Medienberichte / Kommentare

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GräseMitglied
09.12.2008, 11:38 · #201
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bepunktMitglied
09.12.2008, 11:57 · #202
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Diesen Artikel? Google sagt:
«Der dressierte Fanblock»
Text: Philipp Köster Am sechsten Spieltag der 2. Liga verlor der 1. FC Nürnberg sein Heimspiel gegen den MSV Duisburg sang- und klanglos mit 0:1 und rutschte auf den 14. Tabellenplatz ab. Das Gegentor fiel bereits in der 23. Minute, anschließend ging nicht mehr viel zusammen. Nun hat es in der Vergangenheit bereits Spiele gegeben, in denen Heimmannschaften einen solchen Rückstand noch gedreht haben, mit eigener Leidenschaft und der Unterstützung des Publikums. Nicht so jedoch an diesem Abend in Nürnberg, denn die Ultras in der Nordkurve des Frankenstadions schienen wenig interessiert am Treiben auf dem grünen Rasen. Sie schwiegen zu Spielbeginn zunächst 20 Minuten lang und sangen dann bis zum Abpfiff eine einschläfernde Endlosmelodie – als Protest gegen die Montagsspiele im DSF und fanfeindliche Anstoßzeiten. Vielleicht nur eine Momentaufnahme. Vielleicht aber auch ein weiterer Beleg für die Vermutung, dass die Fankultur in deutschen Stadien inzwischen ziemlich auf den Hund gekommen ist. Denn der deprimierende Abend in Nürnberg zeigte exemplarisch, wie weit sich der Support in vielen Kurven bereits vom ursprünglichen Sinn und Zweck eines Fanblocks entfernt hat, nämlich die Mannschaft zu unterstützen, der viel beschworene 12. Mann zu sein. Und vielleicht noch schlimmer: Von der Wildheit, der Anarchie, der Spontaneität, die die Fanblöcke über Jahrzehnte hinweg auszeichneten, ist im Herbst 2008 nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen trifft sich jeden Samstag auf den Stehrängen ein gut gedrillter Männerchor und wartet auf seinen Dirigenten. Staatsoper statt Punkrock. Natürlich hat diese Entwicklung viele Ursachen. Sie hat zu tun mit den antiseptischen Stadien, in denen Profifußball heutzutage stattfindet. Und auch die Klubs haben dazu beigetragen, weil sie immer noch nicht begreifen wollen, dass Fußball kein Musical ist, kein Starlight Express auf grünem Rasen. Und trotzdem: Schuld an der Misere sind nicht nur der moderne Fußball, der verdammte Polizeistaat und skrupellose Vereine, sondern eben auch jene, die einmal antraten, um die Fankultur zu retten: die Ultras. Doch der Reihe nach: Es ist noch nicht allzu lange her, da orientierten sich deutsche Anhänger auf der Suche nach Inspiration traditionell nordwestlich, die britischen „Terraces“ waren das Vorbild hiesiger Fankurven. Bis zur Mitte der 90er Jahre setzten sich Moden, die der „Kop“ in Liverpool oder Chelseas „Shep End“ vorlebten, mit Verzögerung auch in Hamburg, Düsseldorf und Nürnberg durch. Wie binde ich meinen Schal, welche Lieder singe ich, wie schaue ich Fußball, all das schauten sich die deutschen Kurven seit den 60er Jahren vorwiegend von den englischen Lads ab. Vor allem aber importierten sie das egalitäre Prinzip, dass im Fanblock keine Anführer gewählt werden, alle waren gleichberechtigt und gleichverantwortlich für die Unterstützung des Klubs. Fiel jemandem etwas Witziges ein, rief er es. Wenn er Glück hatte, fanden andere das ebenso lustig und am Ende brüllte es die ganze Kurve. So lief das früher. Das Ultra-Manifest war pathetisch formuliert, traf aber einen Nerv Seit 1997 haben sich die Verhältnisse radikal geändert. Begünstigt durch den langsamen Niedergang der englischen Fankultur, befeuert aber vor allem durch die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs, entdeckten deutsche Anhänger die italienische „Curva“ als neues Vorbild. Die Ultras in Rom, Neapel, Livorno hatten mit dem traditionellen Bild der eher statischen deutschen Kurven wenig gemein, Waren die Fanblöcke hierzulande eine bunte Mischung unterschiedlicher Fanklubs und Einzelpersonen, präsentierten sich die italienischen Anhänger schon damals als homogene, hierarchisch organisierte und von sogenannten „Capos“ geführte Großgruppen, die im Fanblock nicht nur sangen und