«So droht bloss eine Eskalation»
Im Sommer wurde das Kaskadenmodell eingeführt. Es sollte zu einer einheitlichen Sanktionierung von Fangewalt führen und Transparenz schaffen. Das Gegenteil ist der Fall.
*Analyse von
Tilman Pauls
Publiziert heute um 06:00 Uhr*
Am Sonntag hat sich die Super League in die Winterpause verabschiedet. Mit sieben Toren auf der Schützenwiese, einem überraschenden Erfolg der Grasshoppers in Basel und mit drei Elfmeter-Treffern beim Spitzenspiel in Lugano. Mal wieder viel los in einer Liga, in der sich neun von zwölf Clubs im Titelkampf befinden.
Das letzte Wochenende war aber auch in anderer Hinsicht ein geglückter Abschluss: Es ging nicht um Fangewalt, obwohl bei der Partie zwischen dem FC Zürich und dem FC St. Gallen brennende Fackeln auf die Tartanbahn des Letzigrunds geworfen wurden. Die Liga hat sich sportlich verabschiedet und nicht mit einem Thema, das in den letzten Monaten durchaus präsent war: das Kaskadenmodell.
Was ist das Kaskadenmodell?
Das Kaskadenmodell besteht aus vier Stufen, wobei gewisse Vorfälle im Vorfeld definierte Massnahmen auslösen. Die Sanktionen reichen von einer Lagebesprechung sowie einer Bewährungsphase über drei Partien (Stufe 1) bis hin zu einem Geisterspiel und fünf Spielen Bewährung (Stufe 4).
Wichtig: Das Modell wird nur durch Vorfälle einer Gruppierung ausgelöst, nicht durch Einzelpersonen. Dann werden die Ereignisse erst durch die örtlichen Polizeibehörden erfasst und analysiert. Liegt eine gravierende Handlung vor, wird der Vorfall unter Anhörung der involvierten Parteien geklärt und danach eine Sanktion festgelegt.
Am Ende liegt es allerdings in der Hoheit der städtischen oder kantonalen Behörden, die erarbeitete Empfehlung umzusetzen: Weder die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) noch die Arbeitsgruppe (AG) Bewilligungsbehörden hat die Befugnis, eine Entscheidung über die Bewilligung am jeweiligen Standort zu treffen. (tip)
Seit dieser Saison wird das Kaskadenmodell bei Spielen der Super League offiziell angewendet. Das vierstufige Modell ist die vermeintliche Antwort der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) und der Arbeitsgruppe (AG) Bewilligungsbehörden auf gewaltsame Vorfälle in der höchsten Schweizer Fussball-Liga.
Es wurde ausgearbeitet und vorgestellt, um an möglichst allen Austragungsorten dieselben Regeln im Umgang mit Ausschreitungen einzuführen. Nach knapp einem halben Jahr muss man aber festhalten, dass dies nicht der Fall ist. Die Anwendung des Kaskadenmodells ist nicht nachvollziehbar, nicht transparent und auch nicht zielführend.
Fünf Sanktionen in dieser Saison
Seit Juli wurden fünf Vorfälle sanktioniert, wie die KKJPD mitteilt. Zudem soll bei vier weiteren Vorfällen eine Massnahme seitens der Behörden gefordert worden sein, so ist zu hören. Und schon vor der offiziellen Einführung im Sommer wurden Strafen gemäss dem Modell ausgesprochen: Ab April 2023 blieben Kurven in Basel, Bern, Genf, Lausanne, Luzern, Sion, St. Gallen und Zürich leer.
Doch nicht allein die Kollektivstrafen haben für Kritik von Fans, Clubs und der Swiss Football League (SFL) gesorgt, die sich im März offiziell aus dem Kaskadenmodell zurückgezogen hat. Sondern auch das Vorgehen der Behörden in den vergangenen Monaten.
Im Vorfeld hat man von einer einheitlichen, nachvollziehbaren Anwendung des Modells gesprochen – davon ist aber nichts zu sehen. Mal wurde eine Kurve im nächsten Heimspiel gesperrt, mal dauerte es mehrere Wochen, mal Monate, mal passierte gar nichts. Mal wurde eine Sanktion auf der Website der AG Bewilligungsbehörden kommuniziert, in anderen Fällen nicht.
Es gibt mehrere Beispiele für das, was Betrachter als «Willkür» bezeichnen: In Sitten kommt es im August zu Ausschreitungen von FCB-Fans. Doch statt einer zeitnahen Sperre des Heimsektors und fünf Spielen Bewährung – so wäre es laut Modell vorgesehen – heisst es: Sperre des Auswärtssektors beim nächsten Spiel in Sitten und zwölf Spiele Bewährung.
Die Fackelwürfe von YB-Fans im Wallis wurden als Stufe 2 sanktioniert, dabei wären sie eigentlich klar der Stufe 3 zuzuordnen. Und zuletzt wurden knapp 600 GC-Fans für das Zünden von Böllern sogar für mehrere Stunden von der Polizei eingekesselt – eine Strafe gemäss dem Kaskadenmodell gab es dafür jedoch nicht.
