Unwiderruflich verloren
VON FRANK NÄGELE, 03.07.07, 20:12h
Bitburg - Nach dem Mittagessen wird es eng in der Pforte des Sporthotels Bitburg auf dem 1994 geschlossenen Gelände der US Air Force. Die wuchtige Gestalt des Fußball-Managers Reiner Calmund bahnt sich einen Weg ins Innere. „Ich bin eigentlich auf dem Weg zum CHIO-Reitturnier“, erklärt der Mann, als sei die Durchquerung des abgelegenen Südeifelstädtchens auf der Fahrt nach Aachen unvermeidlich. Aber es gibt ja Gründe, einfach mal aufzutauchen. Fortuna Düsseldorf und der 1. FC Köln bereiten sich hier auf die kommende Saison vor. Bei Fortuna ist Calmund Teil des Aufsichtsrates, beim FC bekleidet er keine Funktion, außer der des engsten Vertrauten von Trainer Christoph Daum. Die Begrüßung der Freunde fällt landestypisch aus, mit innigen Umarmungen und Wangenküssen.
Daum kann Beistand aller Art gut gebrauchen am Dienstagmittag, denn erst in der Nacht zuvor ist ihm so richtig klar geworden, dass er beim Unternehmen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga auf den Nigerianer Onyekachi Okonkwo verzichten muss, dem er selbst den Fußballernamen „Tico“ gegeben hat. „Ich gehe davon aus, dass Tico nicht für den FC spielt“, erklärt der Trainer tapfer, „es hat keinen Sinn, einen Spieler per Gerichtsbeschluss zum FC zu zwingen.“ Fast zwei Wochen lang hat Daum den bis dahin in Europa völlig unbekannten Spieler Ende der letzten Saison in Köln begutachtet, eigentlich nur, um Berti Vogts einen Gefallen zu tun. Der nigerianische Nationaltrainer wollte wissen, welche Fähigkeiten der Mittelfeldspieler von den Orlando Pirates hat und ob er für ihn in Frage komme. Daums Erkenntnisse waren eindeutig: Ja. Der Fußball-Lehrer war so begeistert von den Passfähigkeiten, der Technik und der Zweikampfstärke des 25-Jährigen, dass für ihn schnell klar war: Der muss für uns spielen.
Am 26. Juni, nachdem sich FC-Manager Michael Meier mit Irvin Khoza, dem Präsidenten der Orlando Pirates, in Zürich getroffen hatte, vermeldete Köln den Transfer als perfekt. Ablösesumme: 240 000 Euro. Das Komische war nur: Tico tauchte nicht mehr in Köln auf. Der FC hatte das für Nigerianer notwendige Einladungsvisum bei der deutschen Botschaft in Johannesburg beantragt. „Aber immer kamen fadenscheinige Erklärungen, einmal war es angeblich ein Fluglotsenstreik, der die Ausreise aus Nigeria verhinderte, dann wieder etwas anderes“, erklärt Daum. Am Freitag erschien der Spieler dann plötzlich beim Schweizer Meister FC Zürich, absolvierte später ein Testspiel und unterschrieb einen Vertrag bis 2011.
Selbst Christoph Daum wusste nicht so recht, was geschehen war. „Es bestanden Absprachen und Vereinbarungen mit Tico, er stand bei uns im Wort. Und wenn ein Wort nichts mehr zählt im Fußball, können wir den Laden gleich zu machen“, erklärte der Trainer, als sei die Verpflichtung eines begehrt gewordenen afrikanischen Fußballers ein Handel unter Ehrenmännern. Auf die Frage, ob Tico einen Vertrag beim FC unterschrieben habe, antwortete Daum eindeutig: „Nein.“ Dem widersprach Michael Meier eine Stunde später in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz mit Journalisten. „Es lag uns ein unwiderrufliches Vertragsangebot von Tico vor, das bis zum 24. Mai gültig war. Wir haben es am 21. Mai angenommen, damit bestand ein Vertrag“, erklärte der Manager, der sich sowohl vom Spieler als auch dem Verein Orlando Pirates betrogen fühlt und nun die Verbände einschalten will. „Ich habe Tico letzte Woche noch aus dem Auto angerufen, als es darum ging, den Vertrag zu finalisieren“, erklärt Meier, „und er hat noch einmal klar erklärt, dass er zum FC wechseln will.“ Tico gab demnach sein Wort auf etwas, das bereits schriftlich fixiert war.
Gesicherte Tatsachen in diesem Fall sind: Der Präsident der Orlando Pirates hat sowohl mit dem 1. FC Köln als auch dem FC Zürich Verträge über den Transfer desselben Spielers geschlossen; das vom FC nach Südafrika transferierte Geld wurde schon wieder zurücküberwiesen; der 1. FC Köln hat im Glauben, der Tico-Transfer sei sicher, den defensiven Mittelfeldspieler Pekka Lagerblom nach Aachen gehen lassen. Jetzt herrscht auf dieser taktisch entscheidenden Position erst einmal Leere.
Etwas untypisch für den FC ist, dass er nicht auf dem Erscheinen dieses hochveranlagten Spielers beharrt, obwohl er glaubt, die Rechte an ihm zu besitzen. „Es macht keinen Sinn, einen Mann mit solch einem Charakter zu verpflichten“, erklärt Michael Meier. Zu all dem kann sich Reiner Calmund („ich kenne keine Details und will nichts dazu sagen“) einen Kommentar dann doch nicht verkneifen: „Das Geschäft ist nun mal brutal, und solange die Tinte nicht unter allen Verträgen trocken ist, ist der Spieler nicht bei dir.“
aus dem kölner stadt anzeiger:
http://www.ksta.de/html/artikel/1182933856583.shtml
also meiner meinung nach haben die kölner die sache vergeigt. was heisst denn bitte schön ein "unwiderrufliches vertragsangebot"?
auch wenn die sache nicht schön aussieht - letztlich hat tico nichts anderes getan als viele vereine auch: versprechen abgeben aber mehrgleisig fahren. ich nehme an, das geschieht jeden tag hundert mal, dass man sowohl von der seite des vereins als auch von der seite des spielers zusagen macht. Aber erst ein vertrag ist dann halt rechtskräftig.