Knapp daneben

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pexitoMitglied
24.08.2007, 11:34 · #41
Beiträge: 3'138
3. Generation NICHT erleichterte/automatische Einbürgerungen erhalten. Willkommen in der Schweiz! Und ich nehme dabei auch Secondos nicht in Schutz, das Phänomen des Eingebürgerten und selbst gegen Ausländer nimmt ebenfalls zu. Dabei soll mir einer erklären, worin sich ein 3. Generation Ausländer von einem Schweizer unterscheidet.
tiisMitglied
24.08.2007, 17:14 · #42
Beiträge: 161
3. Generation NICHT erleichterte/automatische Einbürgerungen erhalten. Willkommen in der Schweiz! Dabei soll mir einer erklären, worin sich ein 3. Generation Ausländer von einem Schweizer unterscheidet. Pauschal betrachtet und meistens wohl durch den Nachnamen. Subjektiv und aus eigener Erfahrung (auch ich bin ein eingebürgerter Ausländer) glaube ich, dass es durchaus noch kulturelle Unterschiede geben kann, auch in der 3. Generation. Sehe ich in meiner eigenen Familie...längst nicht alle Secondos haben sich integriert bzw. finden sich gleichermassen gut in der eigenen wie in der schweizerischen Kultur zurecht. Es kann nicht allzusehr verwundern, dass dies auch auf deren Kinder einen Einfluss hat.
captain tsubasaMitglied
30.08.2007, 04:29 · #43
Beiträge: 945
http://www.woz.ch/artikel/rss/15327.html Eins weniger von Pascal Claude Bayern München, Neuchâtel Xamax, und dann ist Schluss. Eines der verdientesten, stimmungsvollsten Stadien der Schweiz darf abdanken. Bald werden sie mit Baggern auffahren, mit Abrissbirnen, Schlagbohrern und Dynamit und den Hardturm in Schutt und Asche legen. Was danach kommt, weiss niemand. Die CS beteuert, am geplanten Fünfeck festzuhalten, doch glauben mag das kaum noch jemand. Die EM wird auf der anderen Seite der Geleise gespielt, und für GC und den FCZ braucht es keinen zweiten Vorzeigebau mit 30000 Plätzen. Das wissen auch die knochenharten Kalkulierer bei der Grossbank. Noch spricht es niemand aus, doch ein einfacher Weg, das Beschwerdeduell mit den AnwohnerInnen unblutig zu einem Ende zu bringen, wäre die Projektierung eines maximal 20000 Plätze fassenden viereckigen Fussballstadions mit schönen Stehplatzsektoren hinter den Toren. Bis es so weit ist, heisst es trauern, erreicht das Stadionsterben mit dem Ende des Hardturms doch seinen vorläufigen Höhepunkt. In der Schuhschachtel, in der ich die Matchtickets aufbewahre, fand ich über vierzig Erinnerungen an die GC-Heimstätte. Für siebzig Franken - was wir damals unverschämt teuer fanden - waren die drei Spiele der Champions League 1995/1996 zu sehen. Den Auftakt machte Ferencváros Budapest, das mit einer Hundertschaft Neonazis angereist war, die ihren ausgestreckten rechten Arm nur dreimal einzogen, beim Jubel über das 0:1, das 0:2 und das 0:3. Diesen Auftritt vor Augen, verwundert die eben erfolgte Gründung der Ungarischen Garde wenig; es hatte sich abgezeichnet. Zwei Jahre später war Croatia Zagreb zu Gast, «Preis Fr. 15.00, Sektor freie Wahl». Die Dinamo-Fans, mitten im Kampf gegen die von Klub- und Staatspräsident Franjo Tudjman durchgesetzte Umbenennung, prügelten sich im eigenen Sektor und feuerten eine Fackel nach der andern aufs Feld. Der dribbelnde Türkyilmaz im leuchtenden Strafraum war selbst der «L.A. Times» ein Bild wert. GC verlor null zu fünf, Zuberbühler sah rot, Smiljanic stand für ihn ins Tor, und hinter ihm brüllten die GC-Fans «Scheiss Jugos» in Richtung der Kroaten. Im Hardturm genossen immer auch Mannschaften Gastrecht, die aus irgendwelchen Gründen ihre Spiele nicht bei sich zu Hause austragen konnten. Als 1997 Albaniens Staatsstrukturen in sich zusammenzufallen drohten, musste die Nationalmannschaft ihre Qualifikationsspiele für die WM 1998 ausser Landes austragen. Albanien schlug vor Tausenden von Landsleuten im Hardturm Nordirland mit 1:0, und die drei bärtigen Zürcher, die sich als Fans der Nordiren ausgaben, hörten irgendwann auf zu singen. Auch zahlreiche Schweizer Vereine, deren Stadien nicht internationaler Norm entsprachen, empfingen ihre Gäste in Zürich. Hier warf St. Gallen Chelsea aus dem Uefa-Cup und scheiterte in letzter Minute an Brügge. Hier spielte der FCB gegen Feyenoord Rotterdam (26. Oktober 2000), was den Hooligan-Fahndern den Schweiss auf die Stirn trieb, weil Lausanne-Sport am selben Abend Ajax Amsterdam empfing. Hier trat der FCZ gegen Aston Villa an (Preis: Fr. 25) und YB gegen Roter Stern Belgrad (Fr. 20). Der Hardturm war eine Adresse. Fans von Zenit St. Petersburg (19.9.2002, Fr. 20) zeigten der Schweiz, was besoffen sein wirklich bedeutet. Die Tifosi der AC Fiorentina (20.10.1998, Fr. 20) tauchten den Gästesektor in Violett und beglückten das Rund mit den schönsten Gesängen. Und einige Fans von Leeds United (22.11.2001, Fr. 25) strandeten nach dem Spiel in der nahen Buch- und Kulturbar Sphères: «Was wollen wir hier? Das ist eine gottverdammte Bibliothek!» «Ja, aber eine, in der die Leute Bier saufen!» Irgendwann wurde die alte Westtribüne abgerissen, die klaffende Lücke gab den Blick frei auf den Zürcher Hausberg. Weil GC dann während einiger Spiele kaum mehr ins westseitige Tor traf, gebar der «Blick» die unerreichte Schlagzeile vom «Üetliberg-Komplex». Mit dem Bau des neuen Gästesektors 1998 normalisierte sich die Situation, was wieder vermehrt Heimspiele der Nationalmannschaft zur Folge hatte. Als am 2. September 2000 Russland in der WM-Quali zu Gast war (0:1), tischte der Schweizerische Fussballverband im Stadioncafé russischen Salat auf - eine schöne, nahe liegende Geste, von den russischen Journalisten leider mit totaler Nichtbeachtung bestraft. Ob man in Russland den russischen Salat überhaupt kennt? In England wird man ja auch oft auf die Swiss Roll angesprochen, und ich weiss bis heute nicht, was das ist. Der Hardturm wird fehlen. Die ganze internationale Prominenz einmal weggerechnet, war er einfach ein ausgezeichnetes Nationalligastadion, mit den Vorzügen der Nähe zum Spielfeld, der idealen Grösse und der guten Akustik und einigen hübschen Eigentümlichkeiten wie den Durchsagen des berndeutschen Platzspeakers im Falle von Feuerwerk («Bitte, lööds doch eyfach la sii») oder die am seltsamsten Ort angebrachte Anzeigetafel. Vor dem Freundschaftsspiel gegen die Bayern setzte sich ein geföhnter Zürcher zu drei Münchnern an den Tisch und spendierte ihnen eine Flasche Bier. «Was wollt ihr hier», fragte er sie beim Anstossen, «das ist eine alte, furchtbare Bruchbude. Wir haben in der Schweiz keine Allianz-Arena.» «Och», fand der kahlrasierte Münchner im roten Umbro-Shirt und leerte die halbe Flasche in einem Zug, «ich mag solche Stadien ganz gern. Das findest du bei uns nicht mehr.»
