21.01.2003, 01:27 · #1
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alte stadien vs. arenen
Geschrieben von fat am 19. Januar 2003 16:23:57:
aus der süddeutschen zeitung:
Wir standen auf zugigen Plätzen
Nächste Woche startet die Bundesliga in die Rückrunde:
Langsam wird klar, dass wir mit den unpraktischen, aber
immerhin tolldreisten Stadien der Siebzigerjahre auch einen
Traum beerdigen müssen. In diesem Traum waren Fußballer
so bunt und mächtig und mutig wie sonst nur die Männer von
Pink Floyd
von Ralf Wiegand
Der Sprengmeister aus Wuppertal biss in ein Schinkenbrötchen,
dann kontrollierte er ein letztes Mal die Technik. 600 Löcher
hatte er in die Pfeiler der West- und Osttribüne bohren und sie
mit Eurodun füllen lassen, einem Sprengstoff. Um 15.02 Uhr am
12. September 2002, einem schönen Donnerstag Nachmittag,
legte Helmut Roller den Schalter um – und das Düsseldorfer
Rheinstadion in Schutt und Asche. Dann lächelte er und sagte:
„Nun ist Platz für Neues da.“
In Köln rückte der Bagger am 20. Dezember 2001 an, darauf saß
Oberbürgermeister Fritz Schramma. Mit der Schaufel des Baggers
hieb er ein großes Loch in die Südkurve des Müngersdorfer
Stadions. Wieder ein Donnerstag, wieder schien die Sonne.
Schramma sagte: „Der 1. FC Köln und seine Fans werden von
dem neuen Stadion profitieren.“
Das Gelsenkirchener Parkstadion schloss der Hausmeister nach
dem letzten Spiel der Saison am 19. Mai 2001 einfach ab, für
immer. Schalke hatte 5:3 gegen Unterhaching gewonnen und
war nicht Deutscher Meister geworden.
Die Stadien sterben, aber keines davon eines natürlichen Todes.
Sie werden gesprengt, abgerissen, um 90 Grad gedreht,
umbenannt, runderneuert. Wenn diejenigen, die dahinter
stecken, fertig sind, wird es keine Fußballstadien mehr geben,
nur noch Fußball-Arenen.
Ein Stadion war weit und offen, und um es mit Leben zu erfüllen,
brauchte es Leidenschaft und Liebe. Wer dem Regen trotzte und
dem Wind, wer die schlechte Akustik besiegte, wer zu sechst in
einem schlecht belüfteten alten Auto den Stau ertrug und danach
die langen Schlangen an den viel zu wenigen Kassenhäuschen,
wer sich auf nichts mehr freute, als darauf, den Samstag
Nachmittag wieder in einem grauen Zweckbau ohne Dach zu
verbringen – stehend, frierend, verlierend –, der musste lieben
können.
Der FC-Köln-Fan „f.kober“ schrieb im Internet: „Die Schüssel war
geil, und wenn der FC zurücklag und in den Achtzigern (...)noch
66 000 riefen: ,FC kämpfen, FC kämpfen‘, und das hallte dann so
im Kreis umher, das war fantastisch.“
Playstation via „Fan-TV“
Es sind die Rituale, die abgeschafft werden, weil, so hat es ein
Soziologe einmal genannt, die Gesellschaft eine
„Entprollisierung“ möchte. Fußball-Fan-Rituale sind anarchisch,
sie haben mit Alkohol zu tun und mit Pöbeleien, aber auch mit
einem Gruppenerlebnis, das es in einer Arena nicht mehr geben
kann. Man fuhr mit der Straßenbahn zwei Haltestellen bis zum
nächsten Supermarkt, kaufte sich ein Six-Pack als Wegzehrung
und trank sich in eine Laune, in der man später im Stadion die
Sitzplatzkundschaft als Sesselfurzer beschimpfte.
Die Texte entstanden in den Kneipen Düsseldorf-Flingerns oder
im „Taubenschlag“ in Bremen, in Tränken, die ihr Bier samstags
lieber in Plastikbechern als im Glas ausschenkten. Heute sind
Stadien, die noch nicht ganz Arenen sind, so hochgerüstet, dass
sie aus Zig-Tausend-Watt-Boxen den Lärm vorgeben, der zu
herrschen hat. Wenn man Glück hat, spielen sie eine Hymne, die
man mitsingen kann. Wenn man Pech hat, spielt jemand vom
„Fan-TV“ mit einem Zuschauer Playstation über die Videowand.
