom Durchschnitt abheben»
Im Fernseher läuft Sumo-Ringen. Keiner schaut hin. Mutter Dugica backt in der Küche Pite, mit Kartoffeln gefüllte Blätterteigtaschen. Bruder Milan spielt am Computer. Und am runden Holztisch im Wohnzimmer fachsimpelt Vater Slobodan mit Sohn Milos über Fussball. Als mir der damals 19-jährige Milos bei einem Besuch sein perfekt aufgeräumtes Zimmer zeigt, sagt er: «Als Secondo muss ich mich vom Durchschnitt abheben - in allem. Ich muss also immer besser sein, damit sich die Frage der Herkunft erst gar nicht stellt»
Alain Schultz, von 2004 bis 2006 Team- und WG-Kollege von Malenovic, erinnert sich: «Ordentlich, aufgestellt, anständig, selbstbewusst. Und unglaublich diszipliniert. Milos hat sehr häufig für sich geübt. Ob als Fussballer oder als Musiker.» Trotz des intrinsischen Antriebs wurde es nichts aus einer grossen Fussballer-Karriere. Als Malenovic 2011 mit bereits 26 Jahren seine Karriere beim niederländischen Zweitligisten Veendam beendete, nahm in der Schweiz niemand Notiz davon.
Dafür war seine Rückkehr in die Schweiz umso geräuschvoller. In den Niederlanden baut er sich schnell ein Netzwerk auf und findet eine neue Berufung: Spieler managen, beraten, vermitteln. Zurück in der Schweiz steigt er bald zum einflussreichsten Player der Szene auf. Selbst international mischt er dick mit. Aber immer wieder gerät er auch in den Fokus der Medien.
Er sei kaltblütig wie ein Killer
2014, weil er als Schattensportchef von GC zwar für üppige Transfererlöse sorgt, aber den Bogen der Kompetenzen überspannt. 2015, als er beim FC Biel Verträge aushandelt, Spieler verkauft und Spieler verpflichtet, obwohl er kein offizielles Amt im Klub hat. Oder 2020, als ihm der GC-Geschäftsführer Jimmy Berisha öffentlich Verleumdung, Persönlichkeitsverletzung und Rufschädigung vorwirft, nachdem Malenovic zwei Junioren von GC zum FCZ gebracht hat. Berisha behauptet, der Spielerberater habe die Väter der beiden Junioren mit Unwahrheiten über GC-Praktiken («entweder du nimmst dir diesen Berater oder du hast keine Zukunft») beeinflusst.
Ein Trainer, der nicht namentlich genannt werden will, sagt über den 40-jährigen Malenovic, dieser sei kaltblütig wie ein Killer. «Als Spieleragent ist er überragend, weil er clever, super vernetzt, manipulativ und gut organisiert ist. Ausserdem scheut er keinen Aufwand. Wenn du als Trainer einen Spieler verpflichten oder loswerden willst, gibt es keinen besseren als Milos, um diese Aufgaben zu lösen.» Aber Malenovic zum Sportchef zu machen, sei ein grober Fehler, «weil ihm die Empathie fehlt.»
Ancillo Canepa dürfte Ratschläge bekommen haben, als er im Sommer 2023 Malenovic mit einem Berater-Mandat köderte. Aber ernst genommen hat er sie nicht. Denn bereits im Oktober beförderte er den Berater zum Sportchef, obwohl Canepa solche Planspiele zuvor als abstrus bezeichnete. Heute hadern die FCZ-Fans: Wäre Canepa doch nur bei seiner Einschätzung geblieben.
Mit Bodyguard an der WM, mit Chauffeur unterwegs
Dazu muss man wissen, dass Malenovic ein sympathischer, aufmerksamer, interessierter und gebildeter Gesprächspartner ist. Ein Mann, der sich hervorragend verkaufen kann. Ein Mann auch, der problemlos die Rollen tauschen kann. Wenn er, wie bei der WM 2018 in Russland, mit Bodyguards auftaucht, umgibt ihn eine Wolke der Macht. Wenn er, wie in Aarau, sich vom Chauffeur durch die Menschenmassen bis vors Stadion chauffieren lässt, wirkt er wichtig.
Wenn er, wie eines Nachts in Zürich, Journalisten zufällig über den Weg läuft und aus dem Nähkästchen plaudert, ist er der bodenständige Kumpeltyp. Oder wenn er während eines Essens mit Sponsoren vom Tisch aufsteht, um die Mannschaft beim Warm-Up zu beobachten, ihn Canepa zurückzitiert, weil sich das nicht gehört und Malenovic ohne Wiederrede folgt, hat das schon fast etwas Devotes.
Wie weiter mit Malenovic? Diese Frage scheint sich Canepa nun doch zu stellen. Auf die Petition der Fans reagierte er so: «Wir analysieren im Rahmen der obersten Clubleitung, also im Verwaltungsrat, die Entwicklung der letzten Monate und werden unsere Schlussfolgerungen ziehen. Kurzfristig hat die Verpflichtung des neuen Cheftrainer absolute Priorität.» Sollte Malenovic sich selbst zum Trainer ernennen, wäre das nichts anderes als konsequent.
Quelle:
https://www.aargauerzeitung.ch/sport/milos-malenovic-sportchef-des-fc-zuerich-wird-zur-hassfigur-ld.4040785