12.11.2025, 11:03 · #6'788
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Wer sind die hartnäckigen Rekurrenten, die gegen das Bauprojekt auf dem Hardturmareal ankämpfen?
https://www.nzz.ch/zuerich/zuerich-so-ticken-die-stadiongegner-ld.1911102
Hochhäuser als «Viagra für Architekten», die keine Verdichtung bringen sollen: Eine Spurensuche fördert erstaunliche Ansichten zutage.
Die Gegner des Stadionprojekts «Ensemble» auf dem Zürcher Hardturmareal lassen einfach nicht locker. Drei Volksabstimmungen, mehrere Gerichtsverfahren, alle verloren. Und jetzt kommt noch ein dritter Prozess hinzu, vor dem Bundesgericht in Lausanne, wie vergangene Woche bekanntwurde. Und gegen die Baubewilligung können sie noch einmal vor drei Instanzen rekurrieren.
Sie könnten bis zum Äussersten gehen und den Volkswillen, die beiden knapp 140 Meter hohen Wohntürme und die von den Grasshoppers und dem FC Zürich dringend benötigte Fussballarena, bekämpfen, bis sämtliche Rechtsmittel gegen das Bauprojekt ausgeschöpft sind. Oder bis die Investoren allenfalls die Geduld verlieren und das Vorhaben von sich aus fallenlassen. Wenngleich die Projektverantwortlichen von «Ensemble» betonen, dass dies nicht geschehen werde.
Doch ob die hartnäckigen Rekurrenten tatsächlich zu allem bereit sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn: Sie schweigen beharrlich. Mehrere Anfragen für diesen Artikel blieben unbeantwortet. Diese Boykott-Haltung führt dazu, dass munter spekuliert wird. Wer sind die Stadiongegner? Wer sind ihre Helfer?
Die «Höngger Prominenz»
Die dürren Erkenntnisse dazu werden weiterhin herumgeboten, obwohl sie längst überholt sind. Und obwohl die damit gemeinten Personen für den Kampf gegen das Bauprojekt womöglich nie die Bedeutung hatten, die ihnen in diesem Schattenboxen bisweilen beigemessen wird.
Die beiden Namen Felix E. Müller und Urs Zweifel etwa tauchen immer wieder auf, letztmals am Montag in einem Newsletter von «Tsüri». Der Widerstand gegen das Bauprojekt mit den beiden Wohntürmen formiere sich um einen Verein namens Pro lebenswertes Zürich – Limmatraum oder kurz Pro Limmatraum, berichtete die Lokal-Plattform im März 2024. Das Online-Magazin war an Unterlagen gelangt, die belegen sollen, wer hinter diesem verschwiegenen Verein steht. Müller und Zweifel waren die bekanntesten Figuren in dem Artikel – und die einzigen, die namentlich genannt wurden.
Daher auch der Titel des Artikels: «Höngger Prominenz steckt hinter Stadion-Rekurs». Das blieb haften. Aber stimmt es auch?
Felix E. Müller, der frühere Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», wohnt in Höngg. In einer Gegendarstellung zum erwähnten «Tsüri»-Artikel stellt er klar, dass er nichts gegen den geplanten Stadionbau habe, sondern diesen vielmehr unterstütze. «Meine Einwände richten sich ausschliesslich gegen den geplanten Bau der zwei Hochhäuser, die Teil dieses Projekts sind», schrieb Müller damals. Gegenüber der NZZ hielt er später fest, dass er zwar in dem Verein dabei, aber keiner der Beschwerdeführer sei. Seither schweigt der frühere Chefredaktor zur Causa.
Urs Zweifel, der Neffe des verstorbenen Gründers der Höngger Zweifel Chips & Snacks AG, argumentiert ähnlich: Stadion ja, Wohntürme nein – wohlwissend, dass sich das privat finanzierte Projekt ohne die beiden Hochhäuser nicht rechnen würde. Der Weinunternehmer sah sich in den vergangenen Monaten mehrfach veranlasst, festzuhalten, dass er – anders als immer wieder behauptet – nicht Mitglied in dem erwähnten Verein sei und als Einzelperson ebenfalls keine Beschwerde gegen das Bauvorhaben eingereicht habe.
Vor einem Monat wiederum rückte Zweifel ein weiteres Missverständnis zurecht: Er habe dem Verein Pro Limmatraum 2022 lediglich eine einmalige Spende in Höhe von 5000 Franken zukommen lassen, teilte der Weinproduzent der NZZ mit. Dies, nachdem ihn der «Blick» zuvor kurzerhand zum wichtigsten Financier der Projektgegner emporstilisiert hatte: «Kampf gegen Zürcher Fussballstadion – Zweifel dreht den Geldhahn zu!», lautete die Schlagzeile.
5000 Franken? Für einen Geldhahn ist das wenig. Insider gehen davon aus, dass sich allein die Anwaltskosten der Rekurrenten mittlerweile auf einen sechsstelligen Betrag belaufen dürften.
Vor dem Zürcher Verwaltungsgericht hatten der «Verein A. und 31 natürliche Personen» Beschwerde eingereicht, wie es im Urteil von Anfang Oktober anonymisiert heisst. Man darf davon ausgehen, dass dieser «Verein A.» – der Verein Pro Limmatraum – sowie eine unbekannte Anzahl von Einzelpersonen ihren Rekurs vors Bundesgericht gezogen haben. Wie viele es genau sind, wird erst zu erfahren sein, wenn das Verfahren in Lausanne angelaufen ist. Je mehr Beschwerdeführer, desto tiefer die Kosten für jeden einzelnen Beteiligten dieser «Sammelklage».