Arenen gibt es aus demselben Grund, aus dem es Multiplex-Kinos
gibt und Straßenbahnen, die nicht mehr klingeln und rumpeln,
sondern linkisch durch die Stadt schleichen. Arenen gibt es, weil
aus Freibädern Aqua-Parks werden und aus Weihnachtsmärkten
Winter-Festivals. Arenen gibt es, weil Sport- Bild eine höhere
Auflage hat als der kicker und weil derjenige Kanzler wird, der
nicht „äh“ sagt. Arenen kann jedermann zu jederzeit bestaunen
und sich dort zurechtfinden. Man kann hingehen, ohne sich
Gedanken darüber machen zu müssen, ob man Regenschirm
oder Sonnenbrille braucht. Arenen kennen kein Wetter. In
Arenen ist die Sicht von jedem Platz aus gut. Arenen sind
bequem. Vom Schalke-Fanklub „Bluewhite-Angels“ ist inzwischen
der wunderbare Satz zu lesen: „Heute wissen wir, dass wir die
frische Luft und manchmal auch den einen oder anderen
Regentropfen vermissen.“
Die Verpackung ist wichtiger als ... als, als was nochmal? Früher
war der beste Verein der, der die tollsten Spieler hatte und
dessen Mannschaft den schönsten Fußball spielte. Ein Günter
Netzer, dessen Haare länger waren und der Hals dafür kürzer,
der brauchte keine Arena als Kulisse für seine Pässe, so leicht
wie bunte Seifenblasen, so scharf wie Messer. Es genügten ein
paar Schritte mit seinen großen Füßen, Schuhgröße 47, und die
weiteste Siebzigerjahreschüssel brannte vor Spannung. Und
wenn die Vorlage kam in den Lauf von Jupp Heynckes, der Ball im
Tor lag, dann verrichteten die Wellenbrecher aus rostigem Eisen
ihren Dienst und zähmten den Jubel.
Wenn nächste Woche die Bundesliga beginnt, wird ran wieder
seinen Trailer senden. Die Computer-Animateure haben als
Vorspann zur Sendung ein Stadion simuliert, eine Arena, in der
es keinen einzigen Menschen gibt mit Schal oder einen Fan oder
eine Tröte. Die virtuelle Kamera surft durch eine Arena, auf deren
Ränge Buchstaben sitzen, welche die Vereinsnamen der
Bundesliga-Klubs bilden. Die Buchstaben schauen auf einen
leeren Rasen, sie sind Zuschauer bei etwas, das nicht passiert.
Wie wichtig die Inszenierung ist, die Architekten schaffen, hat
Wolfgang Wolf bitter erfahren müssen. Der Wolfsburger Trainer
wird, wenn die Bundesliga wieder beginnt, vielleicht noch 17
Spiele machen als Trainer des VfL. Wolfgang Wolf, Wolfsburg –
das kann auch noch schneller zu Ende gehen, zwei, drei
Niederlagen und tschüss. Der Verein hat beschlossen, sich
spätestens am Ende der Saison von seinem Trainer zu trennen,
weil der „den Ansprüchen“ nicht mehr genügt. Die Ansprüche des
Vereins sind nicht auf dem Rasen herausgespielt worden von
Klimovic, Maric, Ponte oder Effenberg. Bauarbeiter haben sie aus
dem Boden gestampft. Auch diese Ansprüche haben ein Dach,
Videowände, 30 000 Plätze und heißen Volkswagen-Arena.
Die Wolfsburger finden, Wolfgang Wolf war gut genug für das
alte VfL- Stadion, 600 Meter nebenan. Verglichen mit der Arena
wirkt es nun wie ein Sportplatz, aber tatsächlich ist es nur noch
eine Ruine, ein gestrandeter Wal, der nicht wiederzubeleben ist.
Else Pieschke, 68, konnte mit ihren Freundinnen vom Dachboden
ihres Hauses in der Kiebitzstraße21 hineinschauen. Jetzt sagt
Wolfburgs Manager Peter Pander erleichtert, man könne das
Thema Wolfsburg und Provinz zu den Akten legen.
