Knapp daneben

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captain tsubasaMitglied
27.10.2006, 20:57 · #1
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**Ab jetzt wöchentlich in der WOZ-Onlineausgabe, die Fussballkolumne von Pascal Claude, ehemaliger Flachpässler und Herausgeber des Fanzines "Knapp daneben": http://www.woz.ch/artikel/archiv/14002.html**
Rangers Von Pascal Claude Stadio Armando Picchi, Livorno Manchmal spielt der Fussball mitten ins Leben hinein, und dann mag ich ihn besonders. Es war Mittag, ich war am Kochen, als es klingelte. Der Tag hatte nicht gut begonnen. Beim Lesen der Telegramme der vorabendlichen Uefa-Cup-Runde stiess mir ein Resultat besonders sauer auf: Livorno - Glasgow Rangers 2:3. So eine Begegnung ist mehr als ein Spiel, es ist ein Clash of Civilizations. Rangers, der Klub der englandtreuen Protestanten, der seit Jahren kaum mehr einen Schotten in seinen Reihen hat, steht für das Böse. Seine Anhänger haben sich auch in der Schweiz einen Namen gemacht, vor gut zehn Jahren in der Champions League gegen GC. Mit viel Alkohol angereicherter aggressiver Chauvinismus. Dagegen Livorno, rot leuchtender Stern am Himmel aller linken und halblinken Schwärmerinnen und Utopisten. Eine Hafenstadt, und der Kapitän ein Junge aus dem Quartier, der sich aus einem Millionenvertrag bei Torino herausgekauft hat, um eine Liga tiefer für seinen geliebten Verein, für sein Livorno zu spielen. Eine Fankurve, die ihre Spruchbänder gelegentlich in Kyrillisch abfasst und afrikanische Asylbewerber zu den Spielen einlädt. Und dann verliert dieses Livorno zuhause ausgerechnet gegen die Rangers. Verdammte Rangers, dachte ich beim Rüsten, als es klingelte. Vor der Tür stand eine junge Frau mit einer grossen Cablecom-Mappe unter dem Arm. Ich sagte, «hören Sie, Sie sind jetzt schon die dritte Cablecom-Frau innert zehn Tagen, dazu ein paar Dutzend am Telefon, und unser Haus ist nicht einmal verkabelt.» «Ich habe ja noch gar nichts gesagt,» antwortete sie, «warum wissen Sie, dass ich von der Cablecom bin?» Es ist anzumerken, dass ich seit rund vier Jahren alle zwei Monate einen Werbebrief der Cablecom erhalte. Ich habe noch jeden unfrankiert zurückgeschickt, in der Hoffnung, den angeschlagenen Betrieb über die Portokasse in den Ruin zu treiben. Vergebens. Die Cablecom macht mich einfach ein bisschen aggressiv. Dann kommt vom oberen Stock eine zweite Frau hinzu. «Gibt es Probleme?», fragt sie, «diese Frau ist in Ausbildung.» «Ja», sage ich, «ich habe ein kleines Problem, ich weiss nicht, warum die Cablecom sich ein so penetrant-verschwenderisches Marketing leisten kann und warum man mich nicht endlich aus dieser Datenbank löscht.» «Wir haben keine Datenbank», sagt die erste Frau. «Wir sind eben nicht direkt von der Cablecom», ergänzt die zweite. «Was sind sie dann?», frage ich. Und dann sagt die zweite Frau, die schon ausgebildete: «Wir sind Rangers.» Ich weiss nicht mit allerletzter Sicherheit, welche Tätigkeiten in diesem Fall der Begriff «Ranger» umfasst, und ich mag auch nicht der Cablecom telefonieren, um es zu erfahren. Aber ich kann es mir in etwa vorstellen. Hinter meiner zugeknallten Tür höre ich die zwei verstörten, halb zur Cablecom gehörenden, aber ganz für sie den Kopf hinhaltenden Frauen eilig die Treppe runter steigen. Die Cablecom gehört nicht zu meinen fünf Lieblingsunternehmen, und was ihr Logo bedeutet und wer es entworfen hat, wüsste ich auch irgendwann gerne. Trotzdem hatte ich dann doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Ich war schon etwas laut. Und das mit Livorno, das konnten die beiden Frauen einfach nicht wissen.
captain tsubasaMitglied
02.11.2006, 07:30 · #2
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http://www.woz.ch/artikel/archiv/14038.html
«EM und Zivilschutz»
Von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00316.jpg) Im Sportbund der «SonntagsZeitung», der von der Sportredaktion des «Tages-Anzeigers» betreut wird und deshalb selten überrascht, war am Sonntag etwas Überraschendes zu lesen. In einem Kommentar zur aussergewöhnlichen dreizehnten Runde der Super League, in der die sechs Ersten der Liga aufeinandertrafen und der jeweils schlechter klassierte Klub gewann, in diesem Kommentar also war zu lesen, die Spannung in der Super League sei «perfekt für die EM 2008» (für unsere Leserinnen und Leser aus dem Ausland: Mit Super League ist einfach die höchste Schweizer Spielklasse gemeint). Es ist nicht ganz klar, was die Schweizer Super League mit der Europameisterschaft zu tun hat. Oder inwiefern die hiesige Liga geeignet ist, für das in zwei Jahren stattfindende Turnier Feuer zu entfachen. Die Fans in den Kurven, die nicht ganz unwesentlich dazu beitragen, dass es gegenwärtig eine Freude ist, ins Stadion zu gehen, nehmen die EM vor allem als Argument wahr, mit dem ihnen die neusten Bevormundungsmassnahmen schmackhaft gemacht werden sollen. So wird ab 1. Januar 2007 zum heiteren Fanfichieren geblasen, gesetzlich verankert im neuen Hooligangesetz, das ohne Damoklesschwert Euro 08 kaum oder kaum so reibungslos zustande gekommen wäre. In Basel wird das Joggeli um 10000 Plätze erweitert, obwohl die bestehenden 30000 mittlerweile nur noch zu zwei Dritteln benötigt werden. Und im neuen Letzigrund wird man das mit den Stehplätzen vorerst bleiben lassen; was nach der EM ist, wird sich zeigen. Der Kommentierende der «SonntagsZeitung» lässt in seinem kurzen Text Krassimir Balakov, Trainer des Grasshopper Clubs, zu Wort kommen, der die Sache präzisiert: «Was jetzt läuft, ist perfekt für die Stimmung im Land vor der EM.» Als hätte jemand mit einem Stabilo Boss den Raum zwischen den Zeilen neongelb gefärbt, lesen wir sofort die versteckte Botschaft: Die Stimmung im Land vor der EM ist noch nicht gut genug! Im Gegenteil, sie ist eigentlich sehr schlecht! Wir erwarten führende Fussballnationen (zurzeit haben unter anderem Serbien, Finnland, Schottland, die Türkei, Griechenland, Bulgarien, Dänemark, Kroatien, Mazedonien, Israel und Nordirland gute Karten), sind Koveranstalter des drittgrössten Sportanlasses der Welt, wissen aber nichts Gescheiteres, als über Sicherheitskosten Marketingrechte und die Quellensteuer zu diskutieren. Wieso diese Miesmacherei? Wo bleibt der alles ausblendende Vorfreudentaumel? Es ist jetzt November. Das Jahr hat uns seine letzten schönen Tage geschenkt, seine letzten wärmenden Sonnenstrahlen und in den schönsten Farben leuchtende Bäume. Es ist eine schöne Zeit, um eine Woche in den Luftschutzkeller zu gehen, in den Zivilschutz WK 11 Zusatzkurs Betreu San. Es ist schön, sich gegenseitig die Zähne zu putzen, die Arme zu waschen und Erwachsenenwindeln überzustreifen. Und es ist sehr interessant, wenn der Instruktor beim Referieren über Streetparade, Züri-Fäscht und andere Zivilschutz-relevante Themen plötzlich bei der EM landet. Und sich ins Feuer redet. «Es ist ganz klar gesetzlich geregelt, dass der Zivilschutz für Anlässe, die ausschliesslich gewinnorientiert sind, nicht aufgeboten werden kann», zischt der Mann, «und die Uefa kommt hierher mit dem Ziel, mehr als eine Milliarde zu verdienen.» Wir stehen da mit frisch geputzten Zähnen und staunen. «Und die zehn Millionen, die man uns weismachen will als Kosten für die 15000 Soldaten, die während des Turniers im Einsatz stehen werden? Da lache ich! Allein die Erwerbsersatzordnung macht für diese Anzahl Männer und diese Einsatzzeit 90 Millionen aus. Es wundert mich gar nicht, dass da gewisse Leute langsam kalte Füsse kriegen, wenn es darum geht, die Verträge zu unterschreiben.» Und dann das Schlussfurioso zur Quellensteuer: «Die Schweiz ist nicht Deutschland, meine Herren! Es darf in diesem Land nicht zweierlei Recht geben!» Mein Zivilschutzinstruktor, das scheint mir an dieser Stelle wichtig, steht in keinster Art und Weise im Verdacht, Zyniker, Kabarettist, Hooligan oder linksgrüner Stadiongegner aus dem Hardturmquartier zu sein. Er ist ernsthaft, pflichtbewusst und vaterlandsliebend. Dass einer wie er der EM 2008 mit solcher Skepsis begegnet, kann nur einen Grund haben: Es läuft etwas schief. • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 02.11.2006
captain tsubasaMitglied
09.11.2006, 06:45 · #3
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http://www.woz.ch/artikel/archiv/14071.html
«Antiautoritäre Pfeife»