Der Verein Pro Limmatraum wehrt sich gegen eine fortschreitende «Manhattisierung» und gegen «Weltstadt-Phantasien» in Zürich – also gegen Hochhäuser. «Mit politischen oder juristischen Mitteln», wie es auf seiner Website heisst. Präsident des Vereins ist Martin Schlup, emeritierter Professor für Elektrotechnik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Inhaber eines Beratungsunternehmens in Höngg. Von dort sind es rund 650 Meter zu Fuss bis zum Hardturmareal auf der anderen Seite der Limmat.
Schlups Haltung ist klar: «Die Stadt Zürich braucht keine zusätzlichen Hochhäuser – aber der Turmbau scheint das Viagra von einigen Architekten zu sein.» Das sagte er in einem Interview auf Youtube. Hochhäuser seien ein denkbar schlechtes Mittel, um Klimaverträglichkeit zu garantieren. Der Energiebedarf sei höher als bei Flachbauten, die Mieten wegen dieser Kosten ebenso, und das verstärke das Problem der Gentrifizierung. Und: Alle Spezialisten seien sich einig, dass Hochhäuser nicht der Verdichtung dienten. Es sind umstrittene Standpunkte, die Schlup vertritt.
Das Video ist 2023 entstanden, vor dem Hintergrund der revidierten Hochhausrichtlinien der Stadt. Garniert werden die Ausführungen des Präsidenten mit Illustrationen einer zubetonierten Wolkenkratzerstadt: «Greetings from Züri 2030», steht da geschrieben. Schlups Verdikt: «Wir können nur empfehlen, dass diese Richtlinien verworfen werden.»
Er wurde nicht erhört. Im Industriequartier und auf einem schmalen Streifen in Altstetten dürfen Hochhäuser von über 80 Metern gebaut werden, sofern sie wie die beiden «Ensemble»-Türme auf dem Hardturmareal über einen Gestaltungsplan verfügen.
Aber das ist Geplänkel. Der Verein Pro Limmatraum will das «Ensemble»-Projekt zu Fall bringen. Oder wie Martin Schlup sagt: Man wolle Erholungszonen schützen, «vor Schattenwurf, vor zusätzlicher Belastung durch Anwohner und so weiter». Daher habe man die Uferschutzinitiative lanciert, ein viel stärkeres Mittel als Richtlinien für Hochhäuser. Schlup zumindest sagt in dem Interview: «Das wäre ein aktives Verhindern dieser Grossprojekte in Zürich.»
Das Volksbegehren wurde im September 2024 von über zwei Dritteln der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger abgelehnt. Auch der Kreis 10 (mit Höngg) sagte mit 63,4 Prozent deutlich Nein zur Initiative, die womöglich tatsächlich auf ein Hochhausverbot in Ufernähe hinausgelaufen wäre. Daher auch der Übername, der dem Volksbegehren schnell angeheftet wurde: «die dritte Stadionabstimmung».
Im Gegensatz zu Schlup hatten die übrigen Initianten allerdings stets bestritten, dass ein Ja zu ihrer Vorlage das Bauprojekt gefährden würde. Sandra Bienek, Kantonsrätin der Grünliberalen und frühere Gemeinderätin aus dem Kreis 5, hatte bereits den Gestaltungsplan des Vorhabens auf dem Hardturmareal bekämpft. Sie sagt gegenüber der NZZ: «Ich war für Uferschutz, ich werde mich weiterhin für ein naturnahes Stadtgebiet einsetzen.» Es brauche Luft zum Atmen. Das geplante Stadion befinde sich mitten in einem Wohnquartier.
Aber ein vielbemühtes Motiv gilt auch für Bienek: «Ich bin nicht gegen das Stadion, ich liebe Fussball», sagt die GLP-Politikerin. Und nein, sie sei keine Beschwerdeführerin gegen das Bauprojekt. «Das machen jetzt andere.»
Von Journalisten immer wieder auf seine Rolle angesprochen wird auch Markus Knauss, Gemeinderat der Grünen und gemeinsam mit seiner Frau, der grünen Kantonsrätin Gabi Petri, Geschäftsführer der Zürcher Sektion des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS). Knauss hatte sich auch in der IG Freiräume Zürich-West engagiert, die sich für den Erhalt der Stadionbrache auf dem Hardturm eingesetzt hatte. Petri und er waren bei der Uferschutzinitiative ebenfalls im Komitee dabei.
Knauss behauptet weiterhin: «Das Bauprojekt wäre davon nicht tangiert gewesen. Man kann die Regeln nachträglich nicht ändern.» Nach dem Ja zum Gestaltungsplan 2020 sei die Stadionfrage für ihn ohnehin erledigt gewesen. «Ich halte es weiterhin für keine gute Idee, da zwei Wohntürme hinzustellen, aber die Stadtzürcher haben so entschieden», sagt der grüne Gemeinderat.
Der VCS habe auch keine Verbandsbeschwerde gegen das Bauprojekt eingereicht. Man habe das Verkehrskonzept der Bauherren geprüft und für okay befunden, sagt Knauss. Auch er betont, dass er keiner der Rekurrenten sei. «Ich wohne drei Kilometer vom Hardturm weg, ich wäre gar nicht legitimiert, den Rechtsweg zu beschreiten.»
Die Stadionfrage ist ein heisses Eisen. Knauss und Bienek lassen durchblicken, dass sie deswegen in den vergangenen Jahren immer wieder beschimpft wurden. Insofern ist es verständlich, dass der harte Kern der Projektgegner anonym bleiben will.
Affaire à suivre, demnächst vor dem Bundesgericht in Lausanne.