StadionverbotMitglied
30.08.2007, 06:35 · #44
Beiträge: 84
Knapp daneben Nr. 13/04 von Pascal Claude Mutige Family Wer sich selber lustig findet, macht sich über GC-Fans lustig. Dabei zeigen genau die, was Klubtreue wirklich heisst. Die Schweizer Fussballlandschaft ist erfreulich vielseitig. Da haben wir Basel, wo eine Stadt und ihre Umgebung vollkommen vorbehaltlos und in einzigartiger Weise hinter ihrem Verein stehen. Wir haben St. Gallen, wo der Stadtklub sinnstiftend ist für eine ganze Region bis weit ins Rheintal und sich die Hingabe für den FCSG selbst in Krisenzeiten in einer Art manifestiert, die Gästefans beeindruckt. Wir haben den FC Aarau mit seinem Schrebergarten-Charme und dem bezaubernden Brügglifeld, das hoffentlich nie abgerissen wird. Wir haben den FC Zürich mit seinem seltsamen Präsidenten und einem Anhang, der das sonderbarste und stimmungstötendste Stadion der Welt zu beleben vermag. Wir haben Bern, wo wieder etwas entstanden ist rund um den BSC YB und alle gespannt darauf warten, was nächstes Jahr passiert. Und wir haben Genf, Neuchâtel, Thun und Wil, die allesamt etwas zu bieten haben, ausser Geld. In ihrem Facettenreichtum verdient die Superleague ihren Namen. Und doch gibt es diesen einen Punkt, der allen gemeinsam ist und der alle vereint: Man findet GC Scheisse. Das kann man ja auch verstehen, bis zu einem gewissen Grad. Immer diese Verflechtungen mit der Hochfinanz, fast immer dieser Erfolg, immer dieses abgehobene Gehabe der Chefetage, immer zuviel Gel in den Haaren der Spieler und Event-Manager. Und immer diese dummen PR-Aktionen ; das alles macht einen Verein nicht wirklich anmächelig. Interessanterweise zielt der Spott der Gegner aber nicht darauf, sondern auf die Fans. Sie sind Zielscheibe für all die pauschale Abscheu, die dem Grasshopper Club of Zürich entgegengebracht wird. Das ist dumm. Und die GC-Fans haben es nicht verdient. Denn sie beweisen Mut. Viel mehr Mut als alle anderen Fans zusammen. Nehmen wir die Stadt Zürich : Was passiert denn, wenn der FCZ mal wieder mehr als ein Spiel in Serie gewinnt ? Alle, wirklich alle sind plötzlich und waren schon immer FCZ-Fans. Die Stadt an der Limmat, eine einzige Südkurve. Der Tages-Anzeiger glänzt seit Jahren jeden Samstag mit der Rubrik des armen « Kroll », einem (meist leidenden) FCZ-Anhänger, der von seinem Leben rund um den Letzigrund berichtet. Erscheinen im Kulturteil der Tageszeitung Berichte zum Fussball, stecken in neun von zehn Fällen FCZ-Fans dahinter. Auf der Redaktion des Tagi gibt es durchaus auch GC-Fans, doch hüten die sich, jemals dazu zu stehen. Denn sie wissen um den Spott. Ähnliches bei der NZZ : Wenn Journalisten mal was Abseitiges schreiben dürfen mit etwas Humor drin, waren sie meist im Letzigrund unterwegs, vielleicht noch im Hallenstadion. Im Hardturm sicher nie. Geht die NZZ bei GC (oder beim GC, in diesem Fall) mal etwas tiefer, so meist in Form einer Schelte. Leichtes, Nettes, Witziges aus den Hardturm-Katakomben war seit Jahren nicht mehr zu lesen. Beim Fussvolk dasselbe. In welcher Bar hängt denn schon ein GC-Wimpel ? Sein Mobiliar kann sich ein Wirt ja auch selber zertrümmern, wenn er Lust hat. In Zürich ist man FCZ-Fan. Und findet es super. Weil es ja alle andern auch sind. Weil man es eben ist. Schon immer war. Weil es cool ist. Stadtklub. Arbeiterklub. Subkultur. All das. FCZ eben. Sicher nicht GC.Es braucht kein Gramm Mut, FCZ-Fan zu sein, wenn alle andern es auch sind, wenn die ganze Stadt es ist. Es braucht aber sehr viel Mut, zu GC zu stehen, wenn man weiss, dass das ungefähr das Uncoolste ist, was man sich zwischen Aare und Töss aussuchen kann. All jenen, die als Kind GC-Fans werden, später merken, wie unpopulär das ist, aber trotzdem GC-Fans bleiben, all jenen gebührt grösster Respekt. Schliesslich gilt lebenslange Klubtreue in Fan-Kreisen noch immer als das höchste Gut. Oder was soll in den Augen all der GC-Hasser ein 15-Jähriger machen, der mit GC aufgewachsen ist? FCB-Fan werden ? Überhaupt : Was wird den GC-Fans denn vorgeworfen ? Dass sie Kinder seien, zum Beispiel, dass in ihrer Kurve alle noch zur Schule gingen. Na und ? Abgesehen davon, dass in manch anderer Kurve sich auch noch nicht alle Protagonisten täglich rasieren müssen, wäre mir neu, dass Jungsein etwas Anrüchiges ist. Dann das Stimmungs-Argument : GC-Fans hört man nicht, in ihrer Kurve ist nichts los, heisst es. Tatsächlich ? Für die 90er-Jahre mag das zutreffend gewesen sein, auswärts vor allem. Doch heute ? Es wäre einmal sehr gründlich abzuchecken, vor wem ausser Basel sich die Hoppers wirklich verstecken müssen, was den Support ihrer Mannschaft angeht. Bleibt der beliebteste Vorwurf an die GC-Gemeinde, jener des Nobelklubs, der sich mit Bonzen-Geldern alimentiert und in dessen Logen Cüpli serviert werden. Fans des FC Aarau oder des FC Thun kann man die Freude lassen, in dieser Weise über GC herzuziehen, so sie denn das Bedürfnis dazu haben. Aber Baslern ? Oder Zürchern ? Wer ist denn nun die Frau, die seit einer Weile ein paar Promille ihres Vermögens in den FCB pumpt ? Mutter Theresa ? Und hat sie ihr Geld mit harter, ehrlicher Arbeit verdient, oder haben da vielleicht auch Dinge wie Heiraten, Erben und Glück eine Rolle gespielt ? Und was die Cüpli-Logen angeht : Ist es ein Gerücht, dass im St.-Jakob-Park nicht nur Landjäger und Rivella serviert werden? Wo, wenn man genau hinsieht, findet denn tatsächlich der in den Kurven so verhasste « moderne Fussball » statt, im Hardturm oder im Joggeli ? Und der FCZ : Hat er Pfarrer Sieber als Präsidenten ? Oder einen steinreichen Mann, einen Bonzen ? Und würden im Letzigrund nicht schon seit Ewigkeiten Cüpli ausgeschenkt, so man denn Logen hätte dafür ? Und sind zur Zeit nicht gerade Pläne sich am Konkretisieren, den lang ersehnten VIP-Raum unter der Haupttribüne einzurichten, um endlich Pöbel von Prominenz zu trennen ? Was sich GC-Fans anhören müssen, ist letztlich nur eine Sammlung all dessen, wovor sich die Fans der Gegner fürchten (FCZ) oder wovor sie die Augen verschliessen, weil es bei ihnen zuhause schon lange viel schlimmer ist (FCB). GC stand vielleicht einst tatsächlich für Abgehobenheit, Noblesse und zuviel Geld. Inzwischen ist der Klub aber nur noch Projektionsfläche für all das Unbehagen, das der heutige Fussball produziert : Man hasst Logen - und lässt es an GC aus. Man fürchtet Investoren mit viel Geld und schlimmen Ideen - und lässt es an GC aus. Man regt sich über die Amerikanisierung der Stadionatmosphäre auf - und lässt es an GC aus. Ein Glück, dass sich die GC-Fans dadurch nicht beirren lassen. Ihre Kurve wird Jahr für Jahr dichter, daheim wie auswärts, ihre Gesänge werden lauter, ihre Choreographien ein bisschen besser. Der GC-Anhang, beheimatet in einem der besten Fussballstadien der Schweiz, bereichert den Liga-Alltag. Das wissen auch die andern. Und wären sie ehrlich, sie wären froh darum. Doch sie verharren lieber in ihren uralten, längst überholten Stereotypen. Und vielleicht muss das ja auch so sein, vielleicht gehört das einfach dazu. Den GC-Fans, so scheint es, hilft es letztlich nur
PiederMitglied
30.08.2007, 13:06 · #46
Beiträge: 212
Werter Pexito *Nerv dich ab meiner Meinung und nicht deswegen, weil ich ein Secondo aus Südeuropa bin. Idiot.* Genau das habe ich ja gemacht. Den Idiot kannst du dir deshalb sonst wohin stecken. Vielleicht hätte ich statt "die (Secondos)", "jene" schreiben sollen, vielleicht wolltest du mich aber ganz einfach nicht verstehen. * Zum Glück bin ich in Zürich aufgewachsen und jahrelang nur unter Secondos gelebt (kannst somit deine Tirade gleich weiterführen).* Wie du meinen Text als Tirade interpretieren konntest, verschliesst sich mir. Aber eben, vielleicht wolltest du es einfach als Tirade verstehen. Eventuell verhindert ja gerade die Tatsache, dass du (und auch Elim13) nur euer "Ghetto" in Zürich kennt, eine etwas differenzierte Sicht auf die Schweiz und die Schweizer. In Zürich die weltoffenen, urbanen und liberalen Schweizer, während im Rest der Schweiz nur konservative, reaktionäre, ausländerfeindliche, geranienzüchtende und schwulenfressende Bünzlischweizer zuhause sind, zu welchen gemäss deinem superkreativen Wortspieli ja auch ich gehöre. Aber stell dir vor, ich bin einem CVP-Elternhaus in einem Dorf in der Pampa mit 100 Einwohnern und 20 Misthaufen aufgewachsen, habe so ca. 250 Diensttage im Militär hinter mich gebracht, sitze sehr gerne in der Dorfbeiz am Stammtisch, habe aber noch nie bürgerlich gewählt (was sich diesen Herbst allerdings angesichts der unheilvollen Polarisierung ändern wird) und dann auch noch eine Ausländerin geheiratet, deren Mutter trotz über 30 Jahren in der Schweiz kein Wort deutsch spricht. Aber es ist halt schon so, mit einem sehr einfach gehaltenen Koordinatensystem geht es sich einfacher durchs Leben.