von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00329.jpg) Der Philosoph und Publizist Klaus Theweleit hat vor zwei Jahren ein schönes Fussballbuch geschrieben, das «Tor zur Welt». Über seine Kindheitserinnerungen findet er darin zur Kritik des modernen Fussballs, und die zu lesen ist äusserst anregend. Bis auf einen Abschnitt. Der regt zwar auch an, aber zum Kopfschütteln. Theweleit stört sich sehr am Menschenschlag des Fussballschiedsrichters, hält dessen autoritäres Gehabe und Ironiefreiheit für völlig verfehlt und überholt. In einem Interview mit dem (empfehlenswerten) deutschen Fussballmagazin «RUND» bekräftigt er nun seine Haltung. Damit steuert er seinen Teil bei zur auch hierzulande entfachten Diskussion über die zunehmende verbale und körperliche Gewalt auf Fussballplätzen. Wer gelegentlich an einem Wochenende ein paar Stunden auf einem Fussballplatz verbringt oder am Rand eines solchen, weiss, dass die Berichte über ausrastende Spieler, aufhetzende Betreuer und verängstigte Unparteiische mehr sind als mediale Hysterie. Nicht, dass es immer passiert. Aber wenn es passiert, schnürt es einem ein bisschen die Kehle zu. Eine halbe Mannschaft Halbwüchsiger, die hinter dem Schiedsrichter herrennt, der Richtung Garderobe flüchtet. Was hat er falsch gemacht, der arme Mann? War er einfach zu streng, zu wenig nett? Klaus Theweleit findet: «Warum soll der eine Spieler den anderen nicht ‹Arschloch› nennen oder ‹Bratwurst›? Das entspannt doch.» Ein «Pfeifenheini» in Richtung des Schiedsrichters untergrabe dessen Macht doch nicht. Bratwurst, Pfeifenheini - in welcher Welt lebt der Philosoph? Oder in welcher Stadt? Gerne würde ich Fussballspiele austragen an einem Ort, an dem «Bratwurst» zur gezielten Beleidigung eingesetzt wird. Ich würde mir sogar die Blut- und noch lieber die Leberwurst (kalt oder warm) gern gefallen lassen. Ich fürchte aber, heute wird nicht mehr gewurstet. Heute wird gefickt. Deine Mutter, deine Schwester. Oder mit dem Tod gedroht. Ich bring dich um, Mann. Schiedsrichter, die Karten verteilen für Beleidigungen, offenbaren laut Theweleit ein «Denken, das aus Erziehungsanstalten kommt, aus Militärischem, aus Befehl und Gehorsam.» Also keine Karten verteilen, nie. Nett bleiben, locker bleiben, antiautoritär pfeifen. «Das war, mein Junge, eine kleine Grätsche von hinten. Ich persönlich finde das nicht gut, und wenn du genauso denkst, entschuldige dich doch bei deinem Gegenspieler.» Vor Jahren führte ich ein Interview mit zwei Spielern des FC Luzern, Ivan Knez und Ludwig Kögl. Knez spielte später für Basel und Rapid Wied und steht nun bei Augsburg unter Vertrag. Der Bayer Kögl, 1987 Torschütze im Meistercupfinal gegen Porto (1:2, danke Madjer), hat seine Karriere beendet. Im Gespräch ging es unter anderem um ein Tor, das Knez’ und Kögls Teamkollege Agent Sawu gegen den FC Zürich erzielt hatte. Sawu hatte dabei dem Zürcher Keeper Shorumnu den Ball aus den Händen geschlagen und ins Tor befördert. Keiner der drei Unparteiischen hatte die Szene gesehen, es wurde trotz heftiger Proteste der Zürcher auf Tor entschieden. Ich wollte von den beiden Spielern wissen, ob niemand im Team der Luzerner daran gedacht hätte, die Unsportlichkeit zuzugeben. Knez und Kögl lächelten mitleidig. Ein abwegiger Gedanke. Jahre später sass ich mit einem Kollegen beim Gespräch mit einem Spieler des FCZ. Der Klub hatte sich teuer verstärkt, spielte aber schlecht. Als einer der Hauptschuldigen wurde Augustine Simo ausgemacht. Wer den Kameruner rund um die Trainings beobachtete, merkte damals zweierlei: Simo ging es schlecht, und Simo war immer allein. Darauf angesprochen, meinte Simos Mitspieler, es könne schon sein, dass es dem schlecht gehe. Aber ihm selber gehe es manchmal auch nicht so gut, und da suche er eben Halt bei seinen Freunden und Verwandten. Gut, antworteten wir, aber Simo hat ja vielleicht nicht so viele Freunde und Verwandte hier. Da wäre doch Hilfe aus dem Team gefragt. «Ja», kam es zurück, «aber im Fussball muss halt jeder auch für sich selber schauen.» In seinem ganzen Ärger über den Menschenschlag Schiedsrichter vergisst Klaus Theweleit offensichtlich, mit welchem Menschenschlag es der Schiedsrichter zu tun hat. Wenn Minderjährige im Rudel pöbeln, beleidigen oder gewalttätig werden, wenn Profis bereit sind, dem eigenen Profit nahezu alles unterzuordnen, hat das vielerlei Ursachen. Mangelnde Lockerheit des Schiedsrichters gehört, wenn überhaupt, nur peripher dazu. • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 09.11.2006
captain tsubasaMitglied
16.11.2006, 07:21 · #4
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http://www.woz.ch/artikel/archiv/14098.html
«Kohäsives Fahnenmeer»
Von Pascal Claude In einer Unterführung eines grossen Schweizer Bahnhofs hängt ein Plakat, auf dem steht: «Bilaterale stützen. Schweiz stärken. Ja zum Osthilfegesetz». Beim Osthilfegesetz, besser bekannt als Kohäsionsmilliarde, handelt es sich kurz gesagt um jenes Geld, von dem der neogrüne Museumsdirektor C. Mörgeli glaubt, es stehe ihm selber eher zu als einer ostslowakischen Bäuerin am Existenzminimum. Aber darum geht es nicht. Es geht um das Bild auf dem Plakat. Darauf ist eine grosse Anzahl wild wehender Schweizer Fahnen zu sehen. Das von zu viel Fussball verdorbene Auge erkennt sofort: Schweiz-Türkei, WM-Barrage, Stade de Suisse, Herbst 2005. Auf dem Plakat steht auch noch: «Besser für unser Land. CVP» ![](http://www.woz.ch/images/DSC00345.jpg) Das wirft doch Fragen auf. Warum wirbt die CVP mit Fussballfans dafür, sich anderen Ländern gegenüber grosszügig zu zeigen? Sind Fussballfans Sympathieträger, stehen sie für Offenheit, für internationale Solidarität? Für Geben statt Nehmen? Marianne Binder, Kommunikationschefin der CVP, reagiert am Telefon etwas verdutzt auf all die Fragen. Sie habe, gesteht sie, mit Fussball leider gar nicht viel am Hut (ein Gütesiegel, Frau Binder, spätestens seit der letzten WM). Was das Fahnenfoto sagen wolle, weiss Marianne Binder trotzdem: «Es geht um das Bild der Schweiz. Die Fahnen stehen für Dynamik, fürs Fansein von diesem Land.» Und wo sonst, fragt sie, würden so viele Emotionen frei wie beim Fussball? Die Kampagne setze laut Binder bewusst auf die Farben des Landes, um den patriotischen Zugang nicht ausschliesslich jenen zu überlassen, «die glauben, wir können es allein schaffen». Zum Beispiel Ulrich Schlüer, der in einem überraschend trockenen Nebensatz Binders kurz sein Fett weg kriegt. Es ist nicht ganz einfach, die Kommunikationschefin weg von der Politik und zurück zum Kern unseres Gesprächs zu bringen: zum fragwürdigen Instrumentalisieren des Fussballs und dessen AnhängerInnen für politische Ziele. «Sie sprechen von Dynamik, Frau Binder,» versuche ich den Wiedereinstieg, «doch die von Ihnen verwendeten Fähnchen wurden damals zu Zehntausenden auf den Sitzen verteilt. Die Leute wurden vom Stadionsprecher aufgefordert, sie zu schwenken.» «Sie meinen, ein Fake?», fragt Frau Binder. Fake ist ein harter Begriff. Wobei, beim genauen Hinsehen vielleicht doch nicht ganz falsch. Die Fähnchen nämlich trugen den Aufdruck der fünf Hauptsponsoren der Schweizer Nati. Der CVP-Grafiker hat die Logos aber allesamt wegretuschiert. Ein dickes Ding, nüchtern betrachtet: Die CVP wirbt mit einem manipulierten Bild von Fussballfans für ein Ja zum Osthilfegesetz. Von der Brisanz her eine «Blick»-Schlagzeile, nur zu lang. «Sind Sie sicher, dass da Logos drauf waren?», fragt Marianne Binder zum Schluss. «Ja, denn oben rechts, da hat Ihr Grafiker welche vergessen. Man sieht noch die blauen Kästchen vom Sporttip», antworte ich. «Stimmt, ja. Bei mir am Computer sehen die aber grün aus.» «Das wäre dann Carlsberg. Aber es ist blau, ganz sicher. Es ist der Sporttip.» Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 16.11.2006
ZH_LifestyleMitglied
19.11.2006, 12:34 · #5
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«Knapp daneben Nr. 13/04 von Pascal Claude »
Mutige Family Wer sich selber lustig findet, macht sich über GC-Fans lustig. Dabei zeigen genau die, was Klubtreue wirklich heisst. Die Schweizer Fussballlandschaft ist erfreulich vielseitig. Da haben wir Basel, wo eine Stadt und ihre Umgebung vollkommen vorbehaltlos und in einzigartiger Weise hinter ihrem Verein stehen. Wir haben St. Gallen, wo der Stadtklub sinnstiftend ist für eine ganze Region bis weit ins Rheintal und sich die Hingabe für den FCSG selbst in Krisenzeiten in einer Art manifestiert, die Gästefans beeindruckt. Wir haben den FC Aarau mit seinem Schrebergarten-Charme und dem bezaubernden Brügglifeld, das hoffentlich nie abgerissen wird. Wir haben den FC Zürich mit seinem seltsamen Präsidenten und einem Anhang, der das sonderbarste und stimmungstötendste Stadion der Welt zu beleben vermag. Wir haben Bern, wo wieder etwas entstanden ist rund um den BSC YB und alle gespannt darauf warten, was nächstes Jahr passiert. Und wir haben Genf, Neuchâtel, Thun und Wil, die allesamt etwas zu bieten haben, ausser Geld. In ihrem Facettenreichtum verdient die Superleague ihren Namen. Und doch gibt es diesen einen Punkt, der allen gemeinsam ist und der alle vereint: Man findet GC Scheisse. Das kann man ja auch verstehen, bis zu einem gewissen Grad. Immer diese Verflechtungen mit der Hochfinanz, fast immer dieser Erfolg, immer dieses abgehobene Gehabe der Chefetage, immer zuviel Gel in den Haaren der Spieler und Event-Manager. Und immer diese dummen PR-Aktionen ; das alles macht einen Verein nicht wirklich anmächelig. Interessanterweise zielt der Spott der Gegner aber nicht darauf, sondern auf die Fans. Sie sind Zielscheibe für all die pauschale Abscheu, die dem Grasshopper Club of Zürich entgegengebracht wird. Das ist dumm. Und die GC-Fans haben es nicht verdient. Denn sie beweisen Mut. Viel mehr Mut als alle anderen Fans zusammen. Nehmen wir die Stadt Zürich : Was passiert denn, wenn der FCZ mal wieder mehr als ein Spiel in Serie gewinnt ? Alle, wirklich alle sind plötzlich und waren schon immer FCZ-Fans. Die Stadt an der Limmat, eine einzige Südkurve. Der Tages-Anzeiger glänzt seit Jahren jeden Samstag mit der Rubrik des armen « Kroll », einem (meist leidenden) FCZ-Anhänger, der von seinem Leben rund um den Letzigrund berichtet. Erscheinen im Kulturteil der Tageszeitung Berichte zum Fussball, stecken in neun von zehn Fällen FCZ-Fans dahinter. Auf der Redaktion des Tagi gibt es durchaus auch GC-Fans, doch hüten die sich, jemals dazu zu stehen. Denn sie wissen um den Spott. Ähnliches bei der NZZ : Wenn Journalisten mal was Abseitiges schreiben dürfen mit etwas Humor drin, waren sie meist im Letzigrund