6. Juni 2008, Neue Zürcher Zeitung
Frauenversteher und Schuhfetischisten
Die neuen Alben von Radio 200 000 sowie Samurai & P. Moos
Über was rappt der Zürcher Thirty-something-Mann neben Fussball, Alkohol, Drogen und Clubbing? Zum Beispiel über den weiblichen Eisprung oder seinen liebsten Turnschuh.
Matthias Daum
«Nimm si, nimm si, wänn si dä Eisprung hät.» Der Rat entstammt nicht der Zeitungskolumne einer Sexualtherapeutin, sondern einer Hook-Line auf dem neuen Album «Aktuelle Hits» der Zürcher Rap-Gruppe Radio 200 000. Der aufmerksame Zuhörer lernt: Selbst Rapper, die gemeinhin damit prahlen, der betörenden Wirkung ihrer Omnipotenz wegen jedwedes weibliche Geschöpf immer und überall gefügig machen zu können, sind in Tat und Wahrheit dem Hormonhaushalt ihres geliebten Gegenübers ausgeliefert. «Dass es so wiit chunnt, bruucht's zerscht emal de richtig Ziitpunkt», gilt auch für coole Verseschmiede – zumindest wenn (Selbst-)Ironie eine ihrer Kardinaltugenden ist, wie dies beim Radio-200 000-Quartett der Fall ist. Auch wenn besagter Ratgeber-Track «Eisprung» eher peinlich als urkomisch ist. Gelungener ist stattdessen das von einem schlurfenden Beat unterlegte Stück «Immerno», auf welchem die vier das eigene Altern im Pflegeheim imaginieren – lustvoll anarchisch soll es dort dereinst sein!
Produzenten-Entdeckung Twinstarr
Die Entdeckung des Albums ist das Schwamendinger Produzenten-Duo Twinstarr Music, das zusammen mit dem lokalen Urgestein Sterneis das Gros der «Aktuellen Hits» beigesteuert hat. Romantische Gitarrenriffs paaren die beiden mit einem Mariachi-Bläser-Stakkato («La di da»), für den Klub-Track «Jetzt gahts ab» bedienen sie sich schneidender, tranceartiger Synthesizer-Kaskaden, und mit «Dune a de Langschtrass» gelingt ihnen eine formidabel düstere Ode an den (vermeintlichen) Sündenpfuhl, die Gast-Rapper Tinguely dä Chnächt mit seiner belegten Stimme kongenial ergänzt – dennoch: Die x-te Emporstilisierung des genannten Strassenzuges ist (wie viele vor ihr) eine arg provinzielle «Wir-leben-das-ach-so-coole-Zürich»-Nabelschau.
Fussball-Analogien
Eine Grundkonstante der Radio-200 000-Lyrics sind die Fussball- beziehungsweise FC-Zürich-Analogien. Da wird bis in die 93. Minute an den Sieg – lies: die Seduktion des Weibs – geglaubt, besingt das Quartett das Soziotop Zürcher Südkurve («D Kurve chläbt») oder gibt es, begleitet vom Loop des Led-Zeppelin-Klassikers «Whole Lotta Love», seiner Abneigung gegenüber der Kommerzialisierung des Fussballs Ausdruck: «Nimm en im Muul!» Am Eröffnungsfest der Zürcher Euro-Fanmeile aufzutreten, liess man sich, o Bigotterie!, trotzdem nicht nehmen . . .
Ein Faible für rockige Stadionheuler hegen auch Samurai & P. Moos, deren Werk «Swiss Made» ebenfalls dieser Tage erschien. Für den Song «I de Strasse» bedienen sie sich bei Bon Jovis «Runaway». Als Co-Produzenten konnte das Duo, das seit Jahren zum Inventar der hiesigen Rap-Szene gehört – P. Moos als Mitglied von Gleis 2, Samurai spielte zusammen mit Rokator den legendären Blödeltrack «Supermega» ein –, den Stuttgarter Tommy W. verpflichten. Dessen musikalische Vergangenheit im eher den melodischen Rap-Spielarten zugeneigten Kollektiv Freundeskreis ist auf «Swiss Made» kaum zu hören: Das Album klingt böse, ernst, hart, pumpend, dumpf, kalt – einen «Clubkracher» nennt dies die Plattenfirma.
Möchtegern-böse-Buben
Für Kalbereien, wie sie Radio 200 000 pflegen, haben Samurai & P. Moos kaum Musikgehör – einzig der Gastauftritt der Sängerin Emel («Lah mi flüge») setzt der Gefühlskälte etwas R'n'B-Wärme entgegen. Der Track kippt aber schnell in die Weinerlichkeit von Möchtegern-bösen-Buben, die sich ihres weichen Kerns besinnen. Richtig emotional werden Samurai & P. Moos einzig, wenn sie mit dem Track «Ich lieb de Schuhe (AF1)» dem Nike-Modell Air Force One huldigen. Von Spezialeditionen, die dem Träger ein gottähnliches Gefühl verleihen sollen, ist die Rede. Und P. Moos, dessen Raps (wie seit eh und je) an Wortwitz und Sprachgefühl darben, bekennt, ganz Fashion-Addict: «Ich ha dihei än ganzä Schrank vollä Sneakers!»
Radio 200 000: Aktuelle Hits (Domestic Brothers Production / Nation); Plattentaufe: Rote Fabrik, Aktionshalle, 6. Juni, 21 h. – Samurai & P. Moos: Swiss Made (Nation).
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/zuercher_kultur/frauenversteher_und_schuhfetischisten_1.751791.html[/url