captain tsubasaMitglied
06.09.2007, 06:26 · #47
Beiträge: 945
Krebse, Schwalben, Stiche und Striche von Pascal Claude Wie niveauvoll Leserinnen und Leser sind, ist unter anderem daran zu erkennen, wie gut sie sich in Speisefragen auskennen. Die «Swiss Rolls», schrieb Leser D. als Reaktion auf die letzte «Knapp daneben»-Kolumne, seien «diese Himbeerrouladen mit dem weichen Teig». Noch weiter ging Leser U., der mit einem gezielten Hinweis Licht in die undurchsichtige Beziehung der Russen zum russischen Salat brachte. Der russische Salat nämlich wurde von einem Franzosen erfunden, er heisst in Wahrheit «Oliviersalat». Olivier kochte im zaristischen Moskau und wurde für seine fette Salatsauce berühmt. Dank Leser U. wird auch klar, weshalb die russische Delegation damals beim Länderspiel im Hardturm einen weiten Bogen um den russischen Salat machte: Während wir hier einfach ein paar Erbsen, Rüebli und Eier mit Mayonnaise zudecken, verwendete Olivier Haselhühner, Kalbszunge, Kaviar und Flusskrebse. Es hat also nicht nur Nachteile, wenn in der Schweiz alte Stadien das Zeitliche segnen - es kommen dafür auch neue Rezepte ins Land. Wobei so ein Nachruf auf ein Stadion gar nicht so ungefährlich ist, wie ein Journalist eines immer grösser werdenden Verlagshauses erfahren musste. Seine samstäglichen Zeilen zum Hardturm erschütterten die kleine Welt zwischen Töss und Reuss so sehr, dass er sich am Montag zu einem entschuldigenden Kommentar genötigt sah. Genötigt von wem?, möchte man nachfragen, lässt es aber bleiben. Sicher ist, dass ein, zwei Belehrungen in Essensfragen gut zu verdauen sind angesichts des Orkans, der über den armen Reuigen von der Werdstrasse hinweggefegt ist. Der Vollständigkeit halber darf nun aber auch der unbekannte Gastleser J. nicht unerwähnt bleiben, für dessen Geschmacksnerven die Beschreibung der Budapester Fussballfans, die 1997 im Hardturm zu eindeutigem Grusse ansetzten, eindeutig zu weit ging. In einem Mail an die WOZ weist er darauf hin, dass das normale Begrüssungsritual der Ferencváros-Fans zu Spielbeginn «Ähnlichkeit hat mit der nationalsozialistischen Begrüssung» und ich mich deshalb wohl geirrt hätte. Damit ich mich, statt wild zu spekulieren, mit Fakten befassen könne, verlinkte mich J. mit der englischen Wikipedia-Seite über Ferencváros Budapest. Dort ist zum Beispiel über das Uefa-Cup-Heimspiel gegen Millwall 2004 zu lesen: «Inside the ground, Millwall’s black players were subjected to racist abuse and ‹monkey chanting› for the duration of the entire match.» Dass vor dem Spiel zwei Millwall-Fans von einem Ferencváros-Anhänger niedergestochen worden waren, soll hier nicht mehr als eine Randnotiz sein. Leider führt die zitierte Wikipedia-Stelle mehr oder weniger direkt zum hiesigen Tagesgeschäft, hat der YB-Spieler Frimpong, nachdem er gegen den FC St. Gallen zur Faust gegriffen hatte, doch verlauten lassen, die von ihm angegangenen Spieler hätten ihn zuvor rassistisch beleidigt. Auslöser des Aufruhrs war ein von Frimpong herausgeschundener Elfmeter inklusive Platzverweis für St. Gallens Torhüter. Die Frage ist nun: Gelingt es, die beiden Vorfälle getrennt zu beurteilen? Ein Blick ins Forum der Fans des FC St. Gallen bestätigt die schlimmsten Befürchtungen nicht: Bis zur Forderung nach sofortiger Ausschaffung Frimpongs samt Frau ist zwar nahezu alles zu lesen, doch wird immer auch wacker dagegen gehalten und differenziert. Bevor Frimpong mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging, hatte ich gedacht, seinen auffälligen Auftritt gegen St. Gallen (ein Tor, eine Schwalbe, eine Rote) zum Anlass zu nehmen, kurz über seinen Vornamen nachzudenken: Joetex. Frimpongs Eltern haben nämlich Geschmack bewiesen bei der Taufe, stand ihrem Sohn doch in Joe Tex eine wilde Soulgrösse Pate, die mit Hüftschüttlern wie «I gotcha» und «I can’t see you no more» die Tanzböden polierte. Darauf näher einzugehen wäre zum jetzigen Zeitpunkt aber unpassend. Vielleicht nur unpassend, vielleicht auch ungut ist die orthografische Verrenkung, mit der die «Sportinformation» dem Phänomen der Doppelbürgerschaften Herr zu werden versucht: «Die beiden ‹Schweizer› Mladen Petric (Dortmund) und Ivan Rakitic (Schalke 04) sind für die EM-Qualifikationsspiele Kroatiens gegen Estland und in Andorra aufgeboten worden», war in der NZZ zu lesen. Was ist ein Schweizer in Anführungszeichen? Ein vermeintlicher? Ein Möchtegern-? Ein halber? Striche sagen mehr als tausend Worte. http://www.woz.ch/artikel/archiv/15348.html
pexitoMitglied
06.09.2007, 14:43 · #48
Beiträge: 3'138
Werter Pexito *Nerv dich ab meiner Meinung und nicht deswegen, weil ich ein Secondo aus Südeuropa bin. Idiot.* Genau das habe ich ja gemacht. Den Idiot kannst du dir deshalb sonst wohin stecken. Vielleicht hätte ich statt "die (Secondos)", "jene" schreiben sollen, vielleicht wolltest du mich aber ganz einfach nicht verstehen. * Zum Glück bin ich in Zürich aufgewachsen und jahrelang nur unter Secondos gelebt (kannst somit deine Tirade gleich weiterführen).* Wie du meinen Text als Tirade interpretieren konntest, verschliesst sich mir. Aber eben, vielleicht wolltest du es einfach als Tirade verstehen. Eventuell verhindert ja gerade die Tatsache, dass du (und auch Elim13) nur euer "Ghetto" in Zürich kennt, eine etwas differenzierte Sicht auf die Schweiz und die Schweizer. In Zürich die weltoffenen, urbanen und liberalen Schweizer, während im Rest der Schweiz nur konservative, reaktionäre, ausländerfeindliche, geranienzüchtende und schwulenfressende Bünzlischweizer zuhause sind, zu welchen gemäss deinem superkreativen Wortspieli ja auch ich gehöre. Aber stell dir vor, ich bin einem CVP-Elternhaus in einem Dorf in der Pampa mit 100 Einwohnern und 20 Misthaufen aufgewachsen, habe so ca. 250 Diensttage im Militär hinter mich gebracht, sitze sehr gerne in der Dorfbeiz am Stammtisch, habe aber noch nie bürgerlich gewählt (was sich diesen Herbst allerdings angesichts der unheilvollen Polarisierung ändern wird) und dann auch noch eine Ausländerin geheiratet, deren Mutter trotz über 30 Jahren in der Schweiz kein Wort deutsch spricht. Aber es ist halt schon so, mit einem sehr einfach gehaltenen Koordinatensystem geht es sich einfacher durchs Leben. Wer nur einen Satz aus einem ganzen Posting als Referenz nimmt, welcher noch als "Mist" angekündigt wurde, der soll mal vor eigener Haustüre kehren. Das Thema ist Rakitic und der Artikel dazu. Jetzt wieder etwas bösartiger: Ja, ich, Erkan