Communiqué Dachverband 1879: Polizei und Verein auf Augenhöhe mit Randalierern
Polizei und Verein auf Augenhöhe mit Randalierern
Communiqué Dachverband 1879 zu den Vorfällen rund um das Barragespiel
Die Polizei und die Sicherheitsverantwortlichen des FC St. Gallen erhielten in den letzten zwei
Tagen viel Platz, um ihre Version der Krawalle im und um das Espenmoos zu schildern. Wir
wollen an dieser Stelle die Vorwürfe entgegnen und zuerst einmal klarstellen: Wir bedauern den
Abstieg des FCSG zutiefst und verurteilen die Ausschreitungen, zu denen es im Anschluss an das
Spiel des FC St. Gallen gegen die AC Bellinzona gekommen ist.
Polizei verweigerte Dialog
Wir widersprechen der Polizei aber auch in einem zentralen Punkt: «Die Fans verweigerten das
Gespräch» (O-Ton Einsatzleiter Ralph Hurni). Das ist eine Lüge. Fakt ist: Am Spieltag wurde
kein einziger Vertreter der Fanszene kontaktiert. Anrufe von unserer Seite wurden ignoriert.
Weder die Mitglieder des Dachverbands, noch der Fanbetreuer Urs «Bömmel» Baumgartner,
hatten die Gelegenheit, mit den Sicherheitsverantwortlichen zu sprechen. Als dann die Polizei
kurz vor Schluss auf das Spielfeld marschierte und sozusagen prophylaktisch Pfefferspray in die
Südkurve sprühte, versuchten mehrere Fan-Vertreter auf die Sicherheitsverantwortlichen
zuzugehen. Die Antwort der Stadtpolizisten war immer dieselbe: «Wir können da nichts machen.
Befehl von oben.» Es waren Mitglieder des Dachverbandes, die dann den Leuten, die ob des
Aufmarsches auf den Zaun geklettert waren, sagten, sie sollen sofort vom Zaun herunterkommen,
damit die Situation nicht eskaliert.
Irrsinniger Polizeiaufmarsch und Drohungen
Bei der Polizei haben sich offenbar die Hardliner durchgesetzt, denen eine Konfrontation egal
schien – Hauptsache, sie gewinnen. Die Polizei hat sich am Dienstag auf Augenhöhe mit den
Randalierern begeben. Sie hat sich, statt kühl und überlegt zu handeln, mit potenziellen
Randalierern auf ein Machtspiel eingelassen.
Es gab mehrere ältere Fans, die den Störern sagten: «Hört auf mit dem Scheiss.» So ungefährlich
erschienen vielen jene sehr jungen Fans, die da auf den Platz stürmten. Doch es wollte sich zu
diesem Zeitpunkt auch niemand mehr zum verlängerten Arm von Polizei und Verein machen, die
mit ihrer Gesprächsverweigerung an der Eskalationsspirale mitgedreht hatten. Man verliess lieber
die Südkurve. Denn was kommen sollte, war jetzt absehbar. Von wegen Dialog: Seit Monaten
schüchtert der Verein Exponenten der Fanszene mit Anrufen und Drohungen für ein
Stadionverbot ein. Gespräche zwischen Verein und Fans sind unterkühlt.
Der irrsinnige Aufmarsch von siebzig Polizeigrenadieren in Vollmontur in der 83. Minute kam
einem Spielabbruch gleich. Der Einsatzleiter stand mehrere Minuten im Torraum von Daniel
Lopar, der Verein kämpfte noch immer gegen den Abstieg. Der polizeiliche Platzsturm kam einer
Kapitulation des FCSG gleich. Den Polizisten mag das egal sein, uns Fans hat dies das Herz
gebrochen.
Forderung nach professioneller Fanarbeit
Wir sind entsetzt darüber, dass je länger je mehr der Eindruck entsteht (und offenbar bei der
Polizei diese Sicht herrscht), die Fanszene sei eine wilde Horde. Wir müssen an dieser Stelle
etwas Grundsätzliches klar stellen: Viele von uns Fans aus der Südkurve sind mit dem
Szenekenner der Stadtpolizei, Martin Link, per Du. Wir haben ein gutes Verhältnis. Ein Dialog
wäre immer möglich gewesen. Als die Polizei in der 83. Minuten das Feld betrat, sprachen wir
ihn an. Es kam immer dieselbe Antwort: «Ich kann nichts machen. Ich habe nichts zu sagen.»
Es wäre ganz dringend Zeit für einen Dialog und eine Basis des Vertrauens zwischen Fans und
Verein, Fans und Stadtpolizei. Statt immer weiter immer mehr Geld für Sicherheit (sprich:
Repression) auszugeben, wie dies momentan der Fall ist, wäre der FCSG gut beraten (und auch
die Stadt, und auch wir, die Kurve) sich auf das Experiment einzulassen, wie es in Basel seit
Jahren praktiziert wird, nämlich einen Fanarbeiter einzustellen – keinen Fronarbeiter, keinen
motivierten Fan, sondern einen Profi aus dem Bereich der Sozialarbeit.