unterwegs, vielleicht noch im Hallenstadion. Im Hardturm sicher nie. Geht die NZZ bei GC (oder beim GC, in diesem Fall) mal etwas tiefer, so meist in Form einer Schelte. Leichtes, Nettes, Witziges aus den Hardturm-Katakomben war seit Jahren nicht mehr zu lesen. Beim Fussvolk dasselbe. In welcher Bar hängt denn schon ein GC-Wimpel ? Sein Mobiliar kann sich ein Wirt ja auch selber zertrümmern, wenn er Lust hat. In Zürich ist man FCZ-Fan. Und findet es super. Weil es ja alle andern auch sind. Weil man es eben ist. Schon immer war. Weil es cool ist. Stadtklub. Arbeiterklub. Subkultur. All das. FCZ eben. Sicher nicht GC.Es braucht kein Gramm Mut, FCZ-Fan zu sein, wenn alle andern es auch sind, wenn die ganze Stadt es ist. Es braucht aber sehr viel Mut, zu GC zu stehen, wenn man weiss, dass das ungefähr das Uncoolste ist, was man sich zwischen Aare und Töss aussuchen kann. All jenen, die als Kind GC-Fans werden, später merken, wie unpopulär das ist, aber trotzdem GC-Fans bleiben, all jenen gebührt grösster Respekt. Schliesslich gilt lebenslange Klubtreue in Fan-Kreisen noch immer als das höchste Gut. Oder was soll in den Augen all der GC-Hasser ein 15-Jähriger machen, der mit GC aufgewachsen ist? FCB-Fan werden ? Überhaupt : Was wird den GC-Fans denn vorgeworfen ? Dass sie Kinder seien, zum Beispiel, dass in ihrer Kurve alle noch zur Schule gingen. Na und ? Abgesehen davon, dass in manch anderer Kurve sich auch noch nicht alle Protagonisten täglich rasieren müssen, wäre mir neu, dass Jungsein etwas Anrüchiges ist. Dann das Stimmungs-Argument : GC-Fans hört man nicht, in ihrer Kurve ist nichts los, heisst es. Tatsächlich ? Für die 90er-Jahre mag das zutreffend gewesen sein, auswärts vor allem. Doch heute ? Es wäre einmal sehr gründlich abzuchecken, vor wem ausser Basel sich die Hoppers wirklich verstecken müssen, was den Support ihrer Mannschaft angeht. Bleibt der beliebteste Vorwurf an die GC-Gemeinde, jener des Nobelklubs, der sich mit Bonzen-Geldern alimentiert und in dessen Logen Cüpli serviert werden. Fans des FC Aarau oder des FC Thun kann man die Freude lassen, in dieser Weise über GC herzuziehen, so sie denn das Bedürfnis dazu haben. Aber Baslern ? Oder Zürchern ? Wer ist denn nun die Frau, die seit einer Weile ein paar Promille ihres Vermögens in den FCB pumpt ? Mutter Theresa ? Und hat sie ihr Geld mit harter, ehrlicher Arbeit verdient, oder haben da vielleicht auch Dinge wie Heiraten, Erben und Glück eine Rolle gespielt ? Und was die Cüpli-Logen angeht : Ist es ein Gerücht, dass im St.-Jakob-Park nicht nur Landjäger und Rivella serviert werden? Wo, wenn man genau hinsieht, findet denn tatsächlich der in den Kurven so verhasste « moderne Fussball » statt, im Hardturm oder im Joggeli ? Und der FCZ : Hat er Pfarrer Sieber als Präsidenten ? Oder einen steinreichen Mann, einen Bonzen ? Und würden im Letzigrund nicht schon seit Ewigkeiten Cüpli ausgeschenkt, so man denn Logen hätte dafür ? Und sind zur Zeit nicht gerade Pläne sich am Konkretisieren, den lang ersehnten VIP-Raum unter der Haupttribüne einzurichten, um endlich Pöbel von Prominenz zu trennen ? Was sich GC-Fans anhören müssen, ist letztlich nur eine Sammlung all dessen, wovor sich die Fans der Gegner fürchten (FCZ) oder wovor sie die Augen verschliessen, weil es bei ihnen zuhause schon lange viel schlimmer ist (FCB). GC stand vielleicht einst tatsächlich für Abgehobenheit, Noblesse und zuviel Geld. Inzwischen ist der Klub aber nur noch Projektionsfläche für all das Unbehagen, das der heutige Fussball produziert : Man hasst Logen - und lässt es an GC aus. Man fürchtet Investoren mit viel Geld und schlimmen Ideen - und lässt es an GC aus. Man regt sich über die Amerikanisierung der Stadionatmosphäre auf - und lässt es an GC aus. Ein Glück, dass sich die GC-Fans dadurch nicht beirren lassen. Ihre Kurve wird Jahr für Jahr dichter, daheim wie auswärts, ihre Gesänge werden lauter, ihre Choreographien ein bisschen besser. Der GC-Anhang, beheimatet in einem der besten Fussballstadien der Schweiz, bereichert den Liga-Alltag. Das wissen auch die andern. Und wären sie ehrlich, sie wären froh darum. Doch sie verharren lieber in ihren uralten, längst überholten Stereotypen. Und vielleicht muss das ja auch so sein, vielleicht gehört das einfach dazu. Den GC-Fans, so scheint es, hilft es letztlich nur. Nur zur Erklärung: Der Autor ist nicht GC Fan, war es nie und wird es auch nie sein
captain tsubasaMitglied
23.11.2006, 09:53 · #6
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http://www.woz.ch/artikel/archiv/14132.html
«Wegwerfzubi»
von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00358.jpg) Nach der letzten Kolumne äusserten sich einige Leute zu den gesponsorten Schweizer Fahnen. Jemand meinte, der Satz «Die CVP wirbt mit einem manipulierten Bild von Fussballfans für ein Ja zum Osthilfegesetz» müsste heissen «Die CVP wirbt mit einem manipulierten Bild von manipulierten Fussballfans für ein Ja zum Osthilfegesetz». Jemand anderes ging noch weiter und schlug vor: «Die CVP wirbt mit einem manipulierten Bild von manipulierten Menschen, die sich zwei Stunden lang aufführen, als wären sie Fussballfans, für ein Ja zum Osthilfegesetz». Es ist ein schöner Zug der deutschen Sprache, dass sie solche Ergänzungen bis ins Unendliche zulässt. Und ich unterstütze die beiden Änderungsvorschläge. Nach dem Länderspiel gegen Brasilien bin ich geneigt zu sagen: vor allem den zweiten. «Weggis zu Gast in Basel», hiess das Motto der Begegnung im ausgebauten St. Jakob-Park. Lässige Leute aus allen Landesteilen waren gekommen, wie damals im Frühsommer am Vierwaldstättersee. Und wie damals waren sie bereit, tief in die Tasche zu greifen. Der SFV und die Schweizer Sportmedien hatten Spektakel versprochen. Sie konnten ihr Versprechen nicht halten. Das Spiel geriet zur Katastrophe. Die Brasilianer kümmerte es wie so oft wenig, dass man von ihnen Sambafussball erwartete, denn was Sambafussball ist, wissen nur wir hier in Europa. Die Brasilianer möchten einfach ihre Spiele gewinnen, so wie alle Mannschaften dieser Welt, und sie verfolgen ihr Ziel mit den Mitteln, die ihnen gerade zur Verfügung stehen. Aus der Hüfte kommt das immer seltener. Die lässigen Leute im St. Jakob-Park wurden nun leider gleich doppelt enttäuscht. Denn auch die Schweizer Nati ist nicht mehr das, was sie vor kurzem noch war. Sie muss nun bis Juni 2008 kein Spiel mehr gewinnen, das schafft Platz für Hahnenkämpfe und sieht unansehnlich aus. Als Torhüter Pascal Zuberbühler irgendwann in der ersten Hälfte auf frivole Art einen Gegentreffer verschuldete, hatten die Sponsorenfahnenschwinger endlich eine Projektionsfläche für ihren Unmut: Zubi raus. Zubi ist nicht Zoff. Aber Zubi hütete während Jahren das Tor von GC, dem FCB und der Nati. Wenn er wirklich so schlecht ist, wie er jetzt gemacht wird und wie seine missratenen Auslandeinsätze nahe legen, so heisst das vor allem etwas: Die andern sind noch schlechter. Der FCB hätte sich in seiner Champions-League-Umnachtung sofort einen besseren Schweizer Hüter geholt, gäbe es denn einen. Fabio Coltorti? Im Cupspiel gegen YF Juventus führte GC mit 4:0, ehe der Challenge-League-Schwanzklub noch dreimal traf und den Ausgleich nur wegen eines knappen Abseits verpasste. Beim ersten Tor schlug Coltorti über den Ball, die zwei andern landeten in der kurzen Ecke. Dino Benaglio? Wer kann glaubhaft versichern, ihn schon oft genug spielen gesehen zu haben beziehungsweise das Niveau der portugiesischen Liga fundiert einschätzen zu können? Zubi ist ein Opfer eines Event-Mobs, der zahlt, um unterhalten zu werden, und wird er nicht unterhalten, rastet er aus. Als der FCB im Frühjahr bei YB 2:4 verlor und damit dem FCZ erst jenes denkwürdige Meisterschaftsfinale ermöglichte, sah Zubi wieder einmal nicht gut aus. Er begleitete einen Freistossball Hakan Yakins streichelnd ins Lattenkreuz. In der Pause auf dem Pissoir winselte ein stark betrunkener Basler Anhänger ein ergreifendes Klagelied auf den eigenen Goalie: «Es wird nie was mit ihm». Das war auch eine Zubi-Kritik. Aber sie war leise, verzweifelt, von Herzen. Sie war typisch für einen Klub-Fan. Die Baslerinnen und Basler haben viel gelitten mit ihrem Schlussmann, trotzdem gehörte er immer und entschieden zu ihnen. Ähnlich wars mit Pascolo beim FCZ. Was stand den Leuten das Herz still. Aber Pascolo war ihr Torhüter. Damit hatten sie zu leben. Der klassische Fussballfan ist ein Anachronismus. Er trägt seit Jahren den selben Schal, statt sich jedes Jahr den neuen offiziellen zu kaufen. Er will lieber stehen für fünfzehn statt sitzen für fünfzig Franken. Er will nicht jede Saison 22 neue Spielernamen auswendig lernen. Er will am liebsten Stillstand, mindestens aber Kontinuität und Vertrautheit. Dafür ist er bereit, etwas zu geben: Geduld. Der lässige Sponsorenfahnenfan mit Weggiserfahrung hingegen ist der Fan von heute. Er kauft alles, was sie ihm anbieten, und wirft es schnell wieder weg. Auch wenns der eigene Goalie ist. Der Fan von heute konsumiert, Bo-Katzmann-Chor, Spacedream, Schweiz-Brasilien, Hauptsache mega. Das sieht man gern, in Muri bei Bern. Und dass der Fan von heute keine Leuchtfackeln reinschmuggelt, das sieht man noch lieber. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 23.11.2006
bitzliMitglied
23.11.2006, 10:29 · #7
Beiträge: 157
hammer! weiss jemand, wann die "gc-fans" geschichte geschrieben wurde? da steht nur 'nr 13/04' daneben - wird wohl aus dem zine sein, oder?