und Stefan, wir sind halt Ausländer aus Prinzip. Nur so, weils Spass macht. Habe ja auch nicht miterlebt, wie in weniger "aufgeklärteren Zonen" diese Landes über Ausländer hergezogen wird. Und zwar so, dass sogar Secondos, aus Mangel an Alternativen und blinder "Integration", gleich mitwirken. Die stellen dann auch immer lustige Thesen auf und fragen neugierig den Stadtmensch, wie schlimm das in der Stadt sein muss. Weil im Plick die vielen pösen Ausländer, auch immer als "Ausländer" bezeichnet werden, anstatt des üblichen "Hans K.". Natürlich sind das nicht alle, aber es ist eine negative Tendenz erkennbar, und zwar schon seit mehreren Jahren. Zur These, dass in der ländlichen Gegend der Rassismus ausgeprägter sei, ist für mich klar ersichtlich. Wenn du das anders siehst, ok. Ausserdem interessierts hier niemand was du als einzelner wählst, aber die Wahlresultate können alle sehen. Vielen Dank auch, dass du eine verlorene Seele gerettet hast, indem du sie geheiratet hast, obwohl ihre Mutter kein Wort Deutsch kann. Wo kämen wir sonst auch hin. Bist mein persönlicher Retter aller Emmigranten. Nur dumm, dass im Unterschied zu Deutschland, hier eben nicht gilt: DU BIST SCHWEIZ! Die Frage steht im Raum, mein lieber Pieder: Was hätte den Pieder schreiben müssen, damit man das "Secondo aus Südeuropa" weglassen hätte können? Was wenn ein Schweizer den Vorwurf des Rassismus gegen die Schweiz erhoben hätte? Was hätte Pieder dann Schreiben müssen?
captain tsubasaMitglied
12.09.2007, 17:36 · #49
Beiträge: 945
Rayon vs. Raison von Pascal Claude Ende August wurden in Zürich die ersten 29 Rayonverbote gegen Fussballfans ausgesprochen. Seit vergangenem Freitag sind es noch 28. Einem Anhänger des FC Zürich, der mit Hilfe seiner Anwältin gegen die Massnahme Beschwerde eingereicht hatte, wurde Recht gegeben. Der junge Mann darf sich in der Stadt Zürich fortan wieder frei bewegen und erhält eine Prozessentschädigung von 1500 Franken. Mit dem Urteil kann er dennoch nicht zufrieden sein. Grundlage des Rayonverbots war eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung anlässlich der Meisterfeier des FCZ am 24. Mai 2007. Dem Fan wurde vorgeworfen, ein Kamerateam von «Schweiz aktuell» angegangen und dabei am Equipment einen Schaden von einigen Hundert Franken verursacht zu haben, was der Angeschuldigte stets bestritten hat. Ohne Urteilsspruch sprach darauf die Stapo Zürich ein einjähriges Rayonverbot aus, gültig bis 21. August 2008 (also bis nach EM-Ende) «im Umfeld von Sportveranstaltungen, während des Zeitraums von sechs Stunden vor bis sechs Stunden nach der Veranstaltung». Das sind inklusive Spiel rund 14 Stunden, und dies an über 60 Tagen, rechnet man allein mit den Heimspielen von FCZ, GC und ZSC. «Sportveranstaltung» ist aber ein weiter Begriff und umfasst auch Anlässe wie den Zürich-Marathon und sämtliche Breitensportspiele. Die zu den Rayonverboten mitgelieferten Ausführungen ermächtigen die Stapo Zürich theoretisch, die Stadt - die sechs Rayons betreffen die Gebiete Letzigrund, Hardturm, Hallenstadion, Bahnhof Altstetten, Hauptbahnhof und Seebecken - für Betroffene während 365 Tagen zu sperren, denn irgendwo wird immer Sport veranstaltet. Der Haftrichter am Zürcher Bezirksgericht ging auf die vom Rechtsdienst der Stadtpolizei Zürich fahrlässig formulierte Verfügung jedoch nicht ein, sondern stützte sich lediglich auf die Tatsache, dass das Strafverfahren gegen den FCZ-Fan in der Zwischenzeit eingestellt worden war. Und fügte an: Wäre der Fan an besagter Rangelei weit ab des Stadions tatsächlich in irgendeiner Art beteiligt gewesen, hätte er das Rayonverbot in diesem Ausmass als durchaus berechtigt erachtet. Verhängung und Aufhebung dieses Rayonverbots führen erstmals an einem konkreten Fall vor Augen, wo es beim Hooligangesetz hapert: an allen Ecken und Enden. Hier wird mit Gummibegriffen um sich geknüppelt, dass jegliche rechtliche Sicherheit auf der Strecke bleibt: Was heisst «im Umfeld von Sportveranstaltungen»? Ist hier die Kneipe neben dem Stadion gemeint, der Weg vom Stadion in die Innenstadt (wie im vorliegenden Fall), die Disco, die einer weit nach Spielschluss mit ein paar Freunden aus der Kurve betritt? Befinde ich mich auch im Umfeld einer Sportveranstaltung, wenn ich an der Strecke des «Inline-Contests» an einer Stehbar eine Wurst esse? Was ist eine «Beteiligung an gewalttätigem Verhalten», die für eine Massnahme gemäss BWIS ausreicht? Gelte ich als beteiligt, wenn meine Freundin jemanden schlägt? Herrscht Sippenhaftung, wenn jemand aus meiner Fangruppierung ausfällig wird? Und ist Gaffen auch eine Form der Beteiligung? Rayonverbote können maximal für ein Jahr ausgesprochen werden. Bisher ist in Zürich kein Fall bekannt, wo dieses Maximum nicht ausgeschöpft worden wäre. Müsste hier aber nicht die Schwere des Vergehens massgebend sein für die Dauer des Verbots? Oder wiegt im Zusammenhang mit Fussballspielen einfach alles gleich schwer, nämlich schwerstmöglich? Und wie steht es in Zürich um das rechtliche Gehör? Muss tatsächlich jeder mit Rayonverbot den mit hohen Anwaltskosten verbundenen Weg der Beschwerde gehen, um seine Sicht der Dinge darlegen zu können? Ist es schlichtweg normal, dass Rayonverbote, welche die persönliche Bewegungsfreiheit massiv einschränken, allein aufgrund laufender Verfahren ausgesprochen werden können? Und ist von einem Rechtsdienst der Polizei nicht zu erwarten, dass sie abklärt und festhält, was mit einem geschieht, der innerhalb eines Rayons wohnt oder arbeitet? Was hier läuft, geht über den Fussball hinaus. Und soll 2010 verfassungstauglich werden. http://www.woz.ch/artikel/rss/15384.html
captain tsubasaMitglied
17.10.2007, 17:55 · #50
Beiträge: 945