Diese Vorfälle wurden in dieser Saison gemäss Kaskadenmodell sanktioniert
Am 27. Juli kommt es beim Spiel zwischen Lausanne-Sport und Sion zu Sachbeschädigungen, dem Abfeuern von Feuerwerkskörpern, einem Diebstahl auf dem Fanmarsch sowie Flaschen- und Steinwürfen in Richtung der Polizei.
Am 31. August kommt es vor dem Spiel in Sitten zu einer Schlägerei zwischen Fans des FC Basel und des FC Sion sowie zu Tätlichkeiten während des Basler Fanmarschs.
Am 19. Oktober kommt es im Vorfeld des Zürcher Derbys auf dem GC-Marsch zur Nutzung von «pyrotechnischen Gegenständen mit überdurchschnittlicher Knall- und Sprengwirkung», schreibt die KKJPD. Zudem versuchen mehrere Fans, die Garage des Stadions zu stürmen.
Am gleichen Tag greifen Fans des FC Luzern in Bern nach dem Spiel gegen YB Mitarbeitende der BLS sowie der Transportpolizei an.
Am 7. Dezember kommt es beim Auswärtsspiel der Young Boys in Sion zu Aggressionen der Gästefans gegen den Sicherheitsdienst und dem Einsatz von Feuerwerkskörpern gegen die Polizei.
«Damit das Kaskadenmodell akzeptiert wird, muss die Anwendung transparent und nachvollziehbar sowie unter Einbezug aller Beteiligten geschehen.» Das ist ein Satz, der im Projektbericht «(
https://www.kkjpd.ch/news-archiv.html?file=files/Dokumente/News/2024/231119%20Gesamtbericht%20Progesso%20d.pdf:119h5q8r)» aus dem Oktober 2023 geschrieben steht. Auf 89 Seiten werden dort die Grundlagen erklärt. Doch auch von Transparenz und Einbezug kann keine Rede sein.
Von aussen sind die Entscheidungen nicht einsehbar. Das mag vielleicht dann noch zu verkraften sein, wenn es um die Öffentlichkeit geht, um die unbeteiligten Betrachter. Aber es wird spätestens dann zum Problem, wenn selbst die SFL und die Clubs die inneren Vorgänge der Behörden nicht genau kennen und bei der Strafen-Findung nicht mit am Tisch sitzen.
Die SFL teilt auf eine entsprechende Anfrage mit: Bei einem sogenannten Behörden-Call im Anschluss an einen Vorfall werde ein SFL-Vertreter und ein Vertreter des betroffenen Clubs für eine Stellungnahme eingeladen. «Bei der Entscheidfindung sind die betroffenen Clubs und die SFL nicht dabei.» Ehe eine Strafe ausgesprochen wird, würde man «mit kurzem Vorlauf» eine Medienmitteilung der Behörden erhalten.
Transparent ist das nicht. Und es ist ebenso unverständlich wie die Tatsache, dass die KKJPD den Dialog mit der SFL abgebrochen hat. Dabei hat die Liga bereits im Mai um eine Wiederaufnahme eines Austauschs gebeten.
Stärkung der radikalen Kräfte
Klar ist: Der Widerstand gegen das Kaskadenmodell ist auch ein halbes Jahr nach Einführung gross. Der Konflikt zwischen Behörden und Fans wird sich nicht wie durch ein Wunder entspannen. Auch wenn das Vorgehen der Behörden zuletzt nicht das dominante Thema war, wirkt es doch weiterhin so, als steuere man in dieser Angelegenheit auf eine Eskalation zu.
In den letzten Monaten ist es bei friedlichen Protesten geblieben. Bei Plakaten in den Kurven, bei Spruchbändern, bei spontanen Wechseln in andere Sektoren oder beim ungebetenen Erscheinen der Fans, sodass man am Ende doch in den eigentlich geschlossenen Auswärtsblock gelassen wurde. So geschehen beim Spiel des FC Luzern in St. Gallen.
Im Fall des FCZ ist auch ein Club juristisch gegen eine Sektorensperre vorgegangen: Man will einen Präzedenzfall schaffen und einen richterlichen Grundsatzentscheid beim Thema Kollektivstrafen erwirken. Je nach Ausgang dürfte dieser Entscheid das Kaskadenmodell noch mehr ins Wanken oder es sogar zu Fall bringen.
Bis zu einem Urteil wird allerdings noch viel Zeit vergehen. So lange wabert auch das Thema «personalisierte Tickets» weiter durch die Liga. Und eines darf man bei den Entwicklungen der letzten Monate nicht vergessen: Die radikalen Kräfte in den Kurven gewinnen mit jeder fragwürdigen Entscheidung der Behörden weiter an Einfluss.
Es ist eine Entwicklung, die mehrere Kenner der Szene in den letzten Monaten mit Besorgnis beobachtet haben.
Q:
https://www.tagesanzeiger.ch/kaskadenmodell-und-fangewalt-so-droht-bloss-eine-eskalation-645072110480— Hast du Feuerschweif am Heck, spült das Wasser alles weg!
- Alte sizilianische Bauernweisheit