Salocin27
Mitglied711 Beiträge
Dabei seit Februar 2016
30.08.2025, 06:22 · #12'561
Beiträge: 711
Warum der FCZ so nur ein Laienschauspiel ist
Der Präsident und sein Sportchef Malenovic verfolgen grosse Ziele und träumen vom Europacup. Dumm nur, dass ihre Arbeit bislang dazu überhaupt nicht passt.
Thomas Schifferle, Tages-Anzeiger, 30.08.2025
In Kürze:
Die sportliche Führung des FCZ unter Milos Malenovic steht stark in der Kritik.
Seit 2023 gab es beim FCZ etwa neunzig personelle Wechsel im Kader.
Trainer Mitchell van der Gaag muss hoffen, die nötige Zeit zu bekommen.
Wenn Ancillo Canepa gleich zu Beginn dieses Artikels lesen würde, der FCZ sei kein Spitzenclub mehr, könnte er auf verschiedene Arten reagieren. Beim Lesen aus lauter Ärger in die Pfeife beissen. Oder von «Bullshit» und «Ahnungslosen» reden.
Dabei ist die Frage dringend: Wenn der FCZ ein Spitzenclub sein will, wieso handelt er nicht entsprechend?
Aus Canepas Sicht stellt sich diese Frage nicht. Er muss sie schon als Majestätsbeleidigung empfinden, weil er für sich gerne in Anspruch nimmt, immer zu wissen, was er macht, und dabei immer einem Plan zu folgen.
Und da stellt sich die nächste Frage: Was ist diesen Sommer der Plan, was ist er überhaupt, seit Milos Malenovic die Lizenz zum Wirbeln bekommen hat?
Offiziell ist Malenovic, der frühere Spieleragent, seit dem 1. Oktober 2023 im Amt. Inoffiziell ist er das schon drei Monate länger, diese Zeit war nur mit der Erklärung getarnt, er durchleuchte die Strukturen. Immerhin reichte sein Einfluss schon einmal, um im Sommer jenes Jahres die Rückkehr von Admir Mehmedi zu verhindern, obwohl der Vertrag mit ihm unterschriftsbereit vorlag. (Canepa würde hier nun einwenden, das habe nichts mit Malenovic zu tun, sondern der damalige Trainer Bo Henriksen habe sich gegen den Transfer ausgesprochen.)
Die Eine-Million-Dollar-Frage beim FCZ
An der Generalversammlung Ende 2023 verkündete Canepa, den FCZ neu erfinden zu wollen. Dafür hat er, wie er einmal erklärte, «explizit Milos verpflichtet». Und im hauseigenen Podcast im vergangenen Frühjahr behauptete er: «Wir sind auf einem super Weg.»
Was er bisher erreicht hat, kann nicht nach seinen Vorstellungen sein. Denn eines ist unstrittig, sowohl für leidenschaftliche Fans als auch für distanzierte Beobachter: Mit Malenovics Betreten der Bühne ist der FCZ zum Laienschauspiel verkommen. Die Südkurve verkündete im Mai ihre Diagnose via Transparent: Was der Club als Neuerfindung verkaufe, sei ein Verlust an Identität.
Malenovic geht mit dem Segen der Canepas vor. Und die Eine-Million-Dollar-Frage ist, ob Abhängigkeiten bestehen, dass sie ihrem Sportchef etwas zugestehen, was schon an Narrenfreiheit erinnert. Finanzielle? Vertragliche?
Das ist die Frage, die Canepa so richtig aus der Haut fahren lässt. «Fake News», sein dritter Lieblingsausdruck, ist dabei noch eine nette Entgegnung. Es ändert nichts daran, dass sich das Thema hartnäckig hält – besonders in Fankreisen.
Canepa hat die Neigung, sich schnell in einen Trainer oder einen Spieler zu verlieben und sich fast gleich schnell auch wieder zu entlieben. Im Fall von Malenovic brauchte er fünf Minuten, um sich sicher zu sein, mit ihm den richtigen Sportchef gefunden zu haben. Und der Zustand hält an. Malenovic ist weiter sein Hoffnungsträger – ein Mann also, der als vieles wahrgenommen wird, aber sicher nicht als empathisch. Der Mitarbeiter lieber einschüchtern soll, als sie einmal zu loben. Der zu Zeiten von Ricardo Moniz auch lautstark auf die Mannschaft einredete oder sich ins Training einmischte.
Als Malenovic vor bald zwei Jahren offiziell seine Arbeit antrat, war der FCZ Tabellenführer, ungeschlagen nach neun Runden, mit einem Punkteschnitt von 2,11. Viereinhalb Monate später, im Februar 2024, kam es Henriksen sehr gelegen, nach Mainz flüchten zu können. Und Malenovic auch: Er hatte sein Ziel erreicht und den emotionalen Dänen vergrault, indem er ihm zur Genüge vorgeworfen hatte, nicht den gewünschten Fussball spielen zu lassen. In diesen viereinhalb Monaten sackte der Punkteschnitt auf 1,21 ab.
Wie Malenovic den Trainer destabilisierte
Nach dem fragwürdigen Versuch mit Murat Ural und Umberto Romano als Trainerduo wurde Ricardo Moniz im April 2024 vom U21- zum Cheftrainer. Ein halbes Jahr darauf erklärte Canepa den Niederländer zum «Gesicht des FCZ». Das passte irgendwie auch: Moniz war so chaotisch und erratisch, wie es dieser FCZ gerne ist.
