Absurdistan.
«Katar läutet mit farbenfrohen Märschen die WM ein: Aber sind das echte Fussballfans?»
An den ersten Fanmärschen in Katar sollen offenbar vor allem indische Gastarbeiter als brasilianische oder deutsche Fans verkleidet gewesen sein. Kauft sich Katar nun auch die Emotionen ein?
Michele Coviello / NZZ
15.11.2022, 05.30 Uhr
Indische Gastarbeiter in Katar, verrückt nach dem deutschen Team? Wieso nicht, aber ist es wirklich wahr`?
Sie trugen Perücken in Schwarz-Rot-Gold, malten sich die England-Flagge auf die Wange oder trugen Shirts mit dem Konterfei Cristiano Ronaldos auf der Brust: Seit dem Wochenende gehen Bilder aus Katar um die Welt. Sie zeigen Tausende euphorische Fans, die sich auf der Strandpromenade von Doha für einen Fanmarsch versammelt hatten.
Sie sollten Vorfreude wecken. Aber sie verstärken vor allem den Zorn der Gegner dieser WM. Denn das Vertrauen zwischen dem Publikum und der Fifa ist beschädigt. Und ganz so glaubwürdig wirkten die Fans auch wieder nicht.
Am kommenden Sonntag geht es los: Um 17 Uhr eröffnet Katar mit der Partie gegen Ecuador die Fussball-Weltmeisterschaft im eigenen Land und damit eines der umstrittensten Turniere in der Geschichte des Sports. Eine Fussball-WM zum Jahresende, das hat es noch nie gegeben. Sie wird in einem Staat ohne nennenswerte Fussballkultur gespielt, nach einer fragwürdigen Vergabe, nach grosser Kritik an der Menschenrechtslage von Gastarbeitern, fehlendem Verständnis für die LGBT-Community und in Stadienbauten, die Klimasünden gleichkommen.
«Die Welt zu Gast bei Freunden», so hiess der Slogan des deutschen Sommermärchens 2006. Heute scheint die WM so etwas wie das Feindbild der modernen Welt zu sein.
Von den Faschisten bis Putin
Die Fifa hat bei den Austragungsorten immer wieder ein oder beide Augen zugedrückt. Die WM fand schon im faschistischen Italien und während der Militärdiktatur in Argentinien statt. Sie war der Grund, dass weisse Elefanten vor den Slums Südafrikas und den Favelas Brasiliens errichtet wurden. Und während der letzten Ausgabe von 2018 rollte der Ball im Russland Wladimir Putins. Selten hat aber eine WM eine derartige Abneigung wie diejenige in Katar ausgelöst.
Das zeigen auch die Bilder vom vergangenen Freitag. Sie werden von einem tiefen Misstrauen begleitet. Zwar soll es auf den Strassen erste angereiste Fans gehabt haben. Offenbar waren auch in Katar ansässige Expats dabei, die sich freuen, ihre Heimatländer in der Wahlheimat zu unterstützen.
Aber wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete, hatten sich vor allem indische Gastarbeiter mit den Dresses der brasilianischen Seleção, der englischen Three Lions, der Bleus oder anderer Teams gekleidet – oder sie wurden damit eingekleidet. Rund 750 000 Inderinnen und Inder leben in Katar und machen einen grossen Teil der bloss 2,8 Millionen Einwohner aus. Viele von ihnen zeigten sich am vergangenen Freitag als Spanien-Aficionados, Maradona-Verehrer, Portugal-Liebhaber.
Die Bilder von ihnen sollten zeigen: In Katar gibt es doch Fussballfans. Es gibt eine Fussballkultur. Es wird ein Fussballfest. Alles wird gut.
Supporten oder bloss die Werbetrommel rühren? Anhänger Argentiniens machen in Doha Stimmung.
Supporten oder bloss die Werbetrommel rühren? Anhänger Argentiniens machen in Doha Stimmung.
Martin Divisek / EPA
Fürs Fansein bezahlt?
Umso vernichtender fielen die Reaktionen im Netz aus. Es sei das Peinlichste, was in der Fussballwelt je geschehen sei, schreibt ein Twitter-Nutzer. Menschen würden dafür bezahlt, um Stimmung zu machen, da sind sich viele sicher.
Zwar ist es ist nicht ausgeschlossen, dass es einen Frankreich-Fanklub in Katar gibt und dass der vierfache Weltmeister Deutschland überall Sympathisanten hat – auch unter indischen Gastarbeitern. Und jeder Sportanlass hat seine Marketingtricks, von den geschenkten Bidons am Strassenrand der Tour de Suisse bis zu den Gratiseintritten für Schulklassen auf sonst gähnend leeren Tribünen im Letzigrund bei einem FCZ-Spiel.
Trotzdem: Das Misstrauen gegenüber der Fifa und Katar ist nicht aus der Luft gegriffen. Vor rund zehn Tagen hatte die ARD in einer Recherche aufgezeigt, dass das Organisationskomitee der WM 450 Fans aus 59 Ländern gratis nach Katar einlädt. Reise, Tickets, Hotel, Rundum-Programm und sogar rund 70 Euro Sackgeld pro Tag: Alles soll bezahlt sein.
Die Gegenleistung: nette Posts auf Social Media mit dem Slogan «Qatar – the fans’ world cup» und dem Hashtag #IAMAFAN. Das soll sogar in einem Verhaltenskodex geregelt sein, welchen die Teilnehmer des sogenannten «Fan Leader Network» unterzeichnen mussten.
Das OK sagte gegenüber der ARD, dass die Fans ein «unbezahltes Ehrenamt» bekleiden würden. «Wir bitten Sie nicht, ein Sprachrohr für Katar zu sein. Aber es wäre offensichtlich unangebracht, Katar, das Organisationskomitee oder die WM zu verunglimpfen», stehe in den «Prinzipien für gute Postings», die der ARD vorlagen. Nicht zugelassen im Programm seien Fans «mit offensichtlicher politischer Gesinnung». Das sind bedenkliche Abhängigkeiten, die in der Sportwelt und im Fifa-Kosmos allerdings nicht mehr erstaunen.
1600 Fans als Teil der Eröffnungsfeier
Anlässlich der Eröffnungsfeier sollen rund 1600 Fans aus den Teilnehmernationen an der Show partizipieren. Sie werden auf Einladung des Organisationskomitees anwesend sein. Auch das stösst auf Kritik von Fanorganisationen. Die Begeisterung unter den aktiven Fangruppen der Nationalteams sei wohl in vielen Ländern eher gering, sagte Martin Endemann vom europäischen Fanbündnis Football Supporters Europe gegenüber der ARD. Deshalb kaufe Katar Fans ein. Das seien keine repräsentativen Vertreter, sondern höchstens freiwillige Helfer der Fifa.
Nicht wenige behaupten, dass sich Katar mit seinem unermesslichen Reichtum den Zuschlag für die WM erkauft habe. Nun wird befürchtet, dass es auch das letzte Gut des Fussballs einkauft: die Emotionen.
— «Wenn jemand sagt, der FCZ sei kein Spitzenklub, habe ich Mühe, weiterzudiskutieren.» Ancillo Canepa