klatschten, sondern sich gerne auch mal kollektiv unterhakten und quer durch den Block schunkelten. Und was den deutschen Fans vielleicht noch mehr imponierte: Viele italienische Kurven waren autonom und wurden von den Ultras selbst verwaltet, in Deutschland, dem Land der Fahnenpässe, eine überaus verlockende Vorstellung. So befremdlich die neue Kultur auf alteingesessene Anhänger wirken mochte, der Siegeszug der Ultras schien zunächst die einig logische, einzig mögliche Reaktion auf eine zunehmend kommerzialisierte und restriktive Fußballwelt zu sein. Denn Vereine und Polizei hatte in den Jahren zuvor jede nur erdenkliche Anstrengung unternommen, um aktiven Fans den Aufenthalt im Stadion gründlich zu verleiden. Lückenlose Überwachung durch unzählige Kameras, willkürliche Stadionverbote, brachiale Dauerbeschallung mit Rummelplatzmusik, die jedes Einsingen vor dem Spiel verhinderte, Fahnenpässe, flächendeckende Verkleinerung der Stehplatzareale, man könnte noch zwei, drei Stunden so fortfahren, ohne sich zu wiederholen. Deswegen setzten die Ultras ein selbstbewusstes Zeichen. Wollten fortan nicht diejenigen sein, die freudig mitsingen, wenn die Stadionregie „I will survive“ von der Hermes House Band durchs Stadion dröhnen ließ. Und wollten sich abgrenzen, von jenen die getrieben in den nächsten Fanshop rennen, wenn der eigene Klub die siebte Away-Kollektion der laufenden Saison herausgebracht hatte. Stattdessen formulierten die Ultras einen Frontalangriff auf die bestehenden Zustände: Wir sind der Verein. Spieler kommen und gehen, Vorstände demissionieren, wir Anhänger jedoch stehen ein Leben lang zum Verein. Das war zwar ziemlich pathetisch, traf aber den Nerv vieler frustrierter Anhänger. Denn damit gingen die Ultras noch einen Schritt weiter als die Fanzine-Generation, die Anfang der 90er Jahre mit ihrem Kampf gegen Versitzplatzung und den Rassismus auf den Rängen den Diskurs in den Stadien dominiert hatte. Ausgehend vom Frankfurter Waldstadion, wo sich 1997 mit den „Ultras Frankfurt“ die erste ernstzunehmende deutsche Ultragruppe gründete, schossen in den Folgejahren in nahezu allen großen Stadien der Republik Gruppen nach italienischem Vorbild aus dem Boden und übernahmen in Windeseile die Lufthoheit in den meisten Kurven. Manch eher traditionell gesinnte Fanklub beäugte die neue Mode zwar kritisch, die überkommende Kuttenkultur mit ihren Fanklubs hatte dem Korpsgeist, dem Gestaltungswillen und dem Bewegungsdrang der Ultras aber wenig entgegenzusetzen. Wie altmodisch wirkten jeanskutte und Aufnäher gegen die dynamische und smarte Ultrakultur. Das Elend der Ultrakultur versinnbildlich der Vorsänger Zumal nun vorher nicht Gesehenes auf den Rängen passierte. Wo es früher oft nicht einmal Haupttribüne und Kurve hinbekamen, den Heimatverein einigermaßen einstimmig anzufeuern, warfen sich plötzlich die Tribünen perfekt getimte Wechselgesänge zu, hüpfte ein ganzer Fanblock im Wiegeschritt und sangen die Fans gar mehrstrophige Lieder, wo der Anhang früher schon beim ersten Relativsatz dezent ins Schwitzen kam. Das war neu und aufregend und die einzige Frage, die sich Anhänger in den ersten Jahren stellten, war folgende: Warum haben wir das eigentlich nicht schon immer so gemacht? Doch was zunächst daherkam wie ein offenes System, wie ein verlockendes Angebot an Fans aller Couleur, mehr zu tun als nur zu singen und in die Hände zu klatschen, ist inzwischen weitgehend erstarrt, in strengen Hierarchien, merkwürdigen Ritualen, kindischen Diebstählen und jenem vielbeschworenen Kampf „gegen den modernen Fußball“, der für so ziemlich alles verantwortlich gemacht wird, was seit Fritz Walter im deutschen Fußball schief gelaufen ist. Das Elend der Ultra-Kultur versinnbildlicht dabei der Vorsänge. Jener Fan, der auf dem Zaun sitzt, dem Spielfeld den Rücken kehrt und mit Megaphon in der Hand den nächsten Song anstimmt. 