Training in Trnava Von Pascal Claude Axel, der Pudel, versucht zu bellen, die Johannes-Paul-der-Zweite-Uhr in der Réception zeigt neun. In den Morgennachrichten hält eine Romafamilie aus Banska Bystrica die dicken Steinklumpen in die Kamera, mit denen Unbekannte in der Nacht zuvor ihre Siedlung angegriffen haben. Von der Pension Oaza zum Stadion von Spartak Trnava sind es zwanzig Gehminuten. Die Jeruzalemska hoch, an einer der elf Kirchen der Stadt vorbei. Sie nennen Trnava «das kleine Rom». Das Anton-Malatinsky-Stadion, benannt nach dem letzten Meistertrainer, liegt mitten in der Stadt. Direkt hinter dem bröckelnden Gästesektor stehen drei kleine Wohnhäuser, ein Apfelbaum legt seinen Ast über die Stadionmauer. Punkt halb zehn traben die Spartak-Spieler aus den Katakomben auf den Trainingsplatz hinter der Haupttribüne, der auf einer Kopfseite von der alten Stadtmauer begrenzt wird. Eine Handvoll Männer schaut den Sportlern bei der Arbeit zu, darunter ein jüngerer Anfang zwanzig: «Wo Spartak gerade steht? Keine Ahnung, Vierter vielleicht oder Fünfter. Ist nicht so wichtig. Die Fans, die Ultras, interessieren mich mehr. Wir hier in Trnava sind die Nummer eins, wir sind die Fussballstadt. Nicht nur der Slowakei, von ganz Mitteleuropa. Unsere Ultras sind die besten. Politisch sind wir nicht. Im Kern gibt es ein paar Radikale, aber die hast du überall. Wir zünden Fackeln, es ist verboten, aber es sieht gut aus und ist ein Protest gegen den Verband. Die haben dort keine Ahnung. Unsere Hooligans hatten lange eine Freundschaft mit denen von Brno und Katowice. Aber jetzt stecken wir die ganze Energie in die Ultra-Sache in Trnava. Am Samstag spielen wir in Kosice. Die hassen wir seit zehn Jahren. Damals, am letzten Spieltag, waren wir punktgleich. Kosice spielte zu Hause gegen seinen Stadtrivalen Lokomotiva. Die liessen sie gewinnen. Kosice kam in die Champions League. Deshalb wird es am Samstag Probleme geben. Dann kommt Nitra zu uns. Nitra hat neben uns die besten Hooligans, ein grosses Derby. 10000 Zuschauer wird das schon geben. Nur gegen Slovan Bratislava kommen noch mehr Leute. Das sind unsere ärgsten Feinde.» Im Drei-gegen-zwei offenbaren die Spartak-Angreifer eine beispiellose Abschlussschwäche. Die beiden Torhüter lachen, der Trainer verwirft die Hände. Zum Schluss muss jeder Spieler aus sechzehn Metern die Latte treffen. Der Jüngste braucht am längsten. Die andern liegen im Gras und machen sich über ihn lustig. Dann gehen sie duschen. Auf den Spielerparkplätzen warten keine Geländewagen, dafür VW Golf, Fiat und Skoda. Hauptsponsor der Liga ist ein Bier, die Bälle kommen von Nike. Der Fan der Ultras Spartak verabschiedet sich. «Vierter», sagt er noch, «ich galube, wir sind Vierter.» Der Selbstzweck der Kurven, ihr vom Spiel zunehmend losgelöstes Dasein, ist auch in der Schweiz ein Thema. Muss, wer ins Stadion kommt, zwingend am Spiel interessiert sein? Wie ist es zu erklären, dass der Durchblick in Fan- und Hoolfragen zunehmend sportliches Basiswissen ersetzt? Ist diese Entwicklung Ursache oder Folge, und wovon? Ist sie bedenklich? Und wie sähe es heute in den Stadien aus, kämen noch immer nur jene, die nur des Fussballs wegen kommen? Während des Trainings, das wir gemeinsam verfolgten, hat der westslowakische Fan-Fan viel erzählt und jede meiner Fragen zuvorkommend beantwortet. Selber hatte er keine Fragen. Überhaupt ist in Trnava gut aufgehoben, wer ungern etwas von sich preisgibt. Ob Buschauffeur, Bäckerin, Auskunftsperson, Wirt, Schaffner, Bauer, Lehrerin, Sitznachbar, Kellnerin oder Antiquar: Rückfragen gibt es keine. Karl-Markus Gauss schreibt in «Die Hundeesser von Svinia», dass ihn alle SlowakInnen, die er getroffen hat, vor den Roma gewarnt hätten. Dass aber niemand von einer persönlichen Begegnung, einem Erlebnis hätte berichten können. http://www.woz.ch/artikel/rss/15504.html
captain tsubasaMitglied
28.10.2007, 12:04 · #51
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50 verschiedene Fussball Von Pascal Claude In einem Buch, in das ich flache Fussballsachen klebe, die ich nicht wegwerfen kann (siehe «Knapp daneben» vom 19.7.2007), steht irgendwo «50 verschiedene Fussball». Ich kann mich nicht erinnern, woher der Papierstreifen stammt, fand aber «50 verschiedene Fussball» immer sehr schön. Nun ist der Tag gekommen, selber «50 verschiedene Fussball» zu schreiben. Achtung, fertig, los: 01. «Engagierung von C-75ds-Leuten erwägen, polizeilich ausgebildet, die unter Umständen Zuschauer spitalreif schlagen können.» (Akte des FCZ-Sicherheitsverantwortlichen vom 5. März 1982, gefunden im alten Letzigrund am Tag der Räumung) 02. «I had an uncle who once played for Red Star Belgrade, he said some things are really left best unspoken» (Billy Bragg in «Sexuality») 03. «Kater ‹Morientes› musste qualvoll sterben.» (Bildlegende im «Blick» unter einem Büsi-Foto) 04. Beckhammer (Strassenname in Zürich-Unterstrass) 05. «So zeigte etwa die Analyse der Nachspielzeiten im englischen, spanischen, deutschen und italienischen Fussball, dass Schiedsrichter signifikant später abpfiffen, wenn die Heimmannschaft mit einem Tor in Rückstand lag, als wenn sie mit einem Tor in Führung lag.» (Die Professoren Dietl und Frank in der NZZ im Mai 2007) 06. «Das Ausziehen des Trikots nach einem Tor ist unnötig» (Fifa-Spielregeln 2006, Regel 12) 07. Herbert-Dröse-Stadion (Heimstätte des Hanauer FC 93) 08. «Unentschieden: Remy Martin» (Aus dem Titanic-Übersetzungsdienst für deutsche Schlachtenbummler zur WM 1998 in Frankreich) 09. «29.03.03 15.00 MKS Stal Herb Sanok-Rafineria Jaslo» (Matchplakat der 4. Liga, polnische Karpaten) 10. «That man can rot in hell for all I care. I don’t feel any guilt about saying that at all because he deserves it. Fuck him. Fucking tosser.» (Roy Keane 2002 im «Guardian» über den damaligen Irland-Coach Mick McCarthy) 11. «Man ist sich also auch einig darin, dass Polizeikräfte nicht provokativ (übertriebene Kriegsmontur, Waffen usw.) auftreten dürfen wie beispielsweise an Spielen in Zürich oder anderswo im Land?» (Frage der NZZ an den Euro-Delegierten Benedikt Weibel, Juni 2007) 12. «Wir sind zutiefst traurig, dass wir für immer von dir Abschied nehmen müssen.» (Todesanzeige im «Blick» für den «Strich», Sinnbild der Auf-/Abstiegsrunde. 