captain tsubasaMitglied
23.11.2006, 10:41 · #8
Beiträge: 945
hammer! weiss jemand, wann die "gc-fans" geschichte geschrieben wurde? da steht nur 'nr 13/04' daneben - wird wohl aus dem zine sein, oder? kommt auf jeden fall nicht von der woz...
devanteMitglied
23.11.2006, 10:56 · #9
Beiträge: 19'480
absolut GEILER text!
DrogenkindMitglied
23.11.2006, 11:38 · #10
Beiträge: 2'068
hammer! weiss jemand, wann die "gc-fans" geschichte geschrieben wurde? da steht nur 'nr 13/04' daneben - wird wohl aus dem zine sein, oder? in der 13. Ausgabe des KnappDaneben... erschienen 2004. War glaub eins der letzten. Ich habe es jedenfalls nicht mehr... meine Sammlung hört mit 12/03 auf
captain tsubasaMitglied
01.12.2006, 08:55 · #11
Beiträge: 945
http://www.woz.ch/artikel/archiv/14161.html
«Die Runde spricht zum Eckigen»
Knapp daneben Von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00370k.jpg) Vergangenen Dienstag war in einer grossen Zürcher Buchhandlung Vernissage von «Die Nati. Die Geschichte der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft». Zur Lancierung des eben erschienenen Buches fand ein Podiumsgespräch statt: René Botteron, Nationalspieler in den siebziger und achtziger, Georges Bregy, Nationalspieler in den achtziger und neunziger, Paul Wolfisberg, Nati-Trainer in den achtziger und Gilbert Gress, Nati-Trainer in den neunziger Jahren bildeten die Runde. Es wurde ein heiterer Abend. Vor allem dank Gilbert Gress. Der Elsässer, der Schweizer ist, war gekommen, die Leute zu unterhalten. Der Mann hat einen in der Szene dünn gesäten Witz, und es ist allen Berufsfussballern zu wünschen, dass er nie mehr an einer Seitenlinie steht, dafür umso öfter in Talkrunden sitzt. Vom Freundschaftsspiel Schweiz-Brasilien, so Gress, sei er sechzig Minuten lang enttäuscht gewesen: «Keine Ideen, kein Risiko ging von den Schweizern aus. Da muss man doch mal in die gegnerische Verteidigung reingehen, Freistösse rausholen, damit der Georges mal einen reinmacht.» Dann der Blick nach rechts, «oder hast du gegen Brasilien nicht gespielt, Georges?» Georges schmunzelt. Und erzählt von USA ’94. Ob das stimme, dass der Roy Hodgson so ein gnadenloser Schleifer gewesen sein. «Nein, ich finde nicht. Aber einige im Team haben damals einfach nicht begriffen, dass wir an einer WM sind.» Und dann bringt Georges den mit dem Frühstück: «Am Abend assen die Frauen bei uns im Hotel. Als nach dem Essen die Pflege anstand, wollte Hodgson, dass die Frauen gehen. Es gab ein Riesentheater. Ich fand: Es ist WM, jetzt müssen die Frauen halt gehen, was solls. Die andern sahen das anders. Also blieben die Frauen. Am nächsten Morgen wollten sie mit uns frühstücken, doch es hatte nur Platz für das Team. Die Frauen mussten in die Bar zum Frühstück, und schon gabs wieder Terror. Am Ende mussten sie es dann noch selber bezahlen.» Bregy findet, man hätte für Deutschland 2006 viele Lehren ziehen können aus USA ’94 und Portugal 2004. Das sei eventuell nicht vollumfänglich geschehen. Später, beim Gläschen, erzählt er noch von denen, die 1994 vier Stunden in der Detroiter Mittagssonne gelegen und sich die Köpfe verbrannt hätten, «nur weil sie wussten, dass sie am nächsten Tag sowieso nicht spielen». Hodgson verbot darauf allen die Sonne. Bregy regt sich noch heute auf. Botteron und «der Wolf» redeten etwas weniger, und es war nicht klar, ob sie sich an gewisse Momente nicht mehr erinnern konnten oder nicht mehr erinnern wollten. Ihre Analysen waren dafür angenehm sachlich. Botteron: «Man muss auch sehen, dass die Schweiz an dieser WM sehr viel Glück hatte. Gegen Togo hätten dem Gegner beim Stand von null zu null zwei Elfmeter zugesprochen werden müssen. Die Anzahl Punkte war gut an dieser WM, das fussballerische Niveau weniger.» Und der Wolf zu den Gründen für die stets verpasste Qualifikation: «Es gab damals nur ein Russland, nur ein Jugoslawien. Sowas wie Lettland gab es damals noch nicht. Und es kam nur einer pro Gruppe weiter.» Das stimmt, aber einer wie der Wolf muss sich nicht rechtfertigen. Er ist der einzige Natitrainer, der mittels Unterschriftensammlung von der Bevölkerung zum Rücktritt vom Rücktritt bewegt werden konnte. Das steht in «Die Nati», und vieles mehr. Aufgrund einer gewissen Befangenheit kann ich mich nicht wertend zum Buch äussern. Ich kann es jedoch vorbehaltlos empfehlen, denn es ist das wohl beste je erschienene Schweizer Fussballbuch, eine umfassende historische Aufarbeitung und eine mit zahlreichen unbekannten Details ausgeschmückte kritische Würdigung der populärsten Sportmannschaft des Landes. Die letzte Frage in die Runde war: Wer wird Nachfolger von Köbi Kuhn? Botteron: «Ich weiss es nicht.» Wolfisberg: «Keine Ahnung. Es gibt viele Anwärter.» Gress: «Georges und ich, wir sind zu haben.» Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 30.11.2006
captain tsubasaMitglied
07.12.2006, 06:50 · #12
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http://www.woz.ch/artikel/archiv/14193.html
«Der Flächenbrand»
von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00385.jpg) Am 1. Januar 2007, also bald, tritt in der Schweiz das «Bundesgesetz zur Wahrung der inneren Sicherheit» in Kraft. Gewahrt werden muss die innere Sicherheit vor den Hooligans. Da wäre es sicher hilfreich, wüsste man, was ein Hooligan so treibt. Vor wenigen Tagen veröffentlichte «20minuten» einen Text zu den geplanten neuen «Haftanstalten für Hooligans» im Hinblick auf die Europameisterschaft 2008. Der Text war auf der einen Seite schräg abgefräst von einer wohl zum Rausreissen gedachten Anzeige für mietbares Wintersportmaterial, auf der andern bebildert mit einer Szene vom Meisterschaftsspiel FCZ - FCB vom 26. November. Auf dem Bild ist der Gästesektor im Stadion Hardturm zu sehen. Grob geschätzte dreizehn Leuchtfackeln lassen die Basler Kurve in einem grellroten Licht erscheinen. Fahnen werden geschwenkt. Auf einem Zaun, der die Tribünen vom Spielfeld trennt, sitzen zwei Menschen, die selber je eine Fackel in der Hand halten. Die Bildlegende lautet: «Die EM-08-Organisatoren wollen solche Szenen verhindern.» Daneben, klein gedruckt: Keystone. Bei der Fotoagentur Keystone gibt man mir freundlich Auskunft auf die Frage, unter welchen Schlagwörtern das betreffende Bild abgelegt ist: Fussball, Fans, Petarden, FCZ, FCB, Axpo Super League. Der «Hooligan» gehört nicht dazu. «20minuten» ist demnach selber auf die Idee gekommen, dieses Bild untermale den Inhalt des Textes am besten. Ich frage den zuständigen Bildredaktor, ob jene, die auf diesem Bild zu sehen sind oder deren Werk das Bild zeigt, Hooligans seien. Sie gehörten ganz sicher dazu, antwortet er. Sind also Hooligans solche, die Feuerwerk zünden? Diese Fackeln seien in Fussballstadien verboten, kommt es zurück. Sind denn die Leute, die diesen Sommer im Kanton Zürich trotz Feuerwerkverbot Feuerwerk zündeten, auch Hooligans? Auf diese Frage antwortet der Bildredaktor, der dieses Bild ausgewählt hat, nicht mehr. Er erklärt dafür, er habe keine Zeit, mit mir zu telefonieren. Das kann man nachvollziehen, denn es hat wirklich viele Bilder in «20minuten», da ist ein Bildredaktor gefordert, Tag für Tag. Er klang aber nicht nur so, als hätte er keine Zeit, sich eingehender zu erklären, sondern auch keine Lust. Ich habe immer gedacht, ein Hooligan sei einer, der zuschlage. Aber wahrscheinlich war das früher so. Heute muss man nicht mehr zuschlagen, um ein Hooligan zu sein. Heute ist es viel leichter, Hooligan zu werden, und darum gibt es auch immer mehr. Kein Wunder, liest man nun dauernd von ihnen in der Zeitung. Sie füllen ja inzwischen ganze Gästesektoren. So aberwitzig viele sind es, dass wir neue Gesetze brauchen, um der Lage Herr zu werden. Sorry Feinstaub, die Hools zuerst! Wenn ab Januar 2007 Fussballfans, die sich knapp oder völlig daneben verhalten, in der Hooligandatenbank HOOGAN landen, gehören nun auch Feuerwerklerinnen und Zeuseler dazu. Im Gesetzestext wird «gewalttätiges Verhalten» explizit auf das «Mitführen oder die Verwendung von pyrotechnischen Gegenständen oder ähnlichem in geschlossenen Räumen wie Stadien oder Sporthallen ausgedehnt.» Die Fackeln sind heiss, und wer sie trotz Verbot aus kurvenästhetischen Gründen zünden will und dabei erwischt wird, kassiert Busse und Stadionverbot. Und braucht sich nicht zu beklagen. Steht er deswegen aber auf einer Stufe mit jemandem, der einem am Boden Liegenden ins Gesicht tritt? Gehören die beiden in die selbe Datenbank? In den selben EM-Knast? Neben den selben «20minuten»-Text? Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 07.12.2006
captain tsubasaMitglied
06.01.2007, 12:33 · #13