90 Minuten lang brüllt er heisere Kommandos ins Sprachrohr, ohne Pause, ohne Unterlass. Man muss den Vorsänger nichts Böses wollen, jeder für sich ist sicherlich ein integerer Bursche und altgedienter Veteran, um festzustellen, wie fatal dieses Cheerleading vom Zaun herab auf den Fanblock wirkt. Denn es macht aus aktiven Fans willige Vollstrecker. Gesungen wird nur noch das, was dem Vorsänger gerade einfällt, spontane Zwischenrufe haben entgegen allen Beteuerungen keine Chance, schleichend haben sich so Witz und Anarchie aus den Kurven verabschiedet, die Fanblöcke entmündigen sich selbst. Oder wie es das Stuttgarter Commando Cannstadt vielleicht ungewollt formulierte: „Eine Grundeinstellung sollte es ein, dass man seine eigenen Interessen immer hinter die der Kurve und der Gruppe stellt.“ Und: „Die Wege der Gruppe sind auch die eigenen Wege.“ Nun gibt es ja durchaus ein paar plausible Argumente für di Animateure auf dem Zaun. Zum Beispiel, dass sich ein tausendköpfiger Block durch einen Vorsänger leichter dazu bringen lässt, zur gleichen Zeit ein Lied anzustimmen anstatt an vier Stellen gleichzeitig ganz unterschiedliche Songs. Der Preis bleibt dennoch deutlich zu hoch: Denn der Support ist zweifellos lauter geworden und optische beeindruckende, zugleich aber auch ausrechenbar und mitunter entsetzlich langweilig. Was auch daran liegt, dass viele Ultras kaum noch auf das Spielfeld schauen, weil es auf den Rängen viel zu viel zu tun gibt. Hüpfen, klatschen, unterhaken, ein schweißtreibender Vollzeitjob. Nun ist gegen den Support mit Händen und Füßen prinzipiell nichts einzuwenden, nur haben sich die Anhänger stillschweigend vom einstigen Selbstverständnis jedes Fanblocks verabschiedet, ein Teil des Spiel sein zu wollen. Nicht selten spulen Ultras gänzlich unabhängig vom Spielverlauf ihr Programm herunter und lassen sich, polemisch formuliert, nur ausnahmsweise und höchst ungern von Toren unterbrechen. Anschließend geht es möglichst fix weiter im eigenen Programm. Sie hecheln dabei einem Ideal hinterher, nämlich dem des 90-minütigen Dauersupports, der vermeintlich maximalen Unterstützung des Teams, die bei Licht besehen allerdings genau das Gegenteil ist. Denn woran erkennt man ein gutes Publikum? Muss es tatsächlich zwanghaft 90 Minuten lang lärmen, völlig wurscht, ob das eigene Team gerade stürmt oder an der Mittellinie Rasenschach aufführt? Nein, ein gute Publikum sollte im richtigen Moment für die Mannschaft da sein. Ein gutes Publikum ist fachkundig und leidenschaftlich, es honoriert Einsatz, Kampfesmut und Spielwitz, es bejubelt Tore und leidet mit, wenn auf dem Rasen nichts zusammenläuft. Eine gutes Publikum darf sich die Seele aus dem Leib pfeifen, wenn die Spieler lustlos über den Rasen schleichen. Choreographien sind oft so kreativ wie nordkoreanische Feierlichkeiten Stattdessen aber kultivieren viele Ultras einen merkwürdigen Leistungesgedanken. Das beginnt bei den Choreographien vor dem Spiel, die inzwichen längst zu uninspirierten Materialschlachten verkommen sind. Wenn wieder einmal das halbe Stadion Papptafeln hochhalten muss, während die Kurve ein martialisches Spruchband präsentiert, ist das auch nicht viel kreativer als eine nordkoreanische Aufführung anlässlich des Geburtstags des großen Führers Kim Jong Il. Was viele Ultras nicht zu stören scheint, denn kaum etwas findet solche Resonanz in der Szene wie die immer gleichen Bilder von Papptafeln, Doppelhaltern und bunten Girlanden. Kaum einem Ultra-Aktivisten fällt dabei auf, wie die Jagd nach immer bombastischeren Aufführungen die Kritik m Showbusiness Fußball konterkariert. So wortmächtig man nämlich gegen die klebrige Inszenierung des Profifußballs als bonbonfarbenes Event für zahlungskräftige Mittelstandsfamilien wettert, so leidenschaftlich produziert man selbst die atmosphärischen Bilder für die Anmoderation der Premiere-Konferenz. Schon Frankfurt-Ultras Adorno wusste: Das richtige Leben im falschen ist manchmal nicht so einfach. Ähnlich verhält es sich bei dem Liedgut. Auch hier jagen die Ultra-Szenen nach immer neuen, immer komplexeren Songs, die Eindruck bei den Gegnern schinden sollen. Kurven, die nicht alle zwei, drei Monate ihr Repertoire grundlegend überarbeiten, gelten schnelle als rettungslos altmodisch. Manisch wird deshalb das Archiv der Plattform „Youtube“ nach neuen Melodien ausländischer Szenen durchforstet. Als