14.01.2003, 07:49 · #1
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Lee Bowyer weiterhin der Prügelknabe
Seit letztem Samstag befindet sich Lee Bowyer zumindest in einer Hinsicht auf gleicher Ebene wie David Beckham: Dem 26-jährigen Mittelfeldspieler wurde von Fans von West Ham United ein unfreundlicher Empfang bereitet. Für Beckham war es vor viereinhalb Jahren eine sein Trikot tragende Puppe gewesen, die an einem Galgen aufgehängt war - die Reaktion auf seinen Platzverweis, der mitentscheidend zum Ausscheiden Englands gegen Argentinien im WM-Viertelfinal in Frankreich beitrug. Im Fall Bowyers waren es nun Plakate mit der Aufschrift «West-Ham-Fans vereint gegen Rassismus», was andere Anhänger der Londoner gar nicht lustig fanden, weswegen es zu vereinzelten Schlägereien kam. Der grosse Unterschied zwischen diesen beiden Kleinkundgebungen: Beckham war und ist Spieler von West Hams Rivale Manchester United, Bowyer dagegen seit letzter Woche Fussballer der «Hammers».
Einer der Gründe für die Proteste liegt mittlerweile fast drei Jahre zurück. Damals war Sarfraz Najeib in der Nähe eines Nachtklubs in Leeds von einer Gruppe junger Männer verprügelt worden, wobei dem Studenten indischer Abstammung drei Rippen, ein Bein und das Nasenbein gebrochen wurden. Wegen schwerer Körperverletzung mussten sich deswegen unter anderem die Leeds-Spieler Lee Bowyer und Jonathan Woodgate, beide damals kurz vor dem Sprung in die englische Nationalmannschaft, vor Gericht verantworten. Woodgate wurde schliesslich wegen Anstiftung zur Körperverletzung verurteilt, Bowyer dagegen vom Richter freigesprochen, doch nicht von den Medien und einem Teil der Öffentlichkeit. Für sie ist Bowyer immer noch der böse Bube, der rassistische Fussballer, der Prügelknabe, auf den weiter eingehackt wird.
Dafür ist der Mittelfeldspieler zum Teil selber verantwortlich. Noch vor seinem Wechsel zu Leeds United (im Sommer 1996) war er in einen unrühmlichen Vorfall verwickelt gewesen. In einem Lokal einer amerikanischen Fast-Food- Kette hatte er einen Angestellten pakistanischer Herkunft rassistisch beschimpft. Und auf dem Spielfeld zeigte er in der Vergangenheit immer wieder eine gefährliche Aggressivität. Letzte Woche sperrte ihn die Uefa für sechs Spiele, weil er bei Leeds Uniteds Ausscheiden aus dem Uefa- Cup gegen Malaga im Dezember seinen am Boden liegenden Gegenspieler Gerardo gegen den Kopf getreten hatte.
Unter diesem Blickpunkt lud sich West Ham United noch mehr Probleme auf, als der Verein ohnehin schon hat. Die «Hammers» stecken tief im Abstiegskampf - aber darum hatte der Trainer Glenn Roeder auch den Mittelfeldspieler verpflichtet, um seine von Verletzungen geplagte Equipe zu verstärken. Die Proteste vor dem Spiel am Samstag haben aber auch noch andere Gründe. West Ham gilt als einer der Klubs der Premier League, die am schärfsten gegen Rassismus im Fussball vorgehen; er war auch einer der ersten englischen Vereine, die farbigen Spielern eine Chance gaben. Zudem befindet er sich im Osten Londons inmitten eines Viertels, in dem Asiaten einen wesentlichen Anteil der Bevölkerung stellen.
Zu all dem Aufheben, das um seine Person bisher gemacht wurde, hat Lee Bowyer bisher geschwiegen. Das ist verständlich. Wenn er irgendwelche Reue wegen Sarfraz Najeib zeigen würde, käme das einem Schuldeingeständnis gleich - dabei war er freigesprochen worden. Zudem hat die Familie des indischen Studenten eine Zivilklage gegen ihn eingereicht. Weil der Fall also noch nicht beendet ist, rieten ihm seine Anwälte zum Schweigen. Im Gegensatz zu vielen machte Newcastle Uniteds Trainer Bobby Robson eine Ausnahme: Er verteidigte Lee Bowyer. «War der Junge schuldig? Nein, also gebt ihm eine Chance», sagte der ehemalige englische Nationaltrainer über den Spieler, den er gerne selber verpflichtet hätte, wenn West Ham United nicht schneller gewesen wäre. Glenn Roeder selber hatte eine Idee, wie sein neuer Spieler seinen Ruf wieder verbessern kann. West Hams Trainer will Bowyer anraten, an den zahlreichen Anti-Rassismus-Kampagnen des Klubs teilzunehmen.
Ein Teil der Fans akzeptierte am Samstag den Mittelfeldspieler, der im Londoner Stadtteil Poplar unweit von West Ham auf die Welt kam, durchaus. Nach dem Match gegen Newcastle musste Bowyer zahlreiche Autogrammwünsche erfüllen. Rein sportlich verlief sein Début für die «Hammers» wenig aufregend. Bowyer fiel beim 2:2-Remis der Londoner, die bis zehn Minuten vor Schluss 2:1 führten, aber nun weiter auf den ersten Heimsieg warten müssen, kaum auf. Dank dem Punktgewinn schafften es die Londoner aber zumindest, den letzten Tabellenplatz zu verlassen.
Martin Pütter