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http://www.woz.ch/artikel/archiv/14302.html
«Carraghers Vater»
Von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00412k.jpg) Neujahr, mittags um Viertel vor zwei. Im kleinen Pub im Zürcher Niederdorf sitzen zwei junge englische Paare, die Frauen trinken Alcopops, die Männer Lager. An der Bar stehen zwei junge Engländer, ebenfalls Lager. Am Ecktisch sitzt ein grauhaariger Engländer um die fünfzig, Lager, bei ihm eine jüngere osteuropäische Frau, Kaffee, mit ihrer kleinen Tochter, die etwas malt und nichts trinkt. Draussen regnet es. Der ältere Engländer wird sich im Verlauf der nächsten zwei Stunden sehr oft erheben und sich wieder setzen, gestikulieren und rüde Schimpfwörter von sich geben. Dazwischen wird er in Rekordtempo einen Teller Fish and Chips essen und mit dem letzten Bissen im Mund einen Kaffee bestellen. Und dann schnell eine rauchen. Auf vier im Lokal verteilten Bildschirmen pfeift der Schiedsrichter die erste von acht Neujahrspartien der Englischen Premierleague an: Liverpool - Bolton Wanderers. Bei Liverpool spielte einst der Schweizer Stéphane Henchoz an der Seite Sami Hyypiäs in der Innenverteidigung. Hyypiä durfte bleiben. Für Henchoz spielt jetzt Jamie Carragher. In England werden auch dann Vollrunden gespielt, wenn der Rest der Welt seinen Kater ausschläft. Liverpool und Bolton sind meine zwei Teams auf der Insel. Liverpool seit dem Meistercupfinale 1984, als Torhüter Bruce Grobbelaar im Penaltyschiessen mit seinen «Spaghetti-Beinen» die Römer zum Wahnsinn trieb (was Grobbelaars Nachfolger Jerzy Dudek 2005 gegen die AC Milan erfolgreich kopierte). Auf einer Reise nach London durfte ich mir kurz darauf bei Marks and Spencer ein Liverpool-Trikot kaufen, das mir dank Umbros Stretch-Fasern heute noch passt. Die Bolton Wanderers tragen «Wanderers» im Namen, weil sie zur Gründungszeit noch kein Stadion hatten und deshalb stets auf der Suche waren nach einem eignen Spielfeld. Bolton packte mich wegen ein paar Freunden, die dort wohnen und die ich seit fünfzehn Jahren regelmässig besuche. Bolton ist eine grosse Stadt, die niemand kennt und gemäss meinen Freunden auch niemand kennen muss. 2001 war ich kurz davor, die Wanderer zum ersten Mal live zu sehen, auswärts bei Crewe Alexandra. Wir verweilten kurz an Crewes Bahnhof, der damaligen «Station of the year», und dachten, was für eine lobenswerte Auszeichnung das doch sei - Bahnhof des Jahres -, und dass Winterthur diesen Preis wohl nie gewinnen würde. Dann machten wir uns bei strömendem Regen auf zum kleinen Stadion des alten Eisenbahnervereins. Es war niemand da, dafür alles sehr nass. Der unerhört seltene Fall war eingetreten, dass in England ein Spiel wegen Regens abgesagt wurde. Wir fanden auf dem Rückweg dann die Bolton Fans, ebenfalls vergebens angereist, dumme Lieder singend in einem Pub. Ich fühlte mich nicht sehr verbunden. Zwei Jahre später war es so weit, das FA-Cup-Spiel gegen Sunderland im heimischen Reebok-Stadium, einem der frühesten Beispiele für den Verkauf des Stadionnamens zu kommerziellen Zwecken. Es war ein furchtbares Spiel für rund sechzig Franken mit kaum Heimfans, dafür eine rot-weisse Wand aus Sunderland, die bei jedem Pieps der vierzehn Bolton-Ultras sangen «What the fucking, what the fucking, what the fucking hell was that?» - eine Demütigung sondergleichen. Am Ende stand es 1:1, was im FA-Cup ein Wiederholungsspiel bedeutet. Die Leute hatten sechzig Franken bezahlt für eine sinnlose Partie. Es schien niemanden zu kümmern. Ich hielt trotz allem zu Bolton, dem traurigsten Verein aus der überflüssigsten Stadt. Das Neujahrsspiel gegen Liverpool ist lange ein Graus, bis zur Pause hat Liverpool einmal aufs Tor geschossen, Bolton nie (laut Statistikeinblendung), bis dann nach einer Stunde Liverpool mit zwei Toren innert 60 Sekunden alles Vorherige vergessen macht. Zweimal leistet der im Pub sehr unbeliebte Holländer Kuyt grossartige Vorarbeit, zweimal vollenden Crouch und Gerrard volley. Die zwei Engländerinnen und fünf Engländer jubeln, die Osteuropäerin und ihre Tochter lachen. Als Kuyt noch ein drittes Tor schiesst, raunzt mich der ältere Engländer an: «Für welches Team bist du?» Ich spüre eine gewisse Unbehaglichkeit in mir aufkommen und eine plötzliche Unvereinbarkeit der zwei Herzen in meiner Brust. Und verrate mein Bolton, auch ohne zu lügen: «Liverpool». «Brillant», sagt der Mann, «I’m Jamie Carragher’s Dad.» Ich hatte zwei Stunden geschlafen und schaute kurz in mein zweites leeres Glas Guinness. Dann wieder zum Engländer. «Glaubst du mir nicht? Du kannst jeden fragen hier drin.» Alle nicken. Was er denn in Zürich mache, frage ich ihn. Sein Akzent ist die Hölle, doch es hat mit der Frau zu tun, so viel steht fest. Am 3. Januar fliege er heim, sagt er. Wohin heim, nach Liverpool? «Sicher, wohin denn sonst? Und übrigens: Ich bin Philly. Gib mir deine Adresse, und ich schicke dir was von meinem Sohn.» Zu Hause durchstöbere ich Jamie Carraghers Biografie. Vater Philly führte einst ein Pub in der Nähe der Liverpooler Docks. Vorbestraft, Knasterfahrung. Ein Bild finde ich nicht. Anmerkung der Redaktion: Jamie Carragher, 28, ist englischer Nationalspieler und spielt seit seiner Jugend beim FC Liverpool. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch
captain tsubasaMitglied
12.01.2007, 12:58 · #14
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«Der Hausbesuch»
Von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00424.jpg) Der englische «Guardian» pflegt auf seiner Online-Fussballseite eine sehr sinnlose und sehr schöne Rubrik namens «The Knowledge». Hier sammelt sich das unnütze Wissen von Britanniens und oft auch Europas Fussballgemeinde. Leserinnen und Leser senden der Redaktion Fragen, Leserinnen und Leser antworten. Vor einiger Zeit war einem Fussballfan aus Cardiff während der Partie Wales - Russland aufgefallen, dass die im Fernsehen eingeblendeten Abkürzungen WAL-RUS zusammen ein Tier ergeben, das englische Walross. Er fragte nun via «The Knowledge», ob jemand noch weitere Beispiele für Tiernamen kenne, die sich aus den Abkürzungen von Länderspielgegnern ergeben. Und bekam tatsächlich eine Antwort: «Sollten Belgien und Uganda je gegeneinander antreten, hätten wir den BEL-UGA». Aktuell wird in «The Knowledge» die Frage behandelt, ob Fussballfan zu sein gesundheitsschädigend ist. Vom fragenden Iren und den Antwortenden werden diverse seriöse Studien zitiert, die allesamt zum Ergebnis kommen: Ja - zumindest auf die Dauer. In den Regionen Newcastle/Sunderland und Leeds wurde nach Niederlagen des Heimteams eine deutliche Zunahme von Herzattacken festgestellt. In Florenz kommt es nach Niederlagen der Fiorentina zu einer signifikanten Häufung von Magenbeschwerden, betroffen sind grösstenteils Männer. Nach dem WM-Finale 1994 zwischen Italien und Brasilien stiegen die Testosteronwerte der Brasilianer um 20 Prozent, während jene der italienischen Anhänger um den gleichen Wert sanken. Ein englischer Arzt hat festgestellt, Fussball zu schauen schade den Augen. Nachdem ich all dies erfahren hatte, freute ich mich über die Schlagzeile in der Sonntagspresse, wonach man Fussballfans in der Schweiz fortan Hausbesuche abstatten will. Doch dann malte die Druckerschwärze dunkle Wolken an den Himmel. Es geht gar nicht um die Gesundheit der Fans. Und es werden auch keine Ärztinnen und Ärzte sein, die plötzlich vor der Tür stehen, zuhause oder am Arbeitsort. Sondern die Polizei. In Deutschland, so ist zu lesen, hätte man sehr gute Erfahrungen gemacht mit der «Gefährdeansprache», wie es im Fachjargon heisst. Polizisten in Zivil besuchen Fussballfans, die in einer zentralen Datei gespeichert sind, und sagen ihnen vor ihren Eltern, Ehefrauen, Kindern oder ArbeitgeberInnen: «Hallo Hans. Wir kennen dich. Pass auf, was du tust an der WM.» Das will man in der Schweiz nun auch tun auf die Euro 2008 hin, jetzt, wo man mit der HOOGAN-Datenbank das nötige Instrument dazu hat. In einer der schätzungsweise 134 Reportagen zum Thema Sicherheit im Vorfeld der WM 2006 begleitete ein Team der ARD zwei Berliner Polizisten auf einen solchen Hausbesuch. «Hallo Heiko. Wir kennen dich, BFC Dynamo, du weisst schon. Bleib zuhause an der WM.» Heiko nickte. Als die Polizisten weg waren, fragten die Reporter nach. «Auf keinen Fall bleib ich zuhause. So was wie ’ne WM vor der Haustür lass ich mir nicht entgehen», sagte Heiko. Und seine Frau: «Was solls. Heiko ist nun mal Hooligan, das ist sein Hobby. Das kann ich ihm nicht verbieten.» Nebenan spielte der Sohn. Klar, Heiko hatte vielleicht wirklich was vor im letzten Sommer. Und so eine Reportage