etwa die Ultras au Pisa im Frühling den guten, alten Kaoma-Hit „Lambada“ für die Kurve adaptierten, starteten die deutschen Szenen ein regelrechtes Rennen um die Erstveröffentlichung im deutschsprachigen Raum. Inzwischen wird das Stringtanga-Lied in Frankfurt, Hannover, Wien und Karlsruhe gesungen. Dass ständig neue, immer komplexere Lieder gesungen werden müssen, hat allerdings den unschönen Effekt, dass oftmals nur der harte Kern der Szene, der die Lieder zuvor gelernt hat, auch wirklich mitsingt (wobei allerdings mindestens die Hälfte des harten Kerns damit beschäftigt ist, die andere Hälfte des harten Kerns mit Fotohandys abzufilmen). Bis jedoch auch andere Anhänger Text und Melodiefolge so weit verinnerlicht haben, dass sie ohne zu zögern einstimmen, ist das Lied schon wieder aus der Mode. Das faszinierende Schauspiel, wenn ein ganzer Choral der Fankurve auf das ganze Stadion übergreift, so dass die Opas mit Gehhilfe und die Jungsspunde aus dem Fanblock das Gleiche brüllen und das Gleiche fühlen, wird so immer seltener und kommt eigentlich nur noch vor, wenn die Fankurve einen Gesang der Kategorie „Oldschool“ einstimmt, auch wenn der weder vierstrophig noch in Deutschland einzigartig ist. Kritik an den Ultras wird oft nur anonym in Fanforen gepostet Die Schuld an der daraus resultierenden Spaltung der Fanblöcke in trällernde Ultras und den schweigenden Rest geben die aktiven Fans oft voreilig den Umstehenden, exemplarisch formuliert von den Ultras Wuppertal: „Leute, die ihr Maul nicht aufkriegen und nur dumm rumstehen, können auf der Nord bleiben!“ Ultras sind im Gegenzug für die Entwicklung der letzten Jahre schon häufiger hart angegangen worden. Kaum ein Vereinsforum, in dem nicht schon mehrfach und sehr engagiert über die Rolle der Ultra-Szenen, die Vorsänger und das Liedgut gestritten wurde. So kritisierte etwa ein Gladbacher nach dem rheinischen Derby gegen den 1. FC Köln die eigenen Ultras: „Die meisten der neueren Liedchen singen wir in einer Tonlage, als wären sie eigens für Loriots Hund Wum aus „Der große Preis“ kreiert worden. Lautstärke? Null!“ Nicht ganz zu Unrecht beklagen sich Ultras allerdings, dass solche Kritik nur anonym in Fanforen gepostet wird, selten sprechen Ultras und eher traditionelle Anhänger so intensiv wie gerade in Mönchengladbach. „Bei uns ist insbesondere die noch immer starke Kuttenszene auf die aufkommende kleine Ultraszene sehr eng miteinander verwoben und besonders an Spieltagen ständig miteinander im Austausch“, sagt Fanbetreuer Thomas Weinmann. In der Regel wird in solchen Diskussionen aber ohnehin konsequent übersehen, dass es letztlich um etwas viel Grundsätzlicheres geht als um den mauen Support am letzten Samstag, nämlich um das Selbstverständnis der Fans. Nun ist es ja so, dass der heutige Profifußball für jeden Fan, ganz egal ob Kuttenträger, Normalo oder Ultra, mitunter nur sehr schwer zu ertragen ist. All die falschen Emotionen auf dem Platz, der Super-Sonntag im DSF, wenn doch nur Wolfsburg gegen Bochum kickt, Reinhold Beckmann, horrende Eintrittspreise, die absurden Gehälter der Spieler und bis zur Unkenntlichkeit zerpflückte Spielpläne - eigentlich ist es fast ein Wunder, dass immer noch so viele Leute zum Fußball gehen. Nur, wie kann ein Fan auf all das reagieren? Viele traditionelle Anhänger haben sich angepasst, sitzen brav auf ihren Schalensitzen schwenken Gratisfähnchen und halten e für den Gipfel der Ekstase, wenn die Welle durchs Stadion schwappt. Andere Fans ertragen den Event im Stadion, die debilen Maskottchen, bizarre Gewinnspiele und das Karachometer mit einer Mischung aus Ohnmacht und der grimmigen Zuversicht, dass der Fußball in seinem Innersten unzerstörbar ist. Was bleibt ihnen auch übrig? Die Alternative heißt, daheim zu bleiben oder auf die Verbandsliga auszuweichen. Die Ultras hingegen haben aus der Kommerzialisierung und Entfremdung zwischen Spielern und Anhängern eine weitaus radikalere Konsequenz gezogen. Wenn der Verein nicht dafür sorgt, so die weit verbreitete Auffassung, dann sind wir fortan die Gralshüter von Tradition, Ruhm und Identität de Klubs. Das war zunächst kein