Bis Ende Oktober war der FCZ Leader, aber dann ging es auf einmal abwärts, weil Malenovic den Trainer destabilisierte und am Kader zu basteln begann: wie er das in den beiden Sommern zuvor gemacht hatte und wie er das jetzt wieder getan hat. Schon im vergangenen April analysierte Blue-Experte Rolf Fringer in dieser Zeitung: «Malenovic kann sich gut verkaufen. Blöd, wenn dabei Rang 8 herausschaut.» Jetzt sagt er: «In der vierten Transferperiode mit Malenovic beginnt der FCZ zum vierten Mal fast bei null, und wenn man das macht, stimmen die Zielsetzungen nicht mehr.»
Fringer, 2012 für knapp sechs Monate selbst Trainer beim FC Zürich, redet von einem «Leiterlispiel». Zum einen ist es für ihn «nur logisch», dass dieser Club mit seiner Geschichte und Tradition, gerade nach dem Meistertitel von 2022, vom Europacup träumt. Zum anderen aber sagt er: «Das Problem ist nur, dass die Qualität der Arbeit in der sportlichen Führung dazu nicht passt.»
Mit Malenovic sind alle Ziele verfehlt worden, gerade das, das für Canepa so wichtig ist: eine Qualifikation für die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs. Und das ist deshalb so wichtig, weil sein hoch defizitärer Betrieb dringend Zusatzeinnahmen braucht und er nicht dauernd gezwungen sein will, eigenes Geld einzuschiessen. In der Saison 2023/24 musste er mit seiner Frau ein Minus von 7,5 Millionen Franken decken, in der letzten Saison können die Zahlen nicht viel besser gewesen sein.
Europacup ist auch jetzt das Ziel. Allein das sagt, wie hoch die Erwartungshaltung ist. «Und mit der Erwartungshaltung steigt der Druck, ohne dass die Voraussetzungen gegeben sind», sagt Fringer. «Die Ungeduld im Umfeld steigt automatisch. Dann ist man immer zappelig. Und das ist gefährlich für einen Verein.»
Ancillo Canepa träumt vom Ajax-Fussball, dynamisch, dominant, von spielerischen Elementen geprägt. Ajax heisst aber ebenso: Spieler selbst auszubilden. Auf dass mit Verkäufen von eigenen Junioren die roten Zahlen aus den Büchern verschwinden.
Mitchell van der Gaag hat eine Vergangenheit bei Ajax Amsterdam, zuerst als Trainer der zweiten, dann als Assistent der ersten Mannschaft. Für Canepa war das der Leistungsausweis, um ihn diesen Sommer zu seinem «absoluten Wunschkandidaten» zu erklären. Van der Gaag sollte sich nicht zu viel darauf einbilden, das waren andere Trainer vor ihm auch schon. Aber in seinem Fall will Canepa eines betonen: «Wenn ich früher zu 99 Prozent überzeugt war, bin ich es jetzt zu 100 Prozent.»
Der Trainer ist schnell das Opfer
Im Juni begann Van der Gaag die Arbeit, indem ihm ein breites Angebot an jungen Spielern vorgesetzt wurde, alles «Triple-A-Talente», wie Canepa gerne sagt. Zwei Wochen vor dem Saisonstart bekam der Trainer zwei Spieler dazu, die nicht mehr 17 oder 18 sind, sondern Mitte 20. Ein Kolumbianer kam aus Salt Lake City (Palacio), einer mit Wurzeln auf Guadeloupe aus Sofia (Phaëton). Und als dann die ersten vier Spiele in Meisterschaft und Cup absolviert waren, startete Malenovic so richtig durch.
Innerhalb von elf Tagen tätigte er sechs Zuzüge. Darunter war ein Senegalese aus der Türkei (Keny), einer von Curaçao aus Italien (Comenencia), ein Kolumbianer aus Deutschland (Perea) und auch diesmal ein Kolumbianer aus Bulgarien (Segura). Alles ist vertreten, nur kein Schweizer, keiner wie der frühere Junior Matteo Di Giusto, der nach seinem Wechsel von Winterthur nach Luzern zeigt, wie schnell er sich an einem neuen Ort eingewöhnen kann.
Und darum eine weitere Frage: Will Milos Malenovic auf Teufel komm raus nur beweisen, wie gross sein Netzwerk ist? Oder ganz einfach: Hat kein Schweizer mehr Lust auf diesen FCZ? Gegen 90 Zu- und Abgänge hat der FCZ seit 2023 getätigt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Abgesehen von Steven Zuber spielt von all den Neuen kein Schweizer eine bedeutende Rolle.
Das 0:4 am vergangenen Samstag gegen Thun war ein Offenbarungseid für den FC Zürich und der Beweis dafür, wie viel Arbeit Van der Gaag noch zu erledigen hat und wie sehr die Schwächen in der Defensive schon beim Goalie beginnen. «Am Ende geht es in unserem Geschäft um Resultate», hat er bei seiner Vorstellung im Juni gesagt. Und wenn ihm neben der Zeit irgendwann die Siege fehlen, kann er auch die Mechanismen kennen: Das Bauernopfer ist dann schnell er als Trainer. Und sicher nicht der, der es eigentlich sein müsste. Der Sportchef.
***
Eine treffende Zusammenfassung und Analyse. Dieser ist nichts hinzuzufügen.