1. Dezember 2002) 13. «Io ho ucciso Laura Palmer» (Bekennerschreiben auf umbrischem Doppelhalter, Perugia-Lazio, Februar 2001) 14. «Als dann aber Hanspeter Briegel zum Mikrophon griff und das Lied ‹Trink, Brüderlein, trink› intonierte, verwandelte sich die Piazza in das Zentrum eines Orkans.» (Unbekanntes, da umschlagloses Magazin über die Meisterfeier von Hellas Verona 1985) 15. «Sie sind vier Stunden unterwegs, da schlägt Uwe, der Hooligan, zu. Er hatte bei einem Fan Cottbusser Spielergebnisse aus DDR-Zeiten abgefragt, aber der konnte sie nicht fehlerfrei aufsagen. Da sei er kein richtiger Fan, entscheidet Uwe, dann blutet eine Nase.» (Süddeutsche Zeitung, August 2000. Reportage über eine Italienfahrt von Energie-Cottbus-Fans) 16. AC Nitra, Slavoj Nitra, Slovan Nitra, AC Nitra, Plastika Nitra (Klubnamen des heutigen FC Nitra/Slowakei zwischen 1909 und 1979. Aus der Chronik zum 70. Geburtstag des Klubs) 17. «Seit 1976 erscheint der Grümpler und jetzt ist es soweit. Der Grümpler erscheint das letzte Mal! In diesen Jahren hat sich viel verändert, das Freizeitangebot hat sich vervielfacht und teils haben sich die Grümpelturniere in Dorfturniere aufgeteilt. Deshalb ist die Nachfrage zum Grümplen gesunken.» (Aus dem letzten «Grümpler» 2002) 18. «Allez Magne» (Fanzeitung der deutschen Fanprojekte während der WM 1998) 19. «Ich glaube an den SVD, denn dieser Glaube ist ok.» (Gleichnamige musikalische Ode von Gerald Wrede an seinen Verein SV Darmstadt 98) 20. «Vonnöten scheinen aber vor allem Torrichter. Wie viel Ärger gab es schon bei der Frage, ob der Ball die Linie überschritten hatte oder nicht!» (Die Zeitschrift «Hobby» am 15. Juni 1966, sechs Wochen vor dem WM-Finale im Wembley) 21. «Nichtspieler, begegne dem Fussball ehrlich und objektiv; aktiver Fussballer, spiele mit Würde.» (Schiedsrichter André Daina im Vorwort zum CH-Panini-Album 1981) 22. «Schön wiänä Moorgeschtraich, isch jedä Schuss vo Dir, sitzt jedä Schuss vo Dir, und jedä Gägner wird weich.» (Peter Felix in «Karli no ne Goal») 23. «Ovomaltine ist der Energiequell für alle, die mehr leisten wollen oder müssen.» (Inserat im Schweizer Jahrbuch «Rund um das Leder 1959/60») 24. «Ich» (Autobiografie von Franz Beckenbauer) 25. «Berti vor! … Camembert!» (Aus dem Titanic-Übersetzungsdienst für deutsche Schlachtenbummler zur WM 1998 in Frankreich) 26. «Seit der Europameisterschaft 1984 in Frankreich bevorzugte ich eine französische Polizeipfeife aus Metall, die auch vom Mundstück her sehr angenehm ist.» (Schiedsrichter Dieter Pauly im Reclam-Lesebuch «Doppelpass und Abseitsfalle») 27. «Glaubt einer vielleicht, ich könne noch mit einem Leibchen auf die Baustelle? Da lacht doch ganz Zürich!» (FCZ-Fan im «Magazin», 1995) 28. «… so dass es heutzutage geraten scheint, sich nicht an öffentlichen Plätzen aufzuhalten, an denen das Fernsehen zugegen ist, weil die starke Wahrscheinlichkeit besteht, dass dessen blosse Anwesenheit ein gewaltsames Ereignis zur Folge hat.» (Jean Beaudrillard, Überlegungen zu Sport, Fernsehen und Modernität in einem Kommentar zur Heysel-Tragödie 1985) 29. «Zeig mir den Platz an der Sonne, wo alle Menschen zusammenstehn.» «Zeig mir den Platz in der Kurve, wo alle Schalker zusammenstehn.» (Originaltitel von Udo Jürgens, Adaption von Gerd Recat) 30. «Wir haben an unserem Institut eine Studie mit Hooligans, Tamagotchis und Barbiepuppen durchgeführt. Die Resultate sprechen nicht gerade für die Hooligans.» (Interview mit einem gewissen Prof. Dr. W. Klombeck-Raffs im offiziellen Matchprogramm des SC Kriens, 8. Dezember 2002) 31. «Radi und Radieschen» (Dritte Single des singenden 1860-Torhüters Radi Radenkovic) 32. «Why Drugs?» (ehemaliger Trikotsponsor von GC) 33. «Fussball, Ficken, Alkohol» (Ursprünglich ein Song der Punkband «Lokalmatadore», heute als Slogan erhältlich auf T-Shirts, Fussmatten, Bierkrügen) 34. Grün-Blau (Seltenste Farbkombination für Vereinstrikots) 35. «The person I most enjoyed meeting was Boris Becker.» (David Beckham in «Beckham», 2000) 36. Visp, Vips (Herkunftsort Joseph Blatters, Zielpublikum an Weltmeisterschaften) 37. «Always Ultras Cologne» (Eine der ersten weiblichen Fangruppierungen) 38. «All I want for Christmas is a Dukla Prag Away Kit» (Songtitel von «Half man Half Biscuit») 39. «Ja wenn ein Tor fällt, ja wenn ein Tor fällt, dann baun wirs wieder auf.» (Peter Behrens vom «Trio» zur EM 1988) 40. «Popp, Luitpold, geb. 7.3.1893. Der spindeldürre Mensch mit dem kleinen Schnurrbart gehörte der besten Sturmreihe des 1. FCN an.» (Aus der «Galerie grosser Spieler» in «Fussball. Geschichte und Gegenwart», 1958) 41. «Nedvedova bomba, Rosického mozek, Lokvencuv Hattrick» (Cocktails aus dem «Spartanske Menu», der Speisekarte der Stadionbar von Sparta Prag) 42. «Alli Froue schreyä ‹Wäh›, we si gseh dr Constantin» (Sprechchor der YB-Fans gegen den FC Sion) 43. «London» (Vom DFB verbotene Kondom-Trikotwerbung des Bundesligisten Homburg) 44. «Borghetti» (Kaffeelikör, der in italienischen Stadien trotz Alkoholverbots in winzigen Plastikflaschen verkauft wird und sich deshalb grosser Beliebtheit und internationaler Berühmtheit erfreut. Nicht verwandt mit Mexikos Fussballer.) 45. «Paul-Walser-Stiftung-Stadion» (Noch bis vor kurzem, jetzt leider nicht mehr Heimstätte des FC Wohlen) 46. «Auf dem Weg nach Mexiko» (Leider nie angekommen; Raimondo Pontes Buch zur WM-Qualifikation 1986) 47. Madrid (2), Barcelona (2), Sevilla (2), Vigo, Gijon, Alicante, La Coruña, Oviedo, Elche, Bilbao, Valencia, Malaga, Valladolid, Zaragoza (17 Stadien in 14 Austragungsorten an der WM 1982 in Spanien, bei einem Teilnehmerfeld von 24 Mannschaften. 2006 waren es bei 32 Mannschaften noch 12 Stadien) 48. «Nur die allerdümmsten Elber / fällen sich im Strafraum selber» (Wiglaf Droste in «Ansichtssache Fussballplatz» 2003) 49. «Deutschland vor, noch ein Tor! … Allemagne avant, un général De Gaulle!» (Und noch ein letztes Mal aus dem Titanic-Übersetzungsdienst für deutsche Schlachtenbummler zur WM 1998 in Frankreich) 50. «Regel 7, Abschnitt 1.8: Bei Senioren- und Veteranenspielen werden keine Verlängerungen gespielt.» (Aus «Fussball Spielregeln», herausgegeben von der Schiedsrichterkommission des SFV) Das war zum 50. Mal «Knapp daneben» auf www.woz.ch Danke, dass Sie lesen. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 25.10.2007 http://www.woz.ch/artikel/rss/15530.html
Don UrsuloMitglied
28.10.2007, 15:51 · #52
Beiträge: 10'541
46. «Auf dem Weg nach Mexiko» (Leider nie angekommen; Raimondo Pontes Buch zur WM-Qualifikation 1986) 46. (!!!) 20 Jahre spaeter, im 2006, hat ein solches Buch wenigstens den Weg nach Costa Rica gefunden. Ich habe mich koestlich amuesiert an der Lektuere :) Es war sogar der Renner unter den Fussball-Schweizern hier vor Ort. Kleines Detail: die Widmung (in Englisch!) auf dem Buchdeckel an meine Wenigkeit hatte 3 Schreibfehler - ob Buchdeckel oder Matchliste, manchmal zuviele Woerter von Don R :)
tschoMitglied
05.11.2007, 14:02 · #53
Beiträge: 243
01. «Engagierung von C-75ds-Leuten erwägen, polizeilich ausgebildet, die unter Umständen Zuschauer spitalreif schlagen können.» (Akte des FCZ-Sicherheitsverantwortlichen vom 5. März 1982, gefunden im alten Letzigrund am Tag der Räumung) Dass dazu noch niemand was geschrieben hat erstaunt mich doch recht eigentlich ! Habe ich was verpasst und das Thema wurde schon an anderer Stelle abgehandelt ? Und was sind C-75ds-Leute ? Robocop-Bausätze ?