verkehrter Ansatz, waren doch viele Vereine in der Vergangenheit bereit dazu, auch noch das letzte Tafelsilber aus den Vereinsvitrinen zu verhökern, wenn es nur genügend Profit versprach. Nichts schien sakrosant, nicht die Wappen, nicht die Namen, nicht die Vereinsfarben, nicht die Stadien. Und es ist nur dem entschiedenen Kampf der Anhänger zu verdanken, dass es in Deutschland im Gegensatz etwa zur englischen Premier League noch große Stehplatzareale zumindest für die Heimfans gibt, dass es trotz mancher Preiserhöhung immer noch erschwingliche Tickets gibt und dass sich die meisten Klubs nicht trauen würden, verkorkste Designer an den Vereinswappen herumfummeln zu lassen. Viele Ultra-Szenen haben sich zu geschlossenen Systemen entwickelt Mehr und mehr allerdings haben sich viele Ultras in den letzten Jahren davon verabschiedet, in der Fanszene nach gemeinsamen Positionen aller Gruppen zu suchen und sich stattdessen in eine bisweilen schwer nachzuvollziehende Orthodoxie zurückgezogen. Im gebetsmühlenartig vorgetragenen Allgemeinplatz „Gegen den modernen Fusßball“ wird seither all das vermengt, was nur bedingt zusammengehört: die Geldgier vieler Vereine, dieoft willkürlichen Stadionverbote und Schikanen der Polizei, aber eben auch die unverhohlene Abneigung gegen die Zuschauer auf den anderen Tribünen, die mit dem Ultra-Gedanken eher wenig anfangen können und damit aus der Perspektive vieler aktiver Fans nur charakterschwache Erfolgsfans sein können. Die eigentlich ziemlich banale Erkenntnis, dass es seit jeher ganz unterschiedliche Formen des Fußballguckens gibt, wird ausgeblendet. Und so haben sich die Ultra-Szenen in vielen Stadien zu geschlossenen Systemen entwickelt, mit Probezeit und Gewissensprüfung. Oder eben so: „Man beschloss, die Aktivposten der Untergruppe mit in die Hauptgruppe zu integrieren und den Rest der Untergruppe zunächst unorganisiert zu lassen, mit der Perspektive, bei entsprechendem Engagement aufgenommen zu werden.“ kein Strategiepapier einer Geheimloge, sondern verfasst von den Ultras Regensburg, die damit nur besonders bürokratisch das elitäre Bewusstsein vieler Ultra-Gruppen formulierten. Optisch auffälligstes Zeichen dieses Rückzug aus den offenen Strukturen des Fanblocks ist der Autononem-Chic, der derzeit in den Szenen grassiert. Nur ein Beispiel unter vielen: Als Ende Oktober der 1. FC Kaiserslautern bei Rot-Weiß Oberhausen gastierte, sprangen reihenweise ganz in schwarz gekleidete junge Herren aus den Zügen und marschierten geschlossen durch den Bahnhofstunnel zu den Bussen, der schwarze Block am Niederrhein. „Es fällt auf, dass sich allenthalben Aussehen und Auftreten der Ultras immer ähnlicher werden“, schreiben aktive Fans des TSV 1860 München. Und noch mehr: „Neue Ideen scheinen rar gesät; und was als Epigone einer fremdartigen Fankultur ins Leben trat, lebt zwangsläufig von bloßer Nachahmung anderer. Dass regionale Unterschiede mehr und mehr verblassen, ist ein Vorgang, den man bedauern sollte.“ Stellt sich also die Frage nach der Perspektive der Ultra-Kultur in den deutschen Kurven. Natürlich gibt es kein Zurück mehr zum statischen Support der 80er Jahre. Aber wenn die Ultras mehr sein wollen als eine elitäre Gruppe, die sich jeden Samstag vergeblich darum bemüht, die umstehenden Anhänger im Fanblock für den Support zu begeistern, dann werden sie verstehen müssen, dass eine lebendige Fankultur nicht durch straffe Organisation entsteht, sondern durch die Kreativität des Einzelnen. Sie werden begreifen müssen, dass das wahre Leben nicht auf Youtube stattfindet, sondern im Stadion. Und dass ein Fanblock keinen Dirigenten braucht, um gemeinsam zu singen. Er kommt sehr gut allein zurecht. 11 Freunde # 85 Dezember 2008
Detlef von DoncasterMitglied
09.12.2008, 12:33 · #203
Beiträge: 915
im aktuellen magazin 11 freunde ist ein guter artikel über ultras und fussball fans. ein mutiger artikel! gelesen? ja... aber ich weiss nicht so ganz was ich davon halten soll. Finde den Artikel insofern gut dass er zumindest den Einen oder Anderen zum Nachdenken anregen wird... Gewisse Dinge gut auf den Punkt gebracht, Respekt dafür.