Denn die Repression bringt nicht viel. Denn gerade die Demontage des Stadions (damit wurde
der Polizeieinsatz vor dem Spiel und auch schon eine Woche zuvor gegen Aarau gerechtfertigt),
liess die Polizei ja zu: Sie stellte sich vor den Grünen Sektor und provozierte damit die
enttäuschten und aufgebrachten Fans der Südkurve, während im Blauen Sektor mit Sackmesser
und anderem Werkzeug Souvenirs (Stühle, Tafeln, etc.) abmontiert wurden. Was wir übrigens
gar nicht verwerflich finden. Denn dies ist eine Frage, die bisher nicht gestellt wurde: Warum
eigentlich wehrte sich der FCSG derart massiv gegen die Demontage eines Stadions, das 98 Jahre
lang tapfer seinen Dienst tat, und nun teilweise abgebrochen wird? Warum wehrte man sich
derart gegen eine liebevolle Demontage durch Fans, die ähnlich tapfer wie das Espenmoos selbst,
dort jahrelang den Verein unterstützten? Aus einer liebevollen Demontage wurde ein Kampf
zwischen Polizei und Randalieren. Es ist ein Ende mit Schrecken.
Angebliches Waffendepot als Rechtfertigung?
Zur Stimmung in der Kurve: Bis die Polizei das Feld betrat, war die Lage friedlich (vielleicht ein
wenig traurig) und klar: immer emotional, wie das immer ist, wie es das immer war, im
Espenmoos. Aber den Szenekennern ist das ja bekannt! Schmährufe gegen den Vorstand wurden
schnell unterbunden, wir wollten den FCSG anfeuern.
Und: Die ersten Gegenstände gegen die Polizei kamen übrigens keineswegs aus der Südkurve
geflogen. Stöcke, Bretter und Toilettendeckel flogen vor allem vom Blauen Sektor her, wo kein
Sicherheitsnetz hängt. Warum aber auch die Polizei eine Stunde lang vor dem Sektor ausharrte,
als ob sie endlich beworfen werden wollte, ist uns völlig unklar.
Zur Meldung, es seien Waffendepots gefunden worden: Wir stellen die Existenz dieser
Waffendepots in Frage. Denn diese Meldung ist auch für uns eine schockierende Nachricht, eine
neue Dimension – das hat es hier noch nie gegeben. Das können auch die Szenekenner
bestätigen. Wir können nicht glauben, dass jemand tatsächlich Stöcke und Waffen vor dem
Stadion versteckt haben soll. Und warum vor dem Sektor der Bellinzona-Fans? Wenn es dieses
Depot wirklich gab, wurde geprüft, ob dieses nicht womöglich von den Fans der AC Bellinzona
angelegt wurde? Denn schon beim Hinspiel versuchten aufgebrachte Tessiner, St. Galler Fans mit
Stöcken anzugreifen. Es wäre ein entscheidendes, wichtiges Detail. Aber vor allem: Was haben
die Stöcke draussen mit der Situation im Stadion zu tun? Wir können nicht verstehen, warum der
angebliche Fund eines Waffendepots draussen einen Einfluss auf den Einsatz drinnen hat? Wer
drin war, konnte ja draussen keine Waffen schwingen!
Die Polizei scheint im Nachhinein ihr übertriebenes Aufgebot rechtfertigen zu müssen. Wir
hatten keineswegs die Absicht, Krawalle anzuzetteln oder das Feld zu stürmen, wie dies nun
unterstellt wird. Die Selbstdisziplin der Kurve ist in dieser Hinsicht lobenswert. Als etwa in
Bellinzona der Zaun einstürzte versuchte niemand, das Feld zu stürmen, im Gegenteil: Man hielt
Hitzköpfe zurück!
Wo blieb die Deeskalation?
Die Polizei goutiert das nicht. Sie redete nicht mit uns. Der Verein verweigerte auch das
Gespräch, stellte diverse Sicherheitsmitarbeiter ein, um den Fans das Handwerk zu legen – wegen
dem alten Streitpunkt Feuerwerk – und wir alle liefen mit offenen Augen in die absehbare
Katastrophe. Das werfen wir auch uns vor. Aber: Anders als von der Polizei behauptet, waren wir
zu Gesprächen bereit. Denn wir Fans, vor allen wir, kennen die Schwierigkeiten, Hunderte von
Menschen in einem derartig emotionalen Rahmen unter Kontrolle zu halten: Letztes Spiel!
Abstieg! Die Polizei hat durch ihren martialischen Auftritt nicht geholfen, die aufgeladene
Stimmung zu entschärfen. Im Gegenteil. Sie hat uns gezeigt, dass sie uns als Gesprächspartner
nicht ernst nimmt. Wir verurteilen die Gewalt nach dem Spiel. Aber wir verurteilen auch den
aggressiven und völlig übertriebenen Polizeieinsatz, der die Eskalation schürte.
Und sie beschützten einen alten Rasen, statt ihn irgendwann freizugeben – die Katakomben
waren ja gesichert, die Tessiner Fans längst abgezogen – um es uns allen zu ermöglichen, uns
würdig vom Espenmoos zu verabschieden. Warum dies nicht möglich war – und zwar mit einer
klaren, deeskalierend wirkenden Kommunikation im Vorfeld des Spiels – ist eine Frage, die nur
der Verein beantworten kann.
Quelle :
www.dv1879.ch