Reithalle Bern/NZZ von heute

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realtigerMitglied
01.02.2003, 08:42 · #1
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Die Reithalle - der Berner liebstes Ärgernis Subversive Trutzburg und alternatives Kulturzentrum Im autonomen Polit- und Kulturzentrum in der Berner Reitschule laufen die Fäden der Globalisierungsgegner zusammen. Mit den Ausschreitungen der sogenannten Anti- WEF-Demonstranten am letzten Samstag geriet einmal mehr der «rechtsfreie Raum» unter der Eisenbahnbrücke ins Visier bürgerlicher Kritik. Mit den Jahren ist die Reitschule allerdings auch zu einem breit akzeptierten Ort der Alternativkultur geworden. Das kalte Schneegestöber passt bestens zum rauen Wind, welcher der Berner Reithalle wieder einmal entgegenbläst. Nach den Krawallen vor einer Woche fand sogar die Zeitung «Der Bund», der man wirklich nicht mangelnde Sympathien für die Alternativszene vorwerfen kann, dass nun ein Offenbarungseid fällig sei. Die Reitschule müsse sich rasch von den Chaoten abgrenzen und dürfe sich nicht länger um die Gretchenfrage herumdrücken: Wie hältst du es mit der Gewalt? Um einiges kruder tönt es in den Leserbriefspalten. Dass die Wogen um die Reitschule hoch gehen, ist nichts Neues. An keiner anderen kulturellen oder politischen Institution in Bern schieden sich in den letzten fünfzehn Jahren die Geister wie an der Reithalle beziehungsweise Reitschule. Überraschend ist höchstens der Zeitpunkt. In der jüngsten Vergangenheit war nämlich der «Schandfleck» fast ein bisschen zum heimlichen Stolz der Stadt geworden. 1998 wurde das zehnjährige Bestehen des autonomen Jugend- und Kulturzentrums mit einem prächtig illustrierten Buch gewürdigt, das unter anderem Stadt und Kanton Bern, die römisch-katholische Kirchgemeinde und die Kulturstiftung Pro Helvetia sponserten. 1999 wurden die Theater-, Kino- und Konzertveranstalter der Reitschule sogar mit dem Kulturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet. Sie nahmen die je 7000 Franken «für die Reitschule als ganze» entgegen. Im gleichen Jahr sagten die Stimmbürger, wenn auch äusserst knapp, Ja zu einem Kredit von 7,7 Mio. Fr. für die Sanierung des abgetakelten Gebäudes. Keine Chance hatten bei den Bernern rechtsbürgerliche Forderungen nach einem Abbruch der Liegenschaft und der Errichtung eines Sport- oder Einkaufszentrums. Alternativ bis in den Kochtopf Wer mit dem Zug in Bern einfährt, kann den mit Graffiti übersäten Backsteinbau nicht übersehen. Ein früherer Stadtpräsident vertrat die Meinung, «dass die Reithalle als Visitenkarte für Bern wirklich nichts Schönes ist». Wahrscheinlich hat er auf Berndeutsch «nüt Gfreuts» gesagt, was viel schlimmer ist. An diesem Vormittag wirkt das leicht mit Schnee verzuckerte Gebäude eher wie ein verwunschenes Schloss als wie eine Trutzburg der Chaoten. Es ist auch eine ungewöhnliche Zeit für einen Besuch der Reithalle, wo normalerweise der Tag am Abend beginnt. Ausser den an einer Hand abzählbaren Journalisten und den etwas zahlreicheren Vertretern des Oltner Bündnisses ist nur noch ein Getränkelieferant auf dem Areal. Er lädt Mais- und Dinkelbier ab, und auch Bio- Hefeweizenbier ist wieder zu haben, wie die schwarze Tafel im Restaurant «SousLePont» - direkt unter der Eisenbahnbrücke - verheisst. Bedauerlicherweise hat man am Vortag nicht hier gegessen, wo es ganz nach Alternativbeiz mit gepflegter Küche aussieht. Unter anderem gab es nämlich Crêpes mit Linsenfüllung, Lammkoteletts in einer Kruste, pikantes Kürbisragout . . . In der Cafeteria nebenan wird an einer Pressekonferenz die Schuld für Berns schwerste Krawalle seit Jahren einseitig der Polizei zugeschoben. Dabei waren die Demonstranten nach Bern gekommen, weil hier «die Polizei mehr auf Deeskalation macht als in Zürich» und man mit den Polizisten reden könne, wie David