Avatar von der grosse user lapender grosse user lapenMitglied
09.12.2008, 13:36 · #204
Beiträge: 2'399
im aktuellen magazin 11 freunde ist ein guter artikel über ultras und fussball fans. ein mutiger artikel! gelesen? ja... aber ich weiss nicht so ganz was ich davon halten soll. Finde den Artikel insofern gut dass er zumindest den Einen oder Anderen zum Nachdenken anregen wird... Gewisse Dinge gut auf den Punkt gebracht, Respekt dafür. hat mich wirklich zum nachdenken angeregt, früher haben viele bei eckbällen gepfiffen, bei drucksituationen fcz fcz fcz.... skandiert und private pyros waren noch nicht verboten, hatte zumindest nie eine negative reaktion. über die pyros kann man sich streiten, aber weshalb man ein lied nicht abbrechen kann um auf den aktuellen spielverlauf einzugehen versteh ich nicht, pfeifen scheint sowieso verpönt zu sein.
CONE OM ZI!RÜ
bitzliMitglied
09.12.2008, 14:44 · #205
Beiträge: 157
Es steht einiges in dem Artikel, was nicht nur abwegig ist. Die Teilnahme an der Medienkultur, welche man gleichzeitig ablehnt beispielsweise. Oder die Institution der 'Verantwortlichen' der Kurve, von denen mittlerweile ja auch Medien und Polizei Mitarbeit einfordern können. Das hätte früher so nicht funktioniert. Trotzdem verstehe ich die Argumentation nicht ganz: Früher wurden die deutschen (und wohl auch die schweizerischen) Kurven von den englischen Terraces beeinflusst. Heute kommt der Einfluss (schon seit längerem) aus der Ultrakultur in Italien. Soweit so gut. Damit nimmt man einen Verlust an Kreativität war. Wer war denn jetzt kreativer? Die Terraces, mit ihren bekannten Problemen (welche man sich natürlich auch zurückwünschen kann)? Oder sind es etwa die Kutten, welche der Artikel trotz seiner englisch/italienischen Argumentation immer mal wieder aus dem Zylinder zaubert? Oder ist - wie die allzu wohlbekannte Aussage 'ihr auf youtube, wir in den Stadien' vorschlägt - die Argumentation einfach 'Wir sind besser gegen den modernen Fussball'?
ConanMitglied
09.12.2008, 15:29 · #206
Beiträge: 731
Bin grösstenteils nicht mit dem Artikel einverstanden. Jedem seine eigene Meinung über die Art der Unterstützung, aber die Kreativität der Ultras derart zu bemängeln zeigt, dass der Verfasser nicht objektiv beurteilen kann. Die Anmassung, wann ein Publikum "gut" ist, sollte er für sich behalten. Sieht nach dem Text einer (ex-?)Kutte aus. Da trauert einer wohl der achso tollen Zeit nach, in welcher man ungestört seine Biere kippen konnte und nicht von lästigem Fahnenschwingen und lärmenden Typen gestört wurde.
GlaronaMitglied
09.12.2008, 18:16 · #207
Beiträge: 13'396
Bin grösstenteils nicht mit dem Artikel einverstanden. Jedem seine eigene Meinung über die Art der Unterstützung, aber die Kreativität der Ultras derart zu bemängeln zeigt, dass der Verfasser nicht objektiv beurteilen kann. Die Anmassung, wann ein Publikum "gut" ist, sollte er für sich behalten. Sieht nach dem Text einer (ex-?)Kutte aus. Da trauert einer wohl der achso tollen Zeit nach, in welcher man ungestört seine Biere kippen konnte und nicht von lästigem Fahnenschwingen und lärmenden Typen gestört wurde. ich glaub nicht das der schreiber alten zeiten nachtrauert. es stört ihn viel mehr das der "12.Mann" der auch auf das geschehen auf dem platz reagiert nicht mehr existiert.