Elim13Mitglied
05.11.2007, 16:23 · #54
Beiträge: 722
44. «Borghetti» (Kaffeelikör, der in italienischen Stadien trotz Alkoholverbots in winzigen Plastikflaschen verkauft wird und sich deshalb grosser Beliebtheit und internationaler Berühmtheit erfreut. Nicht verwandt mit Mexikos Fussballer.) Schön war's in Empoli!
captain tsubasaMitglied
06.11.2007, 13:21 · #55
Beiträge: 945
01. «Engagierung von C-75ds-Leuten erwägen, polizeilich ausgebildet, die unter Umständen Zuschauer spitalreif schlagen können.» (Akte des FCZ-Sicherheitsverantwortlichen vom 5. März 1982, gefunden im alten Letzigrund am Tag der Räumung) Dass dazu noch niemand was geschrieben hat erstaunt mich doch recht eigentlich ! Habe ich was verpasst und das Thema wurde schon an anderer Stelle abgehandelt ? Und was sind C-75ds-Leute ? Robocop-Bausätze ? ist halt schon ziemlich lange her, aber krass ist's trotzdem!
tschoMitglied
08.11.2007, 06:17 · #56
Beiträge: 243
01. «Engagierung von C-75ds-Leuten erwägen, polizeilich ausgebildet, die unter Umständen Zuschauer spitalreif schlagen können.» (Akte des FCZ-Sicherheitsverantwortlichen vom 5. März 1982, gefunden im alten Letzigrund am Tag der Räumung) Dass dazu noch niemand was geschrieben hat erstaunt mich doch recht eigentlich ! Habe ich was verpasst und das Thema wurde schon an anderer Stelle abgehandelt ? Und was sind C-75ds-Leute ? Robocop-Bausätze ? ist halt schon ziemlich lange her, aber krass ist's trotzdem! Wenn man sich den letzten Sicherheitsverantwortlichen des FCZ und seine rigiden Methoden vergegenwärtigt scheint hier eine Kontinuität seit 1982 in die jüngste Vergangenheit und Gegenwart zu wirken. Verschärfend kommt neuerdings hinzu, der vorauseilende Gehorsam der Vereinsführung gegenüber Begehrlichkeiten der Polizei.
captain tsubasaMitglied
29.11.2007, 06:38 · #57
Beiträge: 945
Zeit der Besinnung Von Pascal Claude Sie muteten ein bisschen seltsam an, die Solidaritätsbotschaften an die Adresse der Familie Sandri. Zu sehen waren sie in verschiedenen Stadien ausserhalb Italiens, auch in der Schweiz, und zu lesen war meist «Assassini» (Mörder) und «Ehre dem toten Gabriele» oder etwas in der Art. Gabriele Sandri, Anhänger von Lazio Rom, starb vor etwas mehr als zwei Wochen, getroffen von der Kugel eines Polizisten nach einer Rauferei mit Juve-Tifosi auf einer Autobahnraststätte. Der Polizist, der anfänglich von einem Versehen sprach, steht inzwischen unter Mordanklage. Was genau passiert ist, ist noch Gegenstand der Ermittlungen und wird vielleicht nie restlos geklärt werden. Der Tod von Filippo Raciti ist ebenfalls noch nicht geklärt. Nachdem zu Beginn klar schien, der Polizist sei bei den Ausschreitungen in Catania im Februar dieses Jahres durch einen harten Gegenstand aus den Händen eines Ultra gestorben, geisterte irgendwann die Version durch die italienischen Medien, Raciti sei im Verlauf der Tumulte von einem Polizeifahrzeug überfahren worden. Während Ultras verschiedener Länder in der Causa Raciti nicht müde werden, die ungeklärten Umstände und die mutmassliche Unschuld der Fans zu betonen, gilt der Mord an Gabriele Sandri als Fakt. Wer sich im Krieg «sie gegen uns» wähnt, lässt die Vernunft aussen vor. Mit der Familie Sandri zeigt man sich tief verbunden, weil Gabriele Fussballfan war. Das reicht als gemeinsamer Nenner. Wie er dachte, mit wem er verkehrte, wen er wählte, wo sein Herz schlug, egal. Er war «einer von uns». Die pathetische Pose, im heroischen Kampf gegen Polizeigewalt schon wieder einen tapferen Mitstreiter verloren zu haben, ist schwer auszuhalten. Ob Sandri selber sich gefreut hätte über die Instrumentalisierung seines Todes, fragt niemand; ist die Polizei im Spiel, lässt man Tote nicht ruhen. Gefangen im System des internationalen Ultratums, wird alles ausgeblendet, was die enge Sicht zu erweitern droht. Immer enger wurde es auch in den Köpfen jener FCZ-Ultras, die nach zahlreichen Aktionen gegen Anhänger des Stadtrivalen schliesslich auf die Idee gekommen waren, bei einem der Feinde einzubrechen und ihn mitzunehmen, um auf diese Art ihre geklauten Fahnen zurückzuerhalten. Es war wohl ihr grosses Glück, kam ihnen die Polizei auf die Spur, sodass sie den Genötigten laufen liessen. Wozu sie in ihrer bizarren Sehnsucht nach grossstädtischen Ghetto-Verhältnissen letztlich imstande gewesen wären, möchte man sich lieber nicht ausmalen. Was diese Zürcher Geschichte mit der Solidaritätswelle für Sandri verbindet, ist der dogmatische Irrglaube an die Unfehlbarkeit der Kurve und die Umnachtung, die dieser Glaube mit sich bringt. So ist - so vieles auch im Argen liegt bei der Bekämpfung der sogenannten Gewalt im Fussball - die Repression nicht an allem schuld. Und es ist zu bezweifeln, ob das Leid der Familie Sandri auch nur im Geringsten gelindert wird, wenn im Ruhrgebiet oder im Mittelland irgendwelche Scheinbetroffenen ihre Verschwörungstheorien auf Transparente malen. Was das eigene Verhältnis zu gegnerischen Fans betrifft, bietet der Advent Zeit zur Besinnung. Eine Kurve, aus deren innerster Mitte Leute losziehen, um systematisch irgendwelche «Gegner» zu drangsalieren, hat ein Problem. Es liegt vielleicht darin, dass das Streben nach Vorherrschaft und Grösse zwangsläufig in Chauvinismus mündet. Und dass, wer den Gegner zu oft als «Scheisse» besingt, es irgendwann glaubt. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch http://www.woz.ch/artikel/rss/15686.html
captain tsubasaMitglied
05.12.2007, 18:47 · #58
Beiträge: 945
Gute Ideen Von Pascal Claude Genf folgt dem leuchtenden Beispiel anderer Schweizer Städte und stellt das Betteln unter Busse. Eine gute Idee, gerade zur Weihnachtszeit, und so barmherzig! «Hätten Sie mir vielleicht einen Franken?» «Ja, aber das kostet Sie achtzig Franken Busse.» «Gut, hätten Sie mir dann vielleicht einundachtzig Franken?» Der Cafetier-Verband fürchtet Umsatzeinbussen während der Europameisterschaft 2008. Das Szenario: alle mit Alk beim Public Viewing, keiner mit Kaffee im Café. Deshalb empfiehlt der Verband seinen Mitgliedern, für den Toilettenbesuch im kommenden Juni zwei Franken zu verlangen. Eine gute Idee! «Komm, lass uns hier an den Baum pissen.» «Nein, ich geh lieber ins Café, dort kostet es zwei Franken.» Die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion will für die EM das Nachtflugverbot lockern, um unter Problemverdacht stehende Fangruppen direkt nach Schlusspfiff unplafoniert heimzufliegen. Eine gute Idee! Und so nett, denn: Nach dem Spiel in den Shuttlebus einzusteigen sei freiwillig, sagt der Volkswirtschaftsdirektionssprecher. Zwingen könne man niemanden, aber Anreize schaffen. Zum Beispiel mit dem Sparargument: «Guten Abend, Herr Brutalescu. Sie sind doch Rumäne, also arm und gewaltbereit. Möchten Sie nicht vielleicht hier in diesen Shuttlebus einsteigen und heim nach Bukarest fliegen? Sie