«Traum aus Bahia»
Herthas Trainer Lucien Favre wirbt um seinen Lieblingsstürmer Raffael
Michael Jahn
BERLIN. Es gab schon viele Spieler, die wurden als unverkäuflich tituliert. Mancher Profi fühlt sich in dieser Rolle wohl, sie erhöht seinen Marktwert und irgendwann auch seinen Kontostand. Miroslav Klose gilt als der letzte Fall in der Bundesliga, dessen bevorstehender Weggang hartnäckig geleugnet wurde - von Klaus Allofs, dem Manager von Werder Bremen. Jetzt spielt Klose beim FC Bayern, ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages. Letztendlich ist alles eine Sache des Preises.
Das wird sich auch Dieter Hoeneß, der Manager von Hertha BSC, in diesen Tagen denken. Hoeneß besitzt durch zu erwartende Transfererlöse für Kevin-Prince Boateng (7,4 Millionen Euro von Tottenham), Christian Giménez (2,2 Millionen von Deportivo Toluca) und Christopher Schorch (eine Million von Real Madrid) bald finanzielle Möglichkeiten wie lange nicht mehr, um noch spät auf dem Transfermarkt tätig werden zu können. Zuletzt kauften sie bei Hertha nach dem Einzug in die Champions League 1999/2000 im großen Stil ein, für insgesamt 17,385 Millionen Euro. In der Saison 2001/02 gaben die Berliner noch einmal 17,350 Millionen Euro aus, in erster Linie für die sündhaft teuren Marcelinho und Bart Goor. Später fielen dem Klub einige Investitionen auf die Füße, was der gegenwärtige Schuldenstand von 46 Millionen Euro anzeigt. Herthas neuer Trainer Lucien Favre interessiert die Vergangenheit wenig, er drängt nach dem personellen Aderlass (elf Abgänge) auf neue Profis, die auf seinem Wunschzettel stehen. Hoeneß sagte vor Wochen: "Favre wird in Zukunft vor allem auf junge Profis setzen." Diese Zukunft hat schneller begonnen, als viele alteingesessene Spieler glauben wollten. Der Manager pokert derzeit etwa um die beiden Mittelfeldtalente Fabian Lustenberger (19/FC Luzern) und Veli Kaflak (18/Rapid Wien). Und es ist kein Geheimnis, dass als absoluter Lieblingsstürmer des Schweizer Trainers der erst 22-jährige Brasilianer Raffael de Araujo gilt. Das Problem ist nur, dass Raffael für den FC Zürich stürmt. Und der Schweizer Champion hat bereits seinen Meistertrainer Favre samt seinem Trainer-Assistenten Harald Gämperle an Hertha BSC verloren. Letzteren titulierte FCZ-Präsident Ancello Canepa übermütig als "Weltmeister der Co-Trainer". Trotz des einst heftigen Widerstands der Zürcher gegen die Trainer-Transaktionen wird Hertha weiter versuchen, Favres Wunschstürmer zu verpflichten.
Raffael gehört derzeit noch in die Kategorie der unverkäuflichen Profis, er besitzt einen Vertrag bis 2011. Canepa, der von Hoeneß offiziell über das Berliner Interesse informiert worden war, sagte: "Wir denken nicht daran, Raffael zu verkaufen." Doch der Präsident sagte auch vor Wochen, dass Assistent Gämperle nur "über seine Leiche" nach Berlin gehen dürfe. Canepa aber erfreut sich weiter bester Gesundheit.
Vorsichtshalber haben sie in Zürich schon mal Anfragen neureicher russischer Klubs und schwerreicher Vereine aus den Vereinigten Arabischen Emiraten für den Brasilianer kolportiert. In Zürich heißt es, ein dritter Transfer nach Berlin würde die Glaubwürdigkeit der Klubführung schmälern und einen Gesichtsverlust bedeuten. Raffael ficht das nicht an, er scheint eine besondere Affinität zu seinem Förderer Favre zu besitzen, der dem technisch Hochbegabten auch einige Jugendsünden vergab.
In Zürich erzählt man sich immer mal wieder die kuriose Geschichte von der Zeit, in der Raffael verschollen war. Zürich musste in St. Gallen ohne seinen besten Stürmer antreten, und Favre sagte der Presse, der Stürmer sei gekidnappt worden. Später stellte sich heraus, dass ein windiger Berater aus Brasilien Raffael mit angeblichen Transferrechten unter Druck gesetzt hatte. Der wusste keinen Ausweg und verschanzte sich mehrere Tage in seiner Wohnung. Als er geläutert wieder zum Training erschien, soll ihm Favre schnell verziehen haben.
Wer sich die Vita des Torjägers anschaut, stößt auf dessen ersten Verein: Vitoria Bahia. Dort begann auch die Karriere des ersten Brasilianers bei Hertha, von Alex Alves. Doch das sollte kein Hindernis sein.
Berliner Zeitung, 02.08.2007
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... 74578.html