Böhner von der Anti- WTO-Koordination sagt. Kat Aellen, eine Aktivistin der Reitschule, hätte am liebsten die Polizei gerufen, um die rund 600 Anwesenden in den verschiedenen Räumlichkeiten zu schützen. Aber eben: Die Polizei nebelte das Areal mit Tränengas ein, damit die Chaoten nicht wieder ausrücken konnten. Somit waren nicht einmal die nigelnagelneuen Notausgänge zu gebrauchen. Sündenböcke hüben und drüben Verantwortung für das Zerstörungswerk der Chaoten weisen die Reithalle-Aktivisten von sich: «Wären wir etwa auch schuld, wenn der Zug mit den Demonstranten nach Basel umgeleitet worden wäre und es dort Radau gegeben hätte?» Einer vergleicht die Situation mit den Hooligans in den Fussballstadien. Trotz deren Gewaltbereitschaft werde auch nicht der Sport zum Sündenbock gemacht. Ihren Sündenbock haben die «Reitschüler» allerdings klar identifiziert. Es ist der freisinnige Berner Polizeidirektor und Nationalrat Kurt Wasserfallen. Die Antipathie ist durchaus gegenseitig. Schon sein freisinniger Vorgänger Marco Albisetti diente als identitätsstiftendes Feindbild und wurde mit einer provokativ vor dem Tor der Reithalle aufgehängten überlebensgrossen «Albiseppli»-Marionette verhöhnt. Zu Unrecht, wie Christoph Reichenau, Vizedirektor des Bundesamts für Kultur, meint. Im Rahmen seiner früheren Tätigkeit in der Berner Stadtverwaltung hatte er als Vermittler zwischen den Behörden und der Reithalle gewirkt. Ohne eine gewisse Bereitschaft des damaligen Polizeidirektors, ein Auge zuzudrücken, wäre der jetzige Betrieb niemals möglich geworden. Beispielsweise begründete Albisetti den Verzicht auf ein Beizenpatent mit der Theorie, die Reitschule sei eine grosse Familie. Solange Konzerte «innere Angelegenheiten» der Reitschule mit freiwilligen Kollekten waren, fragte auch niemand nach der Billettsteuer. Das Gebäude selber wurde von den damaligen Besetzern ebenfalls widerrechtlich instand gehalten. Damit, so Reichenau, hätten sie die spätere Sanierung ermöglicht, während die Stadtbehörden die Liegenschaft bewusst verlottern liessen. Sogar das Versicherungsgeld, das die Stadt nach dem Brand eines Nebengebäudes kassierte, wurde anderweitig eingesetzt. Reichenau ist wie ein paar hundert linke und liberale Gesinnungsfreunde Mitglied des «Fördervereins Reitschule». Damit gehört er zu den Zwangsabonnenten der Reithalle-Postille «Megaphon», die ihm manchmal gehörig auf den Wecker geht. Wie es in einem Beitrag im Jubiläumsbuch heisst, «trägt der Anspruch auf absolute Gleichheit immer auch etwas Totalitäres in sich». Reichenau nutzt aber wie unzählige andere Berner das Kulturangebot in der Reithalle - inzwischen mit Billettsteuer - und empfindet dabei ein Gefühl sowohl des Dazugehörens wie des Nicht-Dazugehörens. Organisierte Verantwortungslosigkeit Richtig zur Szene gehört Ursula Häni, gelernte hauswirtschaftliche Betriebsleiterin. Sie ist im Infoladen aktiv und bildet mit rund 150 anderen in verschiedenen Arbeitsgruppen Engagierten die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur), Betreiberin der Reithalle. Jeder, der hier tätig ist, gehört somit auch irgendwie zum «Management». Es gibt weder eine Hierarchie noch eine Sprecherin. Alles, was zu entscheiden ist, wird in langwierigen Sitzungen ausgeknobelt. Auf der Reithalle-Homepage wird diese «Betriebsstruktur» als organisiertes Chaos bezeichnet. Doch auch auf der «Gratwanderung zwischen System und Utopie» - ein Zitat aus dem Jubiläumsbuch - geht es nicht ohne Geld. Zwar wird die Grundidee der Fronarbeit noch immer verfolgt, doch gibt es inzwischen auch bescheidene Entschädigungen aus einem Pool, der vor allem vom Gewinn aus dem Restaurant, aus Veranstaltungen und Kino gespeist wird. Diese Abkehr vom puristischen Frondienst war von einer «Arbeitsgruppe gegen generalisierte Gratisarbeit - hier und anderswo (AGGGGA-HUA)» eingeleitet