ist nicht repräsentativ. Dennoch irritiert der euphorische Ton, den Martin Jäggi, Schweizer Sicherheitschef der Euro 2008, anschlägt. Solche Hausbesuche erinnerten an den Pranger, gab der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür auf Radio DRS zu bedenken, so was sei in der Schweizer Rechtssprechung nicht vorgesehen. Ausserdem ist noch vollkommen offen, wer hierzulande in die Datenbank aufgenommen wird und also für Hausbesuche in Frage kommt: «Hallo Jürg, wir kennen dich, du bist registriert. Wir wissen, was du getan hast, tu das an der EM besser nicht noch mal», heisst es dann vielleicht an einer Haustür in Bern. «Aber ich habe doch nur Schneebälle aufs Feld geworfen, damals im Espenmoos. Und die EM ist im Sommer», sagt dann Jürg. Und es muss nicht einmal ein Witz sein. Die EM 2008 dient seit fünf Jahren als Katalysator einer repressiven Vorwärtsstrategie, die das WEF vor Neid erblassen lassen könnte. Plötzlich ist alles möglich, alles erlaubt, alles nötig. Damit sich die Uefa mit Sitz im schönen Nyon ordentlich die Kassen füllen kann, biegen wir unser Rechtssystem im Wochentakt zurecht. Sportminister Schmid, der mal drei Champions-League-Heimspiele lang Thun-Fan war, feiert derweil Geburtstag. Fussballfan zu sein kostet Nerven dieser Tage, und ein bisschen schmerzt es auch. Bloss: Die Hausbesuche werden kaum von der Krankenkasse übernommen. Da blättert einmal mehr die Steuerzahlerin. Oder der Steuerzahler. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 11.01.2007
captain tsubasaMitglied
18.01.2007, 07:36 · #15
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«Stadionstar»
von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00425k.jpg) Brügglifeld, oh Brügglifeld, du bist es wert, das viele Geld, das du den Gästefans abknüpfst. Umarmt wirst du von Einfamilienhäuschen, deren Vorgärten Spieltag für Spieltag frisch gedüngt werden, seit Menschengedenken. Geduckt stehst du da, bescheiden, klein und schön. Deine Würste sind gut, und du hast den Mut, sie von Frauen verkaufen zu lassen, die Tätowierungen tragen für den Staatsschutz. Niemand braucht eine Mittellandarena, denn mehr Mittelland als du ist niemand. Du bist nah bei den Menschen, und wir sind nah bei dir - du kriegst eine 9,2. Joggeli, oh Joggeli, mal ohne jede Ironie, in dir findet der Fussball statt. Doch ist er dir vielleicht etwas schnell zu Kopf gestiegen. Ein paarmal warst du wirklich voll, und das ist ja auch dein Zweck, und schon streckst und reckst du dich, hebst dein Dach aus den Angeln und machst dich grösser als du bist. Warum? Deine Mutter war anders, bescheiden, tolerant. Sie erlaubte den Gästen Spaziergänge durchs Rund und Ziegelhof einen Bierstand. Heute sagst du allen, wo sie hingehören, und der Zapfhahn wird aus Kopenhagen ferngesteuert. Besinne dich deiner selbst, sei nicht schneller als die Zeit - eine 8,5. Hardturm, oh Hardturm, gegen dich läuft das Quartier Sturm, nein, nicht gegen dich, sondern für dich! Du sahst der Abrissbirne ins Gesicht, ehe ein Schattenwurf dich rettete. Und vielleicht ein Fahrtenmodell. Viel hast du erlebt, hast nicht nur Gäste empfangen aus Kroatien, Nordirland, Albanien oder Leningrad, du hast dich als Heimat auch immer ausgeliehen, an Basel, Wil, St. Gallen und gar an den FCZ. Am Zaun in deinem Gästesektor steht, es sei verboten, am Zaun zu stehen, doch lässt dein Manager so viele Menschen rein, dass sie nicht anders können. Du warst der Erste mit Logen, heute wirkst du alt - alt und erfahren. Für dich eine 9,3. Allmend, oh Allmend, wer dich richtig kennt, weiss: Du hattest es nicht leicht. Du warst besetzt von Meuterern, Hochstaplern und Stuhldieben, und der Freudenschrei blieb dir oft im Halse stecken. Nirgendwo ist die Sicht aufs Feld schlechter als in deiner Horwer Kurve, und doch ist es gemütlich dort und gar nicht weit zum Stand mit Kafi Schnaps. Deine Haupttribüne versammelt vierundzwanzig Stuhlmodelle, und vom Stehplatz zum Pilatus ist es nur ein rascher Blick. In dir ist die Innerschweiz, und sie wird es auch sein, wenn du nicht mehr bist - doch wird sie weinen um dich. Eine 9. Breite, oh Breite, auf deiner einen Seite steht ein Zaun, und der tut weh. Wer in dir spielt, lässt Schweiss und Tränen und ab und zu den Finger, am Zaun, mit Ring, aua. Es ist ein Marsch zu dir, die Gass hinauf mit Schnauf, doch einmal oben belohnst du alle. Bäume säumen deinen Rasen, und von all deinen Plätzen sind nur dreizehnhundert zum Sitzen. Dein Bier ist ein Vogel, gebraut im Ort. Man will dir an den Kragen mit dem FCS-Park, doch du machst dich ganz gut in deinem Flickwerk aus Stahlrohr und Plastik. Bleib wie du bist - eine 8,8. Tourbillon, oh Tourbillon, du Stolz der kleinen Stadt Sion. Platte Reime hast du nicht verdient, du Schmuckstück an der Rhone. Bist in allen Ecken offen und lässt deine Gäste das Wallis sehen, und doch schützt du dein Feld auf allen vier Seiten und lässt den Lärm die Spieler begleiten, wie man es sich wünscht. Du lässt den Weissen fliessen und den Käse auch, nur zäher, und wer in dir war, hatte Urlaub einen schönen Sonntag lang. Nun knabbert ein Nager an deinem Gebälk - die Tollwut vielleicht? - und will dich nach Martigny zügeln. Doch das reimt sich nicht auf dich. Hab keine Angst - 9,4. Espenmoos, oh Espenmoos, was soll einst ohne dich sein bloss? Im Schatten deines Muscheldachs findet Wunderbares statt. Spieler, Pflügen gleich, beackern deinen Rasen für die nächste Anbauschlacht. In dir geht es um den Biss. Selbst die «Neue Zürcher Zeitung» schrieb, statt von Zuschauerzahlen, von der Anzahl abgesetzter Bratwürste. Stadionrekord, hiess es, und du dampfst stolz vor dich hin. Unter deinen Behelfstribünen beginnt die Unterwelt, aus Dreck, Bier und Matchprogrammen, und die Untoten Hutter und Mock röcheln leise: Wir wollen Fussball, keine Einbauküchen - eine 9,7. Lachen, oh Lachen, in deinem kleinen Rachen ruhen viele Millionen. Was tun damit? Es weiss es weder du noch er. Vielleicht brauchst du das Friendshipticket gegen Ende der Saison, um nicht als reicher schöner Rasen Amateurtrübsal zu blasen. Den See vor dir, den kalten, und die Jungfrau fest im Blick, bliesest du den Gästen steif die Brise um die Ohren, früher. Für die richtig grossen Feste warst du deinen Herren aber niemals gut genug. Weine, Lachen, denn du hast viel Grund, macht zu allem Übel eine Rennbahn dich zum Rund. In Anteilnahme - eine 8. Wankdorf, oh Wankdorf, kein andres Wort passt als amorph. Und es passt ganz gut. Mit einem Erbe reich beschenkt, hast du ihn abgeschüttelt, deinen ganzen Ballast, entsorgt in der Mulde der Geschichte. Nun stehst du da, von einer Migros nicht zu unterscheiden. So sehr scheust du Erdverbundenheit, dass selbst der Rasen nicht mehr sein darf, dafür nun Eishockey und Williams. Du bist alles und nichts, könntest überall stehen und allen gehören. Du verwöhnst deine Gäste mit allem, was sie nicht brauchen, bist noch jung, doch den andern weit voraus. Zu weit - eine 7. Letzigrund, oh Letzigrund, du warst so eckig, jetzt wirst du rund. Ein frühes Urteil soll nicht sein, doch die Furcht ist da, dass mit den Ecken auch die Kanten weichen. Deine Masten gaben Halt, sie waren schief und trotzdem gut verankert. Du liessest deine Gäste stehen, nicht im Regen, sondern da, wo sie wollten. Bald wirst du sie sitzen lehren, D4 R35, A6 R78, und deine flache Kneipe wird zur tollen Lounge. Du kriegst - beweis das Gegenteil! - eine 7,5. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 18.01.2007
captain tsubasaMitglied
25.01.2007, 16:55 · #16
Beiträge: 945
http://www.woz.ch/artikel/archiv/14418.html
«Kampfzone Sicherheit»