bitzliMitglied
09.12.2008, 21:25 · #208
Beiträge: 157
ich glaub nicht das der schreiber alten zeiten nachtrauert. es stört ihn viel mehr das der "12.Mann" der auch auf das geschehen auf dem platz reagiert nicht mehr existiert. Stimmt schon - aber irgendwie widerspiegelt deine Aussage auch den im Artikel vorhandenen Widerspruch. Der Schreibende vermisst etwas, das nicht mehr existiert - verurteilt aber gleichzeitig den Traditionalismus. Und gibt an der ganzen Sache der Ultra-Kultur die Schuld. Möglicherweise ist die 'straffere' Kurvenkultur auch nicht einfach ein Ergebnis des Ultra-Einflusses, sondern der in der Kurve von Vereinen bewusst kanalisierten 'wilderen' Seite der Fussballkultur, während alles rundum mehr so Familienzone sein kann, wo man es als sein gutes Recht ansieht, mit seinen Kleinkindern das Stadion als Erlebnispark, als Event zu konsumieren. Der vermisste 12. Mann ist nicht die Kurve, sondern das Publikum als ganzes. Und ob die Sitzplatztribünen unter dem Diktat der Capos kuschen sei mal bezweifelt. Ich denke, die Schuld ist zumindest genauso bei den Vereinen zu suchen - und die Kurve zu beschuldigen ist genauso der typische Reflex der Vereine, wenn mal nicht alles nach Plan läuft. Man könnte aber behaupten, die Ultras unterstützen sozusagen die Vereine darin, indem sie Selbstregulierung betreiben.
KamelMitglied
10.12.2008, 11:45 · #209
Beiträge: 537
kein schlechter text. er bringt einige, denke positiv kritisch gemeinte, anregungen und das ist doch immer gut. wobei ich das thema in der schweiz nicht (oder noch nicht) als so beherrschend wahrnehme. denke bei uns fehlt teilweise etwas die spontanität. das hat vielleicht auch mit der "jungen kurve" (2. jahr im neuen letzi) zu tun. auch könnten sich wohl einige wenige über ihr schwarz weiss bild gedanken machen. so wie dieser text sind weder die ultras noch die kutten das einzig ware. (was ja eigentlich klar sein sollte)
WeeklyPicsMitglied
10.12.2008, 20:20 · #211
Beiträge: 297
Lieblingsklub abgestiegen! Fan will in den Tod springen So weit kann Fan-Liebe gehen... Weil sein Lieblingsverein Vasco da Gama aus Rio de Janeiro in die zweite Liga absteigen muss, wollte sich ein Fan in den Tod stürzen. weiterlesen... Bild http://www.bild.de
DieterMitglied
11.12.2008, 12:47 · #212
Beiträge: 9'298
«Macht und Ohnmacht der ZSC Lionsvon Klaus Zaugg»
Sportlich eine europäische Macht - juristisch ein Zwerg: Die ZSC Lions gehören nach dem 6:3 gegen die Espoo Blues zu den Grossen in Europa. Aber den Wechsel von Nationalverteidiger Beat Forster zum HC Davos noch während der laufenden Saison werden sie nicht verhindern können. Weil sie juristisch ohnmächtig sind. Warum darf ein Spieler während der Saison aus einem laufenden Vertrag heraus den Klub wechseln? Weil es unser Arbeitsrecht erlaubt. Der Arbeitsplatz darf jederzeit gewechselt werden. Wer es zur Unzeit tut - wie Forster - kann vom Arbeitgeber (von den ZSC Lions) vor Arbeitsgericht auf Ersatz des angerichteten Schadens verklagt werden. Mehr als sechs Monatslöhne sind da nicht herauszuholen. Deshalb wird in der Regel auf eine Klage verzichtet. Warum wird ein Spieler nicht einfach bis Saisonende gesperrt, der zur Unzeit den Klub verlässt? Weil es unser Arbeitsrecht nicht erlaubt. Niemand darf an der Ausübung seines Berufes gehindert werden. Sperren, die auf ein Berufsverbot hinaus laufen, sind juristisch nicht haltbar. Vertragsbrüche kommen immer wieder vor Immerhin haben sich ja die Klubs der Nationalliga darauf geeinigt, dass bei einem Transfer gegen den Willen des Klubs bei einem laufenden Vertrag eine Strafe von 500 000 Franken bezahlt werden muss. Und dass ab 31. Januar bis Saisonende keine Wechsel mehr erlaubt sind. Selbst diese Einschränkungen würden fallen, wenn ein Spieler oder ein Klub ein ziviles Gericht anrufen würde. Immer wieder kommt es vor, dass Verträge nicht respektiert werden. Mal schiebt der Klub einen Spieler aus einem laufenden Vertrag ab, mal verlässt ein Spieler trotz eines Vertrages den Klub. ZSC Lions haben Erfahrung Die ZSC Lions haben nicht einmal einen Grund zur Klage. Schliesslich holten sie im Sommer 2007 in Bern Thibaut Monnet aus einem laufenden Vertrag heraus (Monnet wollte nicht für den SCB spielen) und im Laufe der Saison übernahmen sie von