worden. Inzwischen wird auch über die Geldverteilung so intensiv diskutiert und gestritten wie über alles andere. Das autonome Zentrum bekommt keine staatlichen Subventionen. Einzig Strom, Gas und Wasser werden von der Stadt bezahlt, rund 60 000 Franken pro Jahr. Drogen als Dauerproblem Die Jugendbewegung hatte das über hundertjährige, ursprünglich als Reithalle genutzte und inzwischen denkmalgeschützte Gebäude Ende der achtziger Jahre besetzt. Es war sozusagen der Schlusspunkt unter die von Demonstrationen, Provokationen und Ausschreitungen begleitete Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum. Autonom ist das Zentrum heute noch, und der damit «rechtsfreie Raum» ist vielen Normalbürgern, die sich an die Gesetze halten, ein Dorn im Auge. Für Ursula Häni ist es hingegen «ein einzigartiger Ort, wo unglaublich viel möglich ist». Im Jubiläumsbuch ist von subkulturellem Durchlauferhitzer, von Experimentierwiese und von Robinsonspielplatz die Rede. Die Reithalle ist gleichzeitig Basis der Globalisierungsgegner, Hort von Frauengruppen, antifaschistisches Zentrum und vieles mehr. Der offene Raum ist aber auch die Achillesferse der Reitschule, denn er «zieht viele Probleme an, die an den Nerven zehren», wie Ursula Häni einräumt. Eines ist das Drogenproblem. Bereits Mitte Nachmittag ist es mit der Idylle um die Reithalle vorbei. Rund 30 schwarzafrikanische Dealer sind auf Geschäfte aus, und man wünscht ihnen von Herzen einen Tränengaseinsatz der Polizei. Ein Transparent am Eingang protestiert zwar gegen die repressive Drogenpolitik, verbietet aber den Konsum harter Drogen im Innern. Kiffen ist hingegen ab 19 Uhr gestattet. Die Drogen werden sogar im Jubiläumsbuch als immense Belastung für den Freiraum Reitschule bezeichnet. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, mieteten die Betreiber der Reitschule vor ein paar Jahren kommerzielle Werbeflächen in der Stadt. Zwei Wochen lang hingen in Bern die Plakate «Eure Drogenpolitik macht uns zu schaffen». Notwendiges Ärgernis Die Reithalle als offenes Haus ist logischerweise nicht nur attraktiv für Gescheite, Kreative und Ideologen, sondern auch für zweifelhafte Gesellen, nachtaktive Hänger und Penner. In den neunziger Jahren hatte sich eine eigenständige Gruppe unter der sinnigen Bezeichnung «Totale Alkoholiker» (TA) auf dem Vorplatz etabliert und mit ihrer Auffassung von Autonomie die linken Autonomen arg in Bedrängnis gebracht. Es wurde sogar die Schaffung einer reithalleinternen «Polizei» diskutiert! Schliesslich wurde die Alkoholiker-und-Punk-Szene durch die staatlichen Ordnungshüter aufgelöst, was die Ikur pflichtgetreu, wenn auch halbherzig kritisierte. Auch dieses Problem wurde allerdings mit der Räumung nicht gelöst, wie im Bahnhof Bern unschwer festzustellen ist. Angesichts dieser Erfahrung müssten sogar die Gegner der Reitschule froh sein über die Dauerhaftigkeit des städtischen Ärgernisses. Vielleicht sollten sie auch einmal über den eigenen Schatten springen und die Reitschule selber nutzen. In der Cafeteria, wo völlig «unalternativ» jeweils am Montag kein Alkohol ausgeschenkt wird, aber auch zum Wochenanfang ab 19 Uhr gekifft werden darf, sind relevante Publikationen von der «WoZ» bis zur NZZ greifbar. Und mit seiner Aussage, dass ihn das Kulturangebot nicht anspreche, weil er dafür wohl zu alt sei, könnte sich der Berner Polizeidirektor täuschen. Das Feuilleton der NZZ war jedenfalls angetan, als sich das Schauspielensemble des Stadttheaters für die Schweizer Erstaufführung eines Stücks von Elfriede Jelinek in die subversive Trutzburg wagte: «Eine Reithalle als subkulturelle Heimstätte, die Wände ein Tummelfeld für Graffiti Art, Züge, die über die nahe Eisenbahnbrücke donnern - kaum ein stimmigerer Ort lässt sich in Bern denken . . .» Monika Rosenberg
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