Das könnte ich sein:
(aus heutigem Tagi)
*Russo wurde immer bleicher, und Schubiger hatte ein etwas schlechtes Gewissen, weil ihm der Ausflug trotzdem immer besser gefiel.
Schubiger kannte Russo noch nicht lange. Er hatte ihn erstmals getroffen, als er mit seiner Familie ein paar Monate lang im Exil lebte, weil ihre Wohnung renoviert wurde. Russo war der Elektriker, der beim Umbau die Leitungen einzog. Einmal sagte Schubiger zu Frau Schubiger: «Russo ist kein richtiger Italiener und auch kein richtiger Handwerker. Er ist korrekter als jeder Schweizer, und wenn er etwas sagt, dann macht er es auch.» Ein paar Tage später merkte Schubiger, er lag halb falsch. Russo war ein richtiger Italiener: Russo konnte über Berlusconi und Milan fluchen, das gefiel Schubiger. Er hatte eine Saisonkarte in der Südkurve, das gefiel Schubiger auch. Und er erklärte, was ihm noch tiefer ins Herz geht als der FCZ: die SSC Napoli.
An den Wochenenden begann Schubiger deshalb plötzlich, die Resultate der Serie A zu studieren. Und nun sass er an diesem Sonntag mit dem kleinen und dem kleinsten Schubiger im Lokal eines italienischen Vereins, während Frau Schubiger gerade ihren Liegestuhl nach der Sonne ausrichtete irgendwo in den Bergen. Mit am Tisch sassen Mutter Russo, Russo im NapoliTrikot, die ebenso fussballbegeisterte Frau Russo, die kleine und die kleinste Russo. Sie hatten eingeladen, weil im Fernsehen zur Mittagszeit Napoli lief, auf dem Tisch standen ein grosser Topf Lasagne und eine Flasche Rotwein, und weil Lazio gerade das 2:0 erzielt hatte, ging es eben nicht allen prächtig.
Schubiger sagte: «Es gab schon Mannschaften, die haben im Champions-League-Final ein 0:3 aufgeholt.» Ungefähr drei Minuten später hatte Napoli das 2:2 erzielt. Und ungefähr 30 Minuten später hatte Napoli aus dem 2:3 auch noch ein 4:3 gemacht. Nach dem letzten Tor sprang Russo auf und schrie: «Jetzt holen wir den Titel.» Schubiger freute sich mit. Er war in der Euphorie. Und er dachte an die alten Zeiten, als noch Maradona im San Paolo dribbelte und er als Jugendlicher vor dem Fernseher mitträumte und sich vorstellte, wie es wäre, dort einmal dabei zu sein. Und deshalb musste er am Abend, als Frau Schubiger wieder nach Hause kam, etwas beichten: Er sagte: «Ich habe mich von Russo überreden lassen. Ich reise mit ihm nach Napoli. Bald.»
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