Kloten auch noch Domenico Pittis. Der Kanadier wollte von einem Tag auf den anderen - ähnlich sie jetzt Forster - nicht mehr bei seinen Klub bleiben. Die beiden produzierten in den Playoffs zusammen 26 Punkte - durchaus möglich, dass die Zürcher ohne diese Transfers nicht Meister geworden wären. Kann Forsters Transfer die Meisterschaft entscheiden? Kann Beat Forsters Transfer die Meisterschaft entscheiden? Ist er denn nicht genau der Typ Verteidiger, der dem HC Davos bisher fehlte um wieder ein absolutes Spitzenteam zu sein? Gewiss, Forster kann eine Verstärkung für den HCD sein. Aber die Meisterschaft entscheidet dieser Transfer nicht. Die ZSC Lions haben ohne Forster das entscheidende CHL-Gruppenspiel in Prag 5:1 gewonnen und das erste CHL-Halbfinale gegen die Espoo Blues 6:3. Der verletzte Forster war weder mit seiner Mannschaft nach Prag gereist noch zum Spiel nach Rapperswil gefahren. Er gehört offensichtlich schon gar nicht mehr zu diesem Team. Die Erleichterung über seinen Abgang wird beim Management und im Team schliesslich grösser sein als die Lücke, die er hinterlässt. Wer sportlich so mächtig ist wie die ZSC Lions, kann die juristische Ohnmacht im Theater um Beat Forster gut verkraften. Der einzige Spieler, den die Zürcher während der Saison nicht ersetzen könnten, wäre Ari Sulander. Aber der denkt nicht im Traum daran, die ZSC Lions zu verlassen. Der Unterschied zwischen einem guten und einem grossen Spieler ist manchmal auch der Charakter wieso gilt das Arbeitsrecht nur für Eishockey? Oder müsste es im Fussball einfach mal einen Präzedenzfall geben?
Züri 9Mitglied
11.12.2008, 17:13 · #214
Beiträge: 3'988
«Der Unterschied zwischen einem guten und einem grossen Spieler ist manchmal auch der Charakter»
Sehr schön gesagt!
AgroAgloMitglied
12.12.2008, 15:02 · #217
Beiträge: 435
Vorallem wenns wirklich Graffs währen, dann fänd ichs geil! aber nur so ein Tag hinschmeissen kann jeder! OK man merkts viellicht an der dosenführung aber das macht für otto normalverbraucher keinen unterschied
yellowMitglied
12.12.2008, 16:56 · #218
Beiträge: 6'695
«Der Unterschied zwischen einem guten und einem grossen Spieler ist manchmal auch der Charakter»
Sehr schön gesagt! ZSC Lions haben Erfahrung Die ZSC Lions haben nicht einmal einen Grund zur Klage. Schliesslich holten sie im Sommer 2007 in Bern Thibaut Monnet aus einem laufenden Vertrag heraus (Monnet wollte nicht für den SCB spielen) und im Laufe der Saison übernahmen sie von Kloten auch noch Domenico Pittis. Der Kanadier wollte von einem Tag auf den anderen - ähnlich sie jetzt Forster - nicht mehr bei seinen Klub bleiben. Die beiden produzierten in den Playoffs zusammen 26 Punkte - durchaus möglich, dass die Zürcher ohne diese Transfers nicht Meister geworden wären. Dann wären also Monnet und Pittis charakterlich auch abzuschreiben. Oder setzt ihr bei Spielern die sich zum ZSC absetzen andere Massstäbe an?
devanteMitglied
12.12.2008, 17:03 · #220
Beiträge: 19'480
«Der Unterschied zwischen einem guten und einem grossen Spieler ist manchmal auch der Charakter»
Sehr schön gesagt! ZSC Lions haben Erfahrung Die ZSC Lions haben nicht einmal einen Grund zur Klage. Schliesslich holten sie im Sommer 2007 in Bern Thibaut Monnet aus einem laufenden Vertrag heraus (Monnet wollte nicht für den SCB spielen) und im Laufe der Saison übernahmen sie von Kloten auch noch Domenico Pittis. Der Kanadier wollte von einem Tag auf den anderen - ähnlich sie jetzt Forster - nicht mehr bei seinen Klub bleiben. Die beiden produzierten in den Playoffs zusammen 26 Punkte - durchaus möglich, dass die Zürcher ohne diese Transfers nicht Meister geworden wären. Dann wären also Monnet und Pittis charakterlich auch abzuschreiben. Oder setzt ihr bei Spielern die sich zum ZSC absetzen andere Massstäbe an? Hör auf Aepfel mit Birnern zu vergleichen, der Grund bei Pittis zumindest war ein völlig anderer, wenn Du dich (und das aus sehr gutem Grund) so heftig mit dem Captain (Lemm) streitest und im training regelmässig mit diesem streitest im Training.... Nicht ohne grund kam damals von Seiten Kloten kein einziger Mucks und er konnte praktisch gratis wechseln.....die waren froh hatten sie das teaminterne problem gelöst.....
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