von Pascal Claude ![](http://www.woz.ch/images/DSC00433k.jpg) Im Internet stiess ich vor kurzem auf ein Fussball-Fanzine im pdf-Format: «Der Stelzbock. Das Blatt für den Block». Herausgegeben wird es von den United Supporters des FC Luzern, dem Dachverband der unabhängigen, aktiven FCL-Fans. «Der Stelzbock» zeigt auf eindrückliche Weise, dass die Zeit der maschinengeschriebenen, mit Schere und Leim gelayouteten und von Hand kopierten Fanzines ohne jeden Zweifel vorbei ist. Es ist das grosse Verdienst des «Stelzbocks», dass der Übertritt ins papierlose Zine-Zeitalter praktisch schmerzfrei vollzogen werden kann. In der ersten Ausgabe des übersichtlich gestalteten und inhaltlich reichen Heftes findet sich ein ausführliches Interview mit dem Luzerner Sicherheitschef Daniel Ryter. Ryter fährt darin gegen die Swiss Football League (SFL) und den später zurückgetretenen Präsidenten der Sicherheits- und Fankommission, Thomas Helbling, schweres Geschütz auf. Helbling war Hauptverantwortlicher der von der SFL auf die Saison 2006/2007 eingeführten Registrationspflicht für Auswärtsfans. Als im ersten Spiel der Saison die Fans des FC Zürich vor den Toren der Luzerner Allmend standen, registrierungsunwillig, entschied Daniel Ryter eigenmächtig, die Tore zu den herkömmlichen Bedingungen zu öffnen. Helbling stiess das damals sauer auf, was Ryter im «Stelzbock» wie folgt kommentiert: «Als es hart auf hart ging, als wir uns vor Ort in den Stadien mit den Folgen der Registrationspflicht auseinandersetzen mussten, liess es sich Thomas Helbling in den Ferien gut gehen. Trotzdem liess er es sich nicht nehmen, mir via an den Karren zu fahren. Obs mich gekratzt hat? Nicht im Geringsten!» Ryter wendet sich in seiner Kritik auch an die SFL als solche, spricht von einem «unsinnigen Ligabeschluss» und von von der SFL diktierten baulichen Veränderungen, die eher eine Gefahr darstellten und «aus sicherheitstechnischer Sicht ein völliger Quatsch» seien. Angesprochen auf die von Ryter erhobenen Vorwürfe, nimmt Roger Müller, Marketing- und Kommunikationsverantwortlicher der SFL, als Erstes Thomas Helbling aus der Schusslinie: «Es war Thomas Helblings Aufgabe, Vorschläge für ein neues Sicherheitsreglement auszuarbeiten. Seine Vorschläge wurden aber vom Komitee der SFL und von den Klubs an einer Generalversammlung abgesegnet, das Reglement ist ein Gemeinschaftswerk.» Wenige Wochen nach ihrer Einführung war die Registrationspflicht bereits Geschichte, der Boykott breiter Fankreise hatte Wirkung gezeitigt. Müller war derjenige, der anstelle Helblings die Streichung des betreffenden Passus aus dem Sicherheitsreglement vor den (teils empörten) Medien bekannt geben musste. Er kann Ryters Ärger in gewissen Punkten nachvollziehen und blickt selbstkritisch auf den vergangenen Sommer zurück: «Wir wollten nach den Vorkommnissen vom 13. Mai in Basel wahrscheinlich zu schnell zeigen, dass wir aktiv sind. Dabei haben wir die praktische Umsetzung nicht genug bedacht.» Mit mehr Vorlauf und besserer Kommunikation, so Müller, hätte die Geschichte womöglich einen anderen Verlauf genommen. Trotzdem ist die Registrationspflicht bei der SFL nun vom Tisch. «Unser Weg ist heute ein anderer», versichert Müller. Dieser andere Weg trägt zwei Namen, wie die SFL vor zehn Tagen in einem Communiqué bekannt gegeben hat: Peter Landolt und Christian Schöttli. Landolt, der neu die Sicherheits- und Fankommission präsidiert, war viele Jahre GC-Stadionmanager im Hardturm und wird in dieser Funktion im neuen Letzigrund tätig sein. Bekannt wurde Landolt auch durch seine eigenwillige präventive Arbeit: So lud er Basler Hooligans zu einem Spiel gegen die dritte Mannschaft der Grasshoppers nach Zürich ein, mit anschliessendem Abendessen im Hardturm-Stadioncafé. Der «Tages-Anzeiger» berichtete damals in Farbe. Schöttli, der mit Landolt auf Mandatsbasis für die SFL arbeitet, ist Sicherheitschef des FC Zürich und hat sich als Geschäftsführer einer privaten Sicherheitsfirma bei vielen Fans einen Namen gemacht. Die SFL erhofft sich von den Sicherheitsleuten Landolt und Schöttli die nötige Praxisnähe, um Rohrkrepierer wie die Registrationspflicht und Rundumschläge wie jene Daniel Ryters in Zukunft zu vermeiden. Ob der Graben zwischen den Ansprüchen der SFL und der Wirklichkeit vieler Klubs wirklich so gross ist, wie Ryters Aussagen vermuten lassen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen; ebenso, welcher Platz Fananliegen in der ganzen Debatte eingeräumt wird. Ganz abgesehen davon, und auch wirklich nur ganz am Rande, stellt sich dann als Letztes noch die Frage, was die schleichende Fusion der beiden Zürcher Klubs auf Sicherheitsebene zu bedeuten hat. Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 25.01.2007
captain tsubasaMitglied
03.02.2007, 12:47 · #17
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«Erlebe Emotionen in der UBS-Arena»
Von Pascal Claude Drei Prozent der Schweizer Bevölkerung ärgern sich laut einer Demoscope-Studie über die Euro 08. Das ist eine fiese Zahl, denn drei Prozent, das sind die ewigen Miesmacherinnen und Calvinisten, die meinen, alles müsse seine Ordnung haben. ![](http://www.woz.ch/images/DSC00447k.jpg) Das sind die drei Prozent, die immer irgendwo dagegen sind, gegen Skirennen bei fünfzehn Grad plus, gegen Crevettenspiesschen, gegen die GegnerInnen der Südanflüge, gegen die Zeitungen, die gegen den Verzicht auf Formel 1 beim Schweizer Fernsehen sind. Die drei Prozent sind die, zu denen niemand gern gehört. Ausser man wird gezwungen. Wie auch immer: Es war zu befürchten, dass sie sich irgendwann zu Wort meldet, die UBS, schliesslich ist sie nationaler Sponsor der Euro 08. Jahrzehntelang hat sie sich vom Fussball ferngehalten, diesem unterschichtigen und anlagefeindlichen Minenfeld, bis sie merkte, dass dem Tretsport nun auch Eintritt gewährt wird in den «Salon», dass Politikerinnen und Soziologen, Literatinnen und Philosophen sich dazu äussern und dass bei Länderspielen nun auch Offroader mit Zuger Kennzeichen vor dem Joggeli parkieren. Der Fussball, hat sich die UBS gesagt, entflieht dem Proletenmilieu. Zeit, einzusteigen. Als erstes stach sie die Credit Suisse aus und wurde offizielle Bank der Euro 08 und nationaler Sponsoringpartner der Uefa. Die CS, die die Nachwuchsarbeit des Fussballverbandes während der letzten zwölf Jahre finanziert hat und vielleicht dachte, vom Verband dafür etwas zurückzubekommen, schaute ziemlich dumm aus der Wäsche. Und nun schenkt uns die UBS in einem Akt seltener Selbstlosigkeit siebzehn UBS-Public-Viewing-Arenen für die Zeit der Euro 08. Der für die Umsetzung verantwortliche Patrick Magyar jubelte in «Sport aktuell», es werde wie in einem Stadion sein, bloss liege das Sitz-/Stehplatz-Verhältnis in den UBS-Arenen bei 1:5 bis 1:6. «Wie früher in den Fussballstadien also?», fragte demütig der SF-Sportreporter. Und Magyar strahlte: «Da, wo es noch richtig abgegangen ist mit der Stimmung, jawohl.» Was soll man da sagen? Ist das nicht alles irgendwie pervers? Da wartet die Grossbank, bis sich der Fussball von all dem Pöbel und Gesocks befreit, bis er die wirklichen Massen erreicht hat, auch die mit viel Geld und wenig Skrupel, bis er clean ist und gezähmt, bis er strahlt und glänzt und Milliarden umsetzt, und dann steigt sie ein, top down, überzieht das Land mit Plastikstadien und lässt in diesem Fussball-Disneyland die gute alte Zeit hochleben. Das ist kaputt. Das ist einfach total kaputt. Zur gleichen Zeit lässt die Uefa verlauten, sie werde an die Euro 08 Detektive entsenden im Kampf gegen Ambush-Marketing, und der «Tages-Anzeiger» berichtet, die Uefa wolle Gebühren erheben auf jeden verdammten öffentlichen Fernseher. Das stimme nicht, wehrt sich die Uefa, das gelte nur für Leinwände, und sie verklemmt sich dabei ein «leider». Soll mir keiner erzählen, der neue Präsident Michel Platini werde hier die Notbremse ziehen und gleichzeitig Moldawien einen Champions-League-Startplatz garantieren. Mehr Spektakel, weniger Markt? Wer’s glaubt. Und seit Platinis Jubel nach seinem Penaltytor im Heysel und seiner Erklärung «wenn der Trapezkünstler stirbt, bringen sie den Clown» möchte ich mit diesem Herrn sowieso nie über seine Definition von Spektakel reden. Am 7. Juni 2008 fahr ich vielleicht nach Grenchen in die UBS-Arena, weil sich bei mir in der Nähe niemand die Uefa-Euro 08-Leinwand-Gebühren leisten kann. Ich werde vielleicht das T-Shirt der Brauerei Einsiedeln tragen, das ich zu meinem letzten Geburtstag geschenkt bekommen habe. Uefa-Ambush-Marketing-Detektive werden mich erwischen und der Polizei übergeben, weil Feldschlösschen das offizielle Arena-Bier ist. Ich werde viele Emotionen erleben, mich wehren und schreien: «Maisgold ist besser als Gold! Dinkel ist besser als Urtrüb!» Wegen blöden Verhaltens anlässlich einer Sportveranstaltung werde ich in der Hooligendatenbank landen. Nun bin ich vom Fussball ausgeschlossen. Ich bleibe jedes Wochenende zu Hause und schaue Bahn-TV. Und wenn mich jemand fragt, wie ich mich fühle, sage ich: «Wie drei Prozent.» Kommentare und Reaktionen zu dieser Kolumne bitte an: sport@woz.ch • Weitere Texte im Dossier: «Knapp daneben» WOZ vom 01.02.2007
captain tsubasaMitglied
15.03.2007, 13:53 · #18