sparen sich so die teure Hotelübernachtung.» «Nein, danke. Ich habe noch vier Franken. Ich gehe jetzt in ein Café auf die Toilette, dann schlage ich der Reihe nach einen Italiener, einen Holländer und einen Franzosen zusammen, dann gehe ich noch einmal in ein Café auf die Toilette.» «Wie Sie wünschen. Einen schönen Aufenthalt noch. Erleben Sie Emotionen!» Die Stadtpolizei Zürich hat während der Uefa-Cup-Partie des FCZ gegen Toulouse Drohnen getestet, die sie an der EM einsetzen will. Eine gute Idee! Und so erfolgsversprechend, denn: Das Drohnenauge erkennt Menschenansammlungen! Keine einzelnen Gesichter zwar und auch keine Autonummern, aber Menschenansammlungen! Und davon wird es an einer EM ja hoffentlich welche geben. «Geh mal näher ran hier. Noch näher. Stop. Siehst du, was ich sehe? Troubles, Kamerad, troubles.» «Meinst Du die fünfzehn, zwanzig Stück dort, die sich rumschubsen?» «Genau. Troubles. Böse Jungs. Vermutlich Türken.» «Nein, Italiener. Und Franzosen. Corner in der Nachspielzeit.» Der FC Sion geht hart gegen Wohlstandsverwahrloste vor. Weil Luzerns Torhüter Zibung von einem Gameboy aus dem Sittener Block getroffen wurde, drohte der Verein, die ganze Nordtribüne zu sperren, bis der Täter identifiziert war. Gute Idee! Es geht schliesslich nicht an, dass sie in Genf das Betteln verbieten und gleichzeitig im Wallis mit Unterhaltungselektronik um sich werfen. So wird das nichts mit dem sozialen Frieden. Auch die Kollektivstrafe heiligt hier als Mittel den Zweck. Findet auch Ex-Schiedsrichter Pierluigi Collina. In seiner Autobiografie zeigt er sich entzückt über Newcastles St. James Park. Dort würden, sobald einer aus der Reihe tanzt, dem ganzen Sektor die Jahreskarten entzogen, und zwar so lange, bis einer den Fehlbaren verpfeift. So geht das doch! Gute Idee! Und ausbaufähig! «Hast du gehört, Michel, Wettskandal in all unseren Wettbewerben. Was sollen wir tun?» «Betrieb einstellen, tout de suite. Bis es einer zugibt.» «Und wenn es keiner zugibt, alles absagen? Auch die Euro?» «Ja, auch die Euro.» «Michel, bist du im Cafetier-Verband?» http://www.woz.ch/artikel/rss/15735.html
tschoMitglied
28.01.2008, 22:17 · #59
Beiträge: 243
http://www.woz.ch/artikel/archiv/15861.html *Es kommt teuer zu stehen Von Pascal Claude «Ich bin beunruhigt, weil ich nicht will, dass Leute über den Preis aus dem Stadion verdrängt werden. Der Fussball muss sich überlegen, woher er kommt und welche Fanbasis er in Zukunft will.» So spricht Gerry Sutcliffe, Anhänger des englischen Drittligisten Bradford City. Sein Wehklagen über zu hohe Eintrittspreise im englischen Fussball bliebe wohl ungehört, wäre Sutcliffe nicht gleichzeitig britischer Sportminister. Englands gebeutelte Klubfans freuen sich über die prominente Unterstützung. Mit dem Fussball als «the working man’s ballet», als Ballett des armen Mannes, ist es nicht mehr weit her, Ticketpreise kaum je unter fünfzig Pfund spotten jeden Bezugs zur Arbeiterklasse. Stimmen von Fans, die als Einzelempörte oder organisierte Supportervereinigungen auf die aus dem Ruder gelaufenen Preise aufmerksam machen, verhallen unter immer höher gelegten Stadiondächern; die erweiterten oder neu errichteten «Grounds» sind voll wie noch nie, die Nachfrage stimmt, so what? Keine Marketingverantwortliche, kein Finanzchef eines englischen Profiklubs hat bis heute eingesehen, weshalb armen Schluckern günstige Tickets angeboten werden sollen, solange weniger Arme die teuren kaufen. Drinnen spielt United, draussen der Markt, alles ist gut. Nur eben etwas zu leise. «Wie auf einer Beerdigung» sei er sich vorgekommen, raunzte Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, nach dem Heimspiel am Neujahrstag. Einige der jungen Männer, die sich nach Fergusons Anweisungen auf dem Feld abmühen, verdienen umgerechnet 250000 Franken. Pro Woche. Das will beglichen sein. In der «Süddeutschen Zeitung» erklärt Ronald Reng in einfachen Worten, wie Preise leise machen: «In Wirklichkeit schauen in England noch immer mehr fanatische Fussballliebhaber zu als anderswo. Aber sie sind alt. 43 im Durchschnitt laut einer Umfrage der Premier League. Jugendliche können sich die Tickets nicht mehr leisten. Und mit 43 singt man nicht mehr.» Es hat eine Verschiebung stattgefunden, oder, wie es der «Tagesspiegel» schreibt: «Die Zusammensetzung des Publikums wird zunehmend über den Preis geregelt.» Alex Fergusons Lärmforderung ist so verständlich wie jene Roy Keanes, der sich als Captain von Manchester United schon vor Jahren über die Shrimpsbrötchenfresser in den Logen ausliess. Zudem gleicht sie den Äusserungen jener Bayern-Fans, die an der Jahreshauptversammlung des Vereins die seichte Stimmung beklagt und die Haupttribüne dafür verantwortlich gemacht haben. Bloss: Während Ferguson und Keane für ihre akustischen Einbussen siebenstellig entschädigt werden, fürchten die besorgten Münchner um ihre Existenz. Der «Tagesspiegel»: «In der Wertigkeit der Klubs sind die Kurvenfans ans untere Ende gerückt. Der wahre, echte, gute Fan ist ökonomisch gesehen zu einer vernachlässigbaren Grösse geworden. Er führt noch ein paar Scheingefechte gegen absurde Anstosszeiten und abstruse Stadionnamen.» Derweil im «Guardian» ein Exponent der Manchester United Supporters Association dem stillegeplagten Trainer den Sitzplatzalltag schildert: «Wenn du aufstehen willst, um Lärm zu machen, wirst du von Stewards rausgepflückt. Sie nehmen dir deine Saisonkarte weg. Was genau für eine Stimmung stellt sich Ferguson unter diesen Umständen vor?» «Ich glaub ich gseh nöd rächt», schrieb die Südkurve des FCZ auf ein Transparent, nachdem ihr Verein im Sommer 2007 die neuen Ticketpreise publik gemacht hatte. «Fuessball ghört allne», hiess dieselbe Losung in Baseldeutsch. Die Fans des FCB fanden 38 Franken zu viel für einen Eintritt in den Gästesektor des Letzigrund-Stadions. Sie blieben - wie zuvor im Derby schon die Fans der Grasshoppers - dem Spiel fern. Anders als in England besetzen in der Schweiz keine Fussballbegeisterten aus dem oberen Mittelstand die frei werdenden Plätze, weil die Spieler noch immer Friedli und Zanni heissen statt Ronney und Nani. Das stärkt die Position der Fans: Der fehlende Lärm schlägt in Franken zu Buche, der Markt ist auf ihrer Seite. Und Gerry Sutcliffe auch. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch *
«Derweil im «Guardian» ein Exponent der Manchester United Supporters Association dem stillegeplagten Trainer den Sitzplatzalltag schildert: «Wenn du aufstehen willst, um Lärm zu machen, wirst du von Stewards rausgepflückt. Sie nehmen dir deine Saisonkarte weg. Was genau für eine Stimmung stellt sich Ferguson unter diesen Umständen vor?»»
Das ist wohl der vorläufige Tiefpunkt "im Teich der Massnahmen". Unfassbar und hochgradig faschistoid.
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