Frau Pieschke ist traurig, denn das Erleben hat sich verändert,
nicht nur für sie. Die Aufmerksamkeit gehört nicht mehr dem Spiel
allein, sie wird nicht einmal mehr verlangt.
Wer Uli Borowkas Tor zum 1:0 von Werder Bremen gegen die
Bayern am 28. September 1990 nicht gesehen hat, weil er seine
Bratwurst kurz nach der Pause kaufen wollte, um der hungrigen
Schlange vor dem Imbissstand auszuweichen, den erreichte von
dem für Raimond Aumann unhaltbaren Schuss aus 35 Metern nur
noch die Druckwelle, draußen auf dem Wandelgang des
Weserstadions.
Ein Orkan, der durch das Tor aus dem Innenraum nach draußen
fegte, und wenn man dann, ohne Wurst, hinein eilte, dann war
man halt zu spät. Das Tor war in der 52. Minute gefallen, nicht
nach 52 Minuten und 20 Sekunden. Es war weg, keine
Videowand zeigte es noch einmal aus drei Perspektiven. Man
musste dabei gewesen sein.
Die Zukunft? Die nahe Zukunft wird die Münchner Allianz-Arena
sein. An der A9 wachsen zwei Dutzend Kräne in den Himmel und
bauen an etwas, das man einmal mit dem FC Bayern verbinden
soll wie einst die Popstars Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Paul
Breitner. Die bespielten ein Stadion, das in seiner
psychedelischen Weite sonst nur von Pink Floyd wirklich
beherrscht wurde.
Freistoß ins Freibad
Unter dem Spielfeld der Allianz-Arena wird hingegen das größte
Parkhaus Europas ausgehoben. Diese Arenen aber sind am Ende
nur, was ihre Vorgänger auch waren: ein Symbol ihrer Zeit.
Schon in den Siebzigerjahren waren die Baumeister so
vermessen, zu glauben, den Publikumsgeschmack für alle Zeiten
bestimmen zu können. Sie bauten also überall so, wie die
Siebziger sein sollten: groß, weit, offen, ein bisschen gaga. Stand
man in einem menschenleeren Stadion, in dem 70000 Leute Platz
finden, dann schüttelte es einen ob der eigenen Winzigkeit.
Manche Architekten ließen sich für ihren Bau ein
Mitbestimmungsrecht für die Ewigkeit einräumen.
Bei den Arenen war man gründlicher, denn sie müssen jedem
gerecht werden. Vermarkter erstellten Zielgruppen- und
Reichweitenanalysen. Man kann in der Arena auf Schalke
Biathlon sehen, Robbie Williams, Aida, manchmal Fußball. Der
Rasen muss zum Lüften nach draußen gerollt werden. Arenen
sind so massentauglich, dass Sponsoren ihr Geld lieber in das
Namensrecht für ein Gebäude investieren als in eine Mannschaft.
Der Hamburger SV zu seinen besten Zeiten hatte auf der Bank
Ernst Happel und auf dem Platz Felix Magath, eine wahrhaftige
Nummer 10. Der HSV von heute hat die AOL-Arena.
Als nächstes wird das virtuelle Stadion kommen, Japaner haben
schon damit experimentiert. Zum virtuellen Stadion wird niemand
mehr hingehen müssen, man klinkt sich von zu Hause ein, die
Atmosphäre kommt durchs Datenkabel.
Liebe, Leidenschaft, Regen, Wind?
In Düsseldorf wohnten Tausende der Sprengung ihres
Lieblingsblocks 36 bei. Galt das Rheinstadion mit seinen
mächtigen Pfeilern nicht als zweite Pop- Perle neben dem
Münchener Olympiastadion? War es nicht wunderbar, wenn
„Zimbo“ Zimmermann seine Freistöße 20 Meter über die
Anzeigentafel direkt ins angrenzende Freibad schoss und die
schönen Mädchen von der Modemesse dort quiekend das Weite
suchten?
Der FC-Köln-Fan „f.kober“ schrieb nach dem Ende des
Müngersdorfer Stadions im Internet: „Mein Block 38 ist nun
abgerissen, und ich habe noch keine Ahnung, wo ich beim ersten
Heimspiel gegen den KSC sitzen werde. Mein Sohn und unsere
ganze Clique auch nicht, wir haben unser Zuhause verloren. “