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Kilowattköbi Von Pascal Claude Nun sitzt er schon im «Fussballtalk» auf SF 2, der Rainer Meier, und spricht über den Zustand der Schweizer Liga. Er ist zurück im Geschäft. Als «Blick»-Sportchef war er 1996 verantwortlich für die Kampagne gegen den damaligen Nati-Trainer Artur Jorge. «Jetzt spinnt er», titelte Meier nach Jorges Verzicht auf Adrian Knup und Alain Sutter, und mit dem Spinnen spielte die Zeitung auf den Hirntumor an, den sich der Portugiese einst hatte entfernen lassen. Rainer Meier verliess den «Blick» kurz darauf, liess es sich aber nicht nehmen, die Geschichte in einem «Magazin»-Artikel später erneut aufzuwärmen: Jorge hätte damals, vor der EM 1996, in der Kabine die Spieler zum Teil verwechselt, behauptete Meier, ohne eine Quelle zu nennen. Nach der Lancierung der gänzlich erfolglosen Deutschschweizer Fussballzeitschrift «Matchmag» und einer Anstellung in der Swissair-Kommunikationsabteilung landete Meier bei der Axpo, als Leiter Corporate Communications. Die Axpo, Hauptsponsorin der höchsten Schweizer Fussballliga, drehte mit Nati-Trainer Köbi Kuhn einen Solarstrom dissenden Werbespot für Atomenergie, der Bundesrat Leuenberger und einigen andern sauer aufstiess. Rainer Meier bezeichnete in Axpos Namen den Spot süffisant als Diskussionsbeitrag in der Energiefrage und nahm Hauptdarsteller Kuhn in Schutz. Dieser war in der Zwischenzeit wütend geworden und davongelaufen, als ihn ein «10vor10»-Reporter fragte, wie er selber denn zu Atomstrom stehe. Die Axpo zog den Spot zurück, und Köbi Kuhn musste sich gequälten Blickes eine Solaruhr schenken lassen. Das interessiert aber nicht weiter, und es ist auch anzunehmen, dass Kuhn für all die negativen Schwingungen von der Axpo atomar entschädigt worden ist. Bemerkenswert ist viel mehr, dass Kuhn, dessen persönlicher Berater Erwin Zogg ebenfalls ein ehemaliger «Blick»-Journalist ist, mit Rainer Meier nun einen Fürsprecher gefunden hat, der einen von Kuhns Vorgängern auf beispiellose Art fertiggemacht hat. Das WM-Spiel gegen die Ukraine war das wichtigste der Schweizer Nati seit dem Achtelfinale 1994 gegen Spanien. Kuhn wechselte falsch aus, nominierte seltsame Penaltyschützen und verlor. Seine Erklärung: «Hätte ich Frei drin gelassen, hätten wir das Penaltyschiessen halt statt mit 0:3 mit 1:3 verloren.» Damit kam er durch. Obwohl alle wussten, dass nach dem ersten verschossenen Penalty der Ukraine und einem möglichen Tor Freis alles anders gewesen wäre. Seit der WM bringt die Nati kein Bein vors andere, 1:2 gegen Österreich, 1:2 gegen Brasilien, 1:3 gegen Deutschland; knappe Niederlagen, grosse Defizite. Jeder andere Nati-Trainer wäre nach dieser Halbjahresbilanz auf dem Seziertisch der Boulevardpresse gelandet. Nicht aber Köbi. Nicht Köbi National. Jetzt hat Kuhn Captain Johann Vogel telefonisch entlassen. Er hätte den Entscheid mit niemandem besprochen, sagt Kuhn. Als müsste man es tapfer finden, wenn einer Entscheide solcher Tragweite alleine fällt. Es zu glauben fällt ohnehin etwas schwer. Der «Blick» konzentriert sich auf Vogels emotionale Reaktion auf den Rausschmiss und gibt ihn damit der Lächerlichkeit preis. Köbi Kuhn, Trainer des Jahres, Schweizer des Jahres, Werbesujet der Credit Suisse, der Axpo, des Bauernverbands, einer Schoggifirma und eines Bierkonzerns, lächelnd mit Frau Alice auf dem Titelblatt der «Schweizer Illustrierten», Köbi Kuhn, gut vernetzt, gut beraten, gut bezahlt, darf bleiben. Er möchte gern Europameister werden. quelle: http://www.woz.ch/artikel/archiv/14664.html
captain tsubasaMitglied
23.08.2007, 05:57 · #19
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Missmut, verständlich Von Pascal Claude «Wir haben euch gerettet. Der Krieg in Jugoslawien ist vorbei. Es ist Zeit, Danke zu sagen und zu gehen.» Solche Briefe erhält Luka Rakitic, wohnhaft in Möhlin AG, der Jugoslawien verlassen hat, als es Jugoslawien noch gab, lange vor dem Krieg. Luka Rakitic hat einen Wunsch: Er möchte den Schweizer Pass. Doch «der wird abgelehnt», heisst es auf den Strassen von Möhlin. Das hat die «Basler Zeitung» (BaZ) herausgefunden. Und sie ist voller Mitgefühl: «Der Missmut der Möhlemer wird verständlich, wenn man betrachtet, dass der junge Rakitic im Dorf seine Ausbildung durchlaufen hat», schreibt die Journalistin. Der junge Rakitic, es ist bekannt, hat sich als Doppelbürger dafür entschieden, für die kroatische Nationalmannschaft zu spielen. Man hatte ihm bei der Einbürgerungsfeier in Möhlin vergessen mitzuteilen, dass nach Fricktaler Recht der Schweizer Pass dazu verpflichtet, sein Doppelbürgertum zu verleugnen. Jetzt ist der junge Rakitic weg, auf Arbeit im Ruhrgebiet, doch geblieben ist seine Sippe, und die wird nun in Haft genommen, dass es kracht. Auch von der «Basler Zeitung». Der Missmut auf einen Vater, dessen mündiger Schweizer Sohn eine freie und aus sportlicher Sicht hochgradig vernünftige Entscheidung getroffen hat (Kroatien hat sich seit der Staatsgründung ausser für die EM 2000 für alle Europa- und Weltmeisterschaften qualifiziert), ist für die «Basler Zeitung» verständlich, weil der Sohn im Dorf die Lehre gemacht hat. Mit anderen BaZ-Worten: Vor dem Hintergrund, dass Sohn Rakitic nicht für die Schweiz Fussball spielt, wird die Tatsache, dass er in der Schweiz eine Lehre absolviert hat, zu einer solch bodenlosen Frechheit, dass eine Retourkutsche in Form einer verweigerten Einbürgerung des Vaters geradezu auf der Hand liegt. Es wird einem leicht anders bei alledem. Die BaZ hat für ihren stimmungsvollen Report in Möhlin sogar einen SP-Mann aufgetrieben, der über den jungen Rakitic den Kopf schüttelt und von «Öl ins Feuer» redet. Ich rief den Mann an, damit er erklärt, er denke in Wahrheit ganz anders, doch er sei in den Ferien, sagte eine Frauenstimme. Vielleicht ruft er irgendwann zurück. Vielleicht liegen wir bis dann aber auch in den Schützengräben, im heiligen Krieg gegen die Undankbaren. «Wir haben euch gerettet.» Wir. Euch. Wir, das sind wir Schweizerinnen und Schweizer, ganz Liebe, Flotte, allesamt. Jeder und jede von uns ist damals Anfang Neunziger an die Grenze gefahren, die Arme ausgebreitet, im Rucksack heissen Tee und Wolldecken, bereit und willig, alles Elend aufzunehmen, das da kommen mag. Wir. Was haben wir uns nicht alle die Hände schwielig gekrüppelt in der Flüchtlingshilfe. Und dann dieser verdammte Undank. Dieser Hochverrat von diesem wasserstoffblonden Sauhund. «Komm mir nicht mit diesem Verräter», das sagte auch der Barkeeper in der kleinen Luzerner Kneipe, als bei der Bundesliga-Konferenzschaltung der kleine Rakitic ins Bild rückte. «Huere Verröter», nickte der Gast am Tresen. Man ist sich einig, an Reuss und Rhein. Mit Blaise Nkufo kehrt ein Mann in die Nati zurück, der auf Fragen mit afrikanischen Sprichwörtern antwortet und der es verstanden hat, sich mit Köbi Kuhn zu versöhnen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Zu Rakitic sagt Nkufo in der «SonntagsZeitung»: «Doppelbürger müssen auf ihr Herz hören.» Dem Verband, der Nkufo für das Länderspiel gegen Holland aufgeboten hat, dürfte solches nicht gefallen. Dieser Verband, der seit Jahren an vorderster Front von der Migration profitiert, will junge Auswahlspieler mit Doppelpass schon im Knabenalter dazu bringen, sich der zweiten Haut zu entledigen; bislang mittels Unterschrift unter einen Ehrenkodex, am liebsten aber über eine Ausbildungsentschädigung. Eltern, deren Kinder sich am Ende doch noch umentscheiden, sollen zahlen. Luka Rakitic, der so gerne Schweizer wäre, würde sicher sofort zahlen. Doch für ihn hat man sich etwas Besseres ausgedacht. http://www.woz.ch/artikel/rss/15303.html
SoccerloveMitglied
23.08.2007, 12:22 · #20
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« «Wir haben euch gerettet.» Wir. Euch. Wir, das sind wir Schweizerinnen und Schweizer, ganz Liebe, Flotte, allesamt. Jeder und jede von uns ist damals Anfang Neunziger an die Grenze gefahren, die Arme ausgebreitet, im Rucksack heissen Tee und Wolldecken, bereit und willig, alles Elend aufzunehmen, das da kommen mag. Wir.»
Perfekt beschrieben, wie heuchlerisch wir mit so Aussagen umgehen. Jedenfalls ein wunderbarer Text der Fussball mit gesellschaftlichen und politischen Themen verbindet.
««Komm mir nicht mit diesem Verräter», das sagte auch der Barkeeper in der kleinen Luzerner Kneipe, als bei der Bundesliga-Konferenzschaltung der kleine Rakitic ins Bild rückte. «Huere Verröter», nickte der Gast am Tresen. Man ist sich einig, an Reuss und Rhein.»
Stammtischbrüder, jeder "Jugo" ist zuviel, aber sobald er für die Nati spielt ist er hochwillkommen. Wehe, ein "Jugo" entscheidet sich aber für seine alte Heimat, eine Heimat in der der Patriotismusgedanke noch viel ausgeprägter ist, aus geschichtlicher Sicht auch verständlich. Sei es ein mazedonischer Albaner (Blerim), ein Serbe (Kuzmanovic), ein muslimischer Bosnier (Jakupovic) oder eben die Kroatien-Fraktion (Rakitic, Petric), für den grössten Teil der Stammtischbrüder bleibens Jugos.
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