Thomas Renggli am Samstag den 23. April 2011
Wie viele Mode-Fans erträgt der Fussball?
Charlotte steht auf Haute Couture. Sie trägt Prada, Gucci, Dolce & Gabbana. Aber Charlotte ist kein Mode-Fan. Für den FC Zürich opfert sie die Freizeit und den Schlaf. Den Extrazug zum Uefa-Cup-Spiel in Empoli bestieg sie nach Ende des Nachtdiensts am Newsdesk. Ein Ferientag musste für den Abstecher in die Toscana reichen. Am Morgen nach dem Spiel erschien sie pünktlich zur Sitzung auf der Redaktion. Fussball als reine Männerdomäne ist im Letzigrund Schnee von vorgestern. Die Südkurve ist auch ein Laufsteg, die Osttribüne eine Flirtzone. In der sportlichen Düsternis der 1980er und 1990er Jahre war das noch ganz anders. Die Südkurve hiess Letzi-Egge und war eine Anlaufstelle für masochistisch veranlagte Sportfreunde. Während die Grasshoppers die Titel reihenweise abräumten, verpasste der FCZ kein Fettnäpfchen. Er verlor gegen Kriens, Delsberg und Brüttisellen. Zwischen 1988 und 1990 tauchte er in die Nationalliga B.
Am 13. Mai 2006 drehte der Wind. Einwurf Naef, Flanke Stahel, Schuss Filipescu. Zuberbühler am Boden. Zürich ganz oben. Ein Fussballspiel dauert 93 Minuten. Das Tor der Tore bescherte dem FCZ den ersten Titel seit einem Viertel Jahrhundert – und öffnete die Türen des Letzigrunds einer neuen Kundschaft. Sozusagen über Nacht galt es wieder als chic zum FCZ zu gehören. Die Auferstehung der Prügelknaben war eines der aufregendsten Kapitel der jüngeren Schweizer Sportgeschichte. Wer das Verlieren kultiviert, feiert die Siege umso euphorischer.
Charlotte steht noch immer in der Südkurve – mittlerweile in bester und grosser Gesellschaft. Ihre Schwester Barbara, die früher nur fürs Leichtathletik-Meeting vorbeischaute, besitzt nun auch eine FCZ-Saisonkarte. Selbst Arbeitskollegin Pascale, sonst eine passionierte Theaterbesucherin, begibt sich gelegentlich in die gesellschaftlichen Niederungen des städtischen Fussballs – aber nur wenn es nicht regnet und die Bise Pause macht. Dass sie die Offside-Regel nicht kennt, ist egal. Schliesslich leiden auch viele Schiedsrichter unter diesem Defizit. Durchschnittlich 11‘000 Zuschauer besuchen in dieser Saison die Heimspiele des FC Zürich – zwar deutlich weniger als in Basel und Bern, aber doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Den Unterschied machen die Schönwetterfans. Wer damit nicht leben kann, bleibt besser zuhause – oder kauft ein Abonnement bei den Grasshoppers.
Q:
http://blog.tagesanzeiger.ch/steilpass/index.php/1223/wie-viele-